Sich differenziert mit dem Krieg in der Ukraine sowie den Maßnahmen des Westens gegen Russland auseinandersetzen zu wollen, ist oft zum Scheitern verurteilt. Denn es geht schnell darum, wer in welcher Ecke steht. In Ansätzen deutlich wurde diese Kontroverse nach der Podiumsdiskussion „Sicherheitspolitik als Dialog“ der Evangelischen Erwachsenenbildung in der Überlinger Auferstehungskirche, als sich ein Scharmützel unter einigen Zuhörern entwickelte, die sich den Disput zuvor angehört hatten. Historische Erklärungs- und Deutungsversuche des Krieges stießen auf die grausame Wirklichkeit, die in der Ukraine die Menschen quält.

Das könnte Sie auch interessieren

Dabei hatten der Sicherheits- und Verteidigungsstratege Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und der Militärgegner Theodor Ziegler, Mitglied des Koordinationskreises der Initiative „Sicherheit neu denken“, durchaus kontrovers, aber sehr differenziert und zivilisiert über den richtigen Weg zum Frieden diskutiert, wobei sie mit Bettina Kommoss, Andreas Bordne und Albrecht Knoch gleich von drei Moderatoren befragt und flankiert wurden. Über allem schwebten unter der Empore kleine Origami-Friedenstauben in den ukrainischen Landesfarben.

Rüstungsbetriebe und Friedensinitiativen am Bodensee

„Für die Bodenseeregion mit ihren Rüstungsbetrieben und zahlreichen Friedensinitiativen ist das Gespräch gerade jetzt besonders wichtig und brisant“, hatte Bettina Kommoss, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung, die Podiumsdiskussion angekündigt und mit einem Text von Matthias Claudius eröffnet: „S‘ist Krieg“. Doch Thema sollte der Weg zum Frieden sein. Bettina Kommoss stellte die beiden klassischen Positionen gegenüber. „Willst du den Frieden, bereite den Krieg vor“ hätten die Römer formuliert. Oder gelte das Prinzip der Friedensbewegung: „Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Theodor Ziegler formulierte dies später mit Gandhi. Frieden könne nicht nur das Ziel sein, sondern: „Frieden ist der Weg.“ Wie das funktionieren könne? Auf keinen Fall „top down“, sagte Ziegler. Das gehe nur von unten nach oben. Als globales Grundproblem nannte er allerdings die enormen Ungerechtigkeiten auf der Welt: „Wir leben von den anderen.“

Idee: eine internationale Polizei der OSZE aufbauen

Was man tun könne, „dass wir uns alle sicher fühlen können“, fragte Albrecht Knoch. „Unser Vorschlag ist, eine internationale Polizei aufzubauen aus allen Mitgliedsländern der OSZE“, sagte Ziegler. Die solle zuständig sein, wenn es Streitigkeiten gebe „wie in der Ukraine oder Nordirland“. Ohne den russischen Angriffskrieg zu relativieren, erinnerte er an das Vorgehen der USA und des Westens im Irak, in Libyen und in Afghanistan. Mit großer Skepsis höre er die Forderung, Putin als Kriegsverbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, erklärte Theodor Ziegler. Dann müsse man dies im Grunde für George W. Bush und Tony Blair auch fordern.

„Die Demokratie muss wehrhaft sein“, lautet ein häufiger denn je bemühter Satz. Sie dürfe sich Aggressoren nicht ungeschützt ausliefern. Die UN-Charta verbiete zwar den Krieg, stimmte Christian Mölling einer Aussage von Theodor Ziegler zu. „Doch sie erlaubt die Verteidigung.“ Welchen Stellenwert er der zivilen Krisenprävention beimesse, fragte Andreas Bordne und wie diese mit der militärischen Kapazität zusammenhänge. Vieles hänge von den Kriegszielen ab, sagte Mölling. Ungerechtigkeiten abzubauen, sei sehr wichtig. „Doch was machen wir, wenn jemand Ungerechtigkeiten nicht abbauen und wenn er keine Demokratie will?“

„Was tun, wenn einer Ungerechtigkeiten nicht abbauen, wenn er keine Demokratie und keinen Frieden will?“ Christian Mölling ...
„Was tun, wenn einer Ungerechtigkeiten nicht abbauen, wenn er keine Demokratie und keinen Frieden will?“ Christian Mölling (Mitte) von der Gesellschaft für Auswärtige Politik im Gespräch mit Andreas Bordne und Bettina Kommoss von der Evangelischen Erwachsenenbildung. | Bild: Hanspeter Walter

Militär nicht der wichtigste Teil der Friedenssicherung

Wobei das Militär nicht der wichtigste Teil der Friedenssicherung sei, erklärte Mölling, fragte allerdings auch: „Was ist zurzeit das Problem – das deutsche Militär oder das russische Militär?“ Die Antwort sei hier wohl eindeutig. Zumal alle Standorte der Bundeswehrbewaffnung bekannt seien und zu aggressiven Handlungen daher wenig taugten. Möllings Bewertung des Nato-Ziels, zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für die Sicherheit auszugeben: Dies müsse nicht nur mit Blick auf das Militär gesehen werden. „Das wäre reine Geldverschwendung“, argumentierte Mölling. Die Klimakrise gefährde die Sicherheit ebenfalls und auch dafür könne ein Teil dieser Mittel sinnvoll eingesetzt werden. Ja, er hoffe, dass dies auch erkannt werde.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Ukrainekrieg werde mit einem Verhandlungsfrieden enden, prognostizierte Christian Mölling. Die Frage sei nur: „Wird es ein Kapitulationsfrieden oder ein Verständnisfrieden?“ Die Ukraine versuche hier, ihre Ausgangsposition zu verbessern. Wieviel menschliches Leid sie dafür in Kauf nehme, diese Entscheidung könne nur die Ukraine selbst treffen.

„Unser Vorschlag ist, eine internationale Polizei aufzubauen aus allen Mitgliedsländern der OSZE“: Theodor Ziegler vom ...
„Unser Vorschlag ist, eine internationale Polizei aufzubauen aus allen Mitgliedsländern der OSZE“: Theodor Ziegler vom Koordinationskreis „Sicherheit neu denken“ mit Bettina Kommoss und Albrecht Knoch. | Bild: Hanspeter Walter

„Wenn wir heute nicht anfangen, wird es nie etwas“, sagte Theodor Ziegler, der sich gegen Waffenlieferungen ausspricht und darin nur eine Verschärfung des Krieges sieht. Hätte es nicht weniger Leid gegeben, wenn die Ukraine sich nicht gewehrt hätte und sich anschließend mit zivilen Mitteln gegen eine Besatzung gewehrt hätte, fragte Ziegler. Dass diese These nicht haltbar sei, sah Christian Mölling schon darin bestätigt, dass dir russische Armee mittlerweile viele Ukrainer deportiert habe.