Kurzen Prozess hat Richter Alexander von Kennel mit einer renitenten Angeklagten gemacht. Er unterbrach die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Überlingen nach nicht einmal 30 Minuten, um bei einem Sachverständigen ein Gutachten über die Schuld- und Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten einholen zu lassen.

Angeklagte schreit und läuft im Gerichtssaal umher

Zuvor hatten sich teils dramatische Szenen abgespielt. Die Angeklagte äußerte sich nur schreiend, lief im Gerichtssaal umher und klammerte sich letztendlich an die Plexiglasscheibe vor dem Richtertisch.

Die 53-jährige Frau aus Überlingen war wegen Beleidigung und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte in vier tateinheitlichen Fällen angeklagt. Schon als sie in den Sitzungssaal kam, gab sie sich widerspenstig, schrie, sie könne das Desinfektionsmittel für die Hände nicht sehen, da ihre Brille unter der Maske beschlage, und setzte sich nur widerwillig an ihren Platz.

Betrunkene Frau wird handgreiflich gegen Passanten und Polizisten

Die Verlesung der Anklage durch die Staatsanwältin nahm die 53-Jährige noch ruhig hin. Demnach war sie im August an einem frühen Nachmittag betrunken von einer Parkbank im Mantelhafen gestürzt. Die Polizei nahm sie in Gewahrsam, da sie sowohl die Polizisten als auch Passanten beleidigte und handgreiflich wurde. Als der Frau im Krankenhaus auf Anordnung eine Blutprobe entnommen wurde, fiel sie dort beinahe von der Liege und trat nach dem Polizisten, der sie stützte. Der ermittelte Alkoholwert im Blut lag bei etwa 1,5 Promille, erklärte die Staatsanwältin den medizinischen Wert.

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Ihr Leben sei schwierig und deshalb trinke sie manchmal Alkohol

Auf Nachfrage des Richters, ob sie die Anklage verstanden habe, fing die Angeklagte an zu zetern. „Ich darf doch nachmittags betrunken auf der Parkbank liegen“, sagte sie in trotzig-aggressivem Tonfall. Seit 15 Jahren leide sie an einer schmerzhaften Krankheit und lebe deswegen von Harz IV. Sie habe Abitur und studiert und habe zwei erwachsene Kinder, die aber wegen ihrer Krankheit nichts von ihr wissen wollten. Ihr Leben sei schwierig und deshalb trinke sie manchmal Alkohol, brachte sie in zunehmend aggressivem Tonfall vor.

Provokation im Gerichtssaal

Nachdem der erste Polizeibeamte als Zeuge seine Aussage über den Tathergang gemacht hatte, spitzte sich die Lage zu. Die 53-Jährige stand auf und ging, mit den Händen fuchtelnd, auf den Zeugen zu, bis sich ein Justizvollzugsbeamter abwehrend vor sie stellte. Diesen musterte sie abfällig: „Gegen dich würde ich auch noch ankommen.“ Und fragte provozierend: „Hast du Angst?“ Anschließend umrundete sie den Beamten, ging zum Richtertisch und schrie: „Bitte erschießen Sie mich.“

Statt nach Hause zu gehen, wird die Frau wieder am Mantelhafen aufgegriffen

In Absprache mit der Staatsanwältin schloss Richter von Kennel die Verhandlung, ordnete ein Gutachten der Psychiatrischen Klinik in Friedrichshafen (ZfP) an und schickte die Angeklagte nach Hause. Dort sollte sie jedoch nicht ankommen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Die Frau wurde erneut in psychisch schlechter Verfassung am Mantelhafen aufgegriffen und, nachdem sie im Polizeirevier randalierte, in eine Spezialklinik gebracht.