Während der ersten Corona-Welle von Mitte März bis Ende April war das GpZ „sechs Wochen ganz dicht“, bevor dessen Sozialdienst dann mit einer Notbetreuung starten konnte, wie Geschäftsführer Ingo Kanngießer und Astrid Hermann vom Sozialdienst rekapitulieren. Davon waren rund 100 Klienten und Mitarbeiter betroffen. Für etliche von ihnen sei die Tätigkeit im GpZ, das Einzige, was ihrem Tag Struktur gebe, wo sie andere Menschen träfen, viele bangten seither, es könne wieder zu einer Schließung kommen.

Gesprächsrunde im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Überlingen (von links): Geschäftsführer Ingo Kanngießer, Astrid Hermann, Leiterin des Sozialdienstes, und Julian Dütting, der in der W äscherei arbeitet.
Gesprächsrunde im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Überlingen (von links): Geschäftsführer Ingo Kanngießer, Astrid Hermann, Leiterin des Sozialdienstes, und Julian Dütting, der in der W äscherei arbeitet. | Bild: Sylvia Floetemeyer

„Es gibt immer die große Angst, wir machen wieder zu, jedes Mal, wenn sich die Politiker zusammensetzen“, bestätigt Falko Wendland, Leiter der Küche, in der 23 Leute arbeiten. Kanngießer jedoch glaubt das nicht. Nach allem, was er aus den Ministerien höre, werde es keine allgemeinen Betretungsverbote mehr geben. „Man hat festgestellt, dass das für viele sehr hart ist.“ Etwa für Julian Dütting, der als Produktionshelfer in der Wäscherei arbeitet. „Ich habe daheim nur ein Zimmer, und das wurde immer kleiner. Die Arbeit fehlte.“

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Erfahrungen aus dem Frühjahr stecken in den Knochen

Astrid Hermann berichtet, am meisten habe die Ungewissheit an den Nerven gezerrt, die vielen immer noch in den Knochen stecke. Die Verordnungen galten jeweils für 14 Tage. „Wir wussten am Freitag nicht, wie es am Montag weitergeht.“ „Das Ungewisse war schlimmer als alles andere“, bestätigt Koch Thomas Schmid. Ansonsten sei er mit dem Zwangsurlaub im letzten Jahr gut zurechtgekommen. Er kenne keine Langeweile und wohne auch gerne allein. Wendland sagt: „Manche hatten keine Probleme, manche sind schier durchs Telefon gesprungen und wollten arbeiten.“

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Eine Kollegin, eine Hauswirtschafterin, die anonym bleiben möchte, beschäftigte am vordringlichsten, eine Notbetreuung für ihren dreijährigen Sohn zu bekommen. „Das ist wahninnig wichtig für die Entwicklung.“ Die Tagesmutter habe im März und April dicht machen müssen.

Manche mobilisieren ungeahnte Kräfte

Hermann hebt hervor: „Der große Teil packt‘s viel, viel besser, als wir gedacht haben.“ Manche ihrer Klienten „haben ganz viele Kräfte mobilisiert, von denen sie nicht wussten, dass sie da sind.“ Dütting kann da nur zustimmen. Er war früher eine Nachteule, begann erst kurz vor Mittag mit der Arbeit. Doch da die Wäscherei coronabedingt auf Schichtbetrieb umstellte, änderte er seinen Lebensrhythmus, fängt jetzt morgens um halb neun an und will das so beibehalten: „Ich habe mein Leben umgestellt. Ich will lieber wach sein, wenn es hell ist.“ Und dann blickt Dütting zurück: „Ich habe mich so gefreut, als der Anruf vom Sozialdienst kam: Du darfst wieder kommen. Zuhause, das bringt nix.“

Corona macht Veränderungen leichter

Durch die Pandemie käme so mancher aus der Komfortzone raus, sagt Kanngießer. So habe man nun beispielsweise in der Wäscherei Produktionsabläufe verändert, etwa Sortierbereiche kundenspezifisch organisiert. Einige der Neuerungen seien schon vor Corona anvisiert gewesen. Doch: „Die Veränderungsbereitschaft war früher einfach nicht da.“ Dabei sind die Corona-Regeln für die Menschen im GpZ eine besondere Herausforderung: „Viele unserer Klienten und Beschäftigten kennen Social distancing aus dem normalen Leben. Jetzt kommt die physische Distanz dazu.“ Viele seien dankbar für die Angebote des Sozialdienstes.

„Die Veränderungsbereitschaft war früher einfach nicht da.“ So GpZ-Geschäftsführer Ingo Kanngießer, der auch positive Auswirkungen beschreiben kann, die sich durch die Corona-Krise einstellten.
„Die Veränderungsbereitschaft war früher einfach nicht da.“ So GpZ-Geschäftsführer Ingo Kanngießer, der auch positive Auswirkungen beschreiben kann, die sich durch die Corona-Krise einstellten. | Bild: Yannik Gräf

Fördermittel machen Konferenzsystem möglich

Wo persönliche Treffen nach wie vor nicht möglich sind, bieten digitale Medien die Chance, dennoch in Kontakt zu bleiben. Mit Fördergeldern konnte das GpZ für sein gemeinnütziges Angebot „Knallaktiv“, das sich an Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung richtet, ein Konferenzsystem anschaffen. Damit habe man man zum Beispiel am Rosenmontag eine Online-Party veranstaltet.

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Digitalisierung „sogar eher eine Chance für uns“

Auch sonst bedient man sich virtueller Mittel. Da die Singgruppe, das beliebteste Angebot von Knallaktiv, derzeit ausfallen müsse, schicke man an den Terminen zum Beispiel Links zu YouTube-Videos, zu denen man daheim mitsingen könne. Rainer Schaff, Beschäftigter des GpZ, der in der Betroffenbeteiligung aktiv ist, sieht in der Digitalisierung sogar „eher eine Chance für uns“, für Menschen mit Psychiatrieerfahrung. „Teilhabe war immer ein Thema.“ Die Mainstreamgesellschaft habe sie schon immer besessen. „Digitale Teilhabe ist auf der Höhe der Zeit und wir können da mitsprechen. Das macht‘s besonders reizvoll.“ Ihm selbst sei es während des Lockdowns gut gegangen. „Social distancing ist für uns eh nichts Neues. Aber ich bin keine Referenzgröße für Psychiatrieerfahrene.“

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Generelle Isolation Behinderter sei „völliger Quatsch“

Rainer Schaff betont: „Von unseren Leuten hört man nichts, weil sie sich nicht beschweren, weil sie keine große Lobby haben, dabei sind sie oft die Ärmsten.“ Man dürfe sie aber nicht in eine Schublade stecken, heben Schaff und Hermann gemeinsam hervor. Es dürfe nicht mehr vorkommen, so Hermann, dass von oben herab entschieden werde: „Alle Behinderten sind schutzbedürftig, ihr dürft da nicht mehr hin. Das war völliger Quatsch.“ Das schädige psychisch kranke Menschen viel stärker, als dass es ihnen nutze.

In der Bahnhofstraße bislang keine Coronafälle

Das Corona-Hygienekonzept des GpZ funktioniere, machen Kanngießer und seine Mitstreiter deutlich. Am Standort Bahnhofstraße habe man bislang keinen einzigen Covid-Fall gehabt. Indes seien am Standort „Im Degenhardt“ Ende 2020 vier Leute betroffen gewesen, doch alle hätten sich außerhalb infiziert und innerhalb des GpZ niemanden angesteckt.