Influence Osarobo wäre gerne zur Schule gegangen. Er hätte gerne die deutsche Sprache und die Kultur im Land besser kennengelernt. Doch dann kam die Pandemie. „Vor Corona war ich schon in der Schule“, erzählt Osarobo. Er spricht auf Englisch, hat einen Akzent.

Hätte der 32-Jährige in den vergangenen anderthalb Jahren regelmäßig die Sprachschule besucht, könnte er jetzt vermutlich immerhin einen Teil des Gespräches mit dem SÜDKURIER auf Deutsch führen. Doch die Schulen blieben wegen der Corona-Krise geschlossen.

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Für Influence Osarobo bedeutet Corona vor allem eins: fehlende Integration. Vor etwa zwei Jahren flüchtete der junge Mann aus Nigeria. Seitdem lebt er in Überlingen, aktuell in der Flüchtlingsunterkunft in Goldbach. Doch anders als andere Geflüchtete konnte er bisher noch nicht richtig ankommen.

Integrationsmanagerin Petra Limbach ist für Geflüchtete da

„Wegen Corona war alles geschlossen. Es war nichts los“, erzählt Osarobo. Richtige Freunde habe er bisher noch nicht gefunden. Der Nigerianer zuckt mit den Schultern und blickt nach oben. Sehr gesprächig ist er nicht, eher zurückhaltend.

Gegenüber Petra Limbach ist das anders. Sie bekommt ein Lächeln von dem jungen Mann geschenkt. Denn Osarobo weiß, dass die Integrationsmanagerin der Diakonie Überlingen immer für ihn da ist. Limbachs Büro liegt in Goldbach direkt neben der Flüchtlingsunterkunft. Dort ist sie direkte Ansprechpartnerin für die geflüchteten Menschen. Die 58-Jährige hört sich ihre Sorgen an, steht ihnen mit Rat zur Seite und versucht dort Probleme zu lösen, wo sie auftauchen. In der Corona-Pandemie kam die gelernte Sozialpädagogin dabei aber immer wieder an ihre Grenzen.

Integrationsmanagerin Petra Limbach: „Durch den Lockdown waren wir gezwungen, kreative und konstruktive Lösungen zu finden, um weiterhin mit den Geflüchteten in Kontakt zu bleiben.“
Integrationsmanagerin Petra Limbach: „Durch den Lockdown waren wir gezwungen, kreative und konstruktive Lösungen zu finden, um weiterhin mit den Geflüchteten in Kontakt zu bleiben.“ | Bild: Mona Lippisch

„Durch den Lockdown waren wir gezwungen, kreative und konstruktive Lösungen zu finden, um weiterhin mit den Geflüchteten in Kontakt zu bleiben und in der Beratung weiterzukommen“, erzählt Limbach. Denn die Geflüchteten waren in dieser Zeit in ihren Unterkünften, die Integrationsmanager der Diakonie im Homeoffice.

Kombination aus Digital- und Notbetreuung

Schnell wurde den Sozialpädagogen klar: Nur digital in Verbindung bleiben, reicht für viele Geflüchtete nicht aus. „Natürlich hat jeder ein Handy. Aber die Hemmungen, über das Telefon oder eine Nachricht seine Gefühle auszudrücken sind gerade bei traumatisierten Menschen größer“, erklärt Petra Limbach.

„Die Geflüchteten, die sich nicht selbstständig bei mir meldeten, habe ich angerufen.“
Petra Limbach, Integrationsmanagerin

Also wurde kurzerhand eine Notbetreuung in Goldbach eingerichtet. Mindestens ein Mitarbeiter der Diakonie war täglich vor Ort und konnte dringende Angelegenheiten mit den Geflüchteten klären. „Wenn ich im Homeoffice war, habe ich täglich Nachrichten, Anrufe und Anfragen von den Ämtern empfangen und beantwortet. Die Geflüchteten, die sich nicht selbstständig bei mir meldeten, habe ich angerufen“, zählt Limbach einige ihre Aufgaben auf.

Neben Themen rund um Corona waren auch zentrale alltägliche Fragen zu klären – von Arbeits- und Kitaplatzsuche über die Organisation neuer Möbel bis hin zu Wohngeldanträgen und Aufenthaltsgenehmigungen.

Viel Arbeit wegen Corona-Ausbruch in Goldbach

Um die Geflüchteten über die Corona-Pandemie zu informieren, habe Petra Limbach Zettel auf verschiedenen Sprachen verteilt und an Büros geklebt. Medizinische Masken wurden verteilt und in Briefkästen geworfen. Viel Arbeit gab es auch, als es vor einigen Monaten zu einem Corona-Ausbruch in der Flüchtlingsunterkunft in Goldbach kam. 24 von 30 Bewohner wurden positiv auf Covid-19 getestet.

„Wir mussten Kontaktdaten sammeln und Listen für das Gesundheitsamt erstellen. Glücklicherweise haben uns einige Ehrenamtliche dabei geholfen“, erzählt Limbach. Weiter ging es dann mit der Quarantänezeit, die ebenfalls zur Herausforderung für die Sozialpädagogen wurde – denn die betroffenen Geflüchteten mussten mit Lebensmitteln versorgt werden. „Also habe ich alle Bestellungen entgegengenommen. Dann waren wir oder die Ehrenamtlichen einkaufen“, berichtet die Integrationsmanagerin.

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Impfbereitschaft bei Geflüchteten ist niedrig

In den vergangenen Monaten rückte ein Thema dann immer mehr in den Vordergrund: die Corona-Impfung. Petra Limbach kümmerte sich um die Aufklärungsarbeit, gab den Geflüchteten mehrmals Bescheid und betonte die Wichtigkeit der Impfung. Doch trotz intensiver Aufklärungsarbeit haben sich nur wenige Geflüchtete für eine Corona-Impfung entschieden. „Es werden wohl nur etwa 10 bis 20 Prozent gewesen sein“, vermutet Limbach.

Aber die 58-Jährige möchte nicht aufgeben. Sie hat sich vorgenommen, im Gespräch mit den Geflüchteten immer wieder auf das Thema Impfung einzugehen. Denn durch die aktuell geringe Impfbereitschaft vermutet die Integrationsmanagerin, dass das Virus erneut in einer der Unterkünfte einfallen könnte.

Hygienemaßnahmen bleiben weiterhin wichtig

„Deswegen bleiben wir weiter vorsichtig und setzen alle Hygienemaßnahmen um“, betont Limbach. Immerhin könne sie seit Anfang Juli wieder im Büro arbeiten und sei dadurch ständig bei den Geflüchteten präsent. „Ich bin sehr dankbar, wieder direkten Kontakt zu haben. Auch für mich waren die letzten anderthalb Jahre nicht einfach“, sagt Limbach. Und auch die Geflüchteten seien dankbar: „Sie haben sich sehr gefreut, dass es jetzt wieder ein bisschen Normalität gibt.“