Lauter Beispiele aus der Bodenseeregion, die Marion Vogt im Internet in einschlägigen Portalen aufspießt. Wir drucken sie nicht in Bildern ab, sondern beschreiben nur. Es ist schließlich der Besitzer eigene Entscheidung, ob sie so an den Markt gehen wollen oder nicht. Doch ihre Beispiele genügen, um bei der These von Marion Vogt zumindest aufzuhorchen.

Marion Vogt aus Überlingen: „Es gibt am See wunderschöne Ferienwohnungen, in die ich am liebsten gleich einziehen möchte, aber leider auch das Gegenteil.“
Marion Vogt aus Überlingen: „Es gibt am See wunderschöne Ferienwohnungen, in die ich am liebsten gleich einziehen möchte, aber leider auch das Gegenteil.“ | Bild: Hilser, Stefan

Als da wäre ein Ferienhaus, das im Internet beworben wird mit einem Couchtisch aus den 70er Jahren, einer altmodischem Sofagarnitur, einer armseligen Blume auf dem Tisch und das auch noch in einer schlechten Fotografie dargestellt. Das Mobiliar ist veraltet, der Fernseher ist nicht flach, sondern globig.

Ein anderes Beispiel zeigt einen wilden Mustermix, beklebte braune Fließen im Bad, schrille Sofakissen. Stehlampen und Küchenutensilien, von denen man den Eindruck gewinnt, dass der Vermieter sie aus seinem eigenen Haushalt verbannte, zum Wegwerfen aber für zu schade hält.

Überlingens Tourismuschef Jürgen Jankowiak: „Direkte Rückmeldungen von Gästen bei der ÜMT sowie Bewertungen auf Bewertungs-Plattformen zeigen, dass es einen guten bis sehr guten Standard bei den Ferienwohnungen in Überlingen gibt.“
Überlingens Tourismuschef Jürgen Jankowiak: „Direkte Rückmeldungen von Gästen bei der ÜMT sowie Bewertungen auf Bewertungs-Plattformen zeigen, dass es einen guten bis sehr guten Standard bei den Ferienwohnungen in Überlingen gibt.“ | Bild: Hilser, Stefan

Lotteriespiel für Touristen

Oder in einem dritten Beispiel, das als „modernes Appartement“ angepriesen wird, sieht man nur das Haus von außen, aber bekommt keinen Einblick in die Zimmer, die einen da erwarten. Die Urlauber ließen sich also auf ein Lotteriespiel für die vermeintlich schönsten Wochen des Jahres ein.

So kann man an den Markt gehen, doch Erfolg sieht anders aus, findet Marion Vogt aus Überlingen. Sie ist ausgebildete Home Stagerin und Redesignerin, mit Ausbildung beim DGHR in Wiesbaden, dem offiziellen Verband ihrer Berufsgruppe. Die Abkürzung steht für Deutsche Gesellschaft für Home Staging und Redesign e.V..

Überlingens Tourismus-Chef Jürgen Jankowiak bricht eine Lanze für die Wohnungen „mit einem geringeren Standard“. Dass sie ihre Berechtigung haben, zeige sich daran, dass ein Teil der Gäste preiswerte Wohnungen bevorzuge. Sie seien deshalb zu Abstrichen beim Angebot bereit, „so lange das Preis-Leistungsverhältnis stimmt“.

Die Überlingerin Marion Vogt spricht auch aus Sicht der Touristin. Sie sei viel in der Welt unterwegs gewesen und habe gelernt: Teuer muss nicht unbedingt gut sein, und umgekehrt. Eines habe sie aber für sich verinnerlicht: „Ich möchte immer gleich beim Aufwachen merken, wo ich gerade bin. Am See möchte ich nicht über dem Bett
ein Bild mit Muscheln und Kokosnusspalmen vorfinden.“

Von Touristen verwöhnt, die trotzdem kommen

Schlechten Geschmack gibt es ja aber vermutlich nicht nur am Bodensee. Doch Marion Vogt hat dazu eine Meinung: „Es gibt am See wunderschöne Ferienwohnungen, in die ich am liebsten gleich einziehen möchte, aber leider auch das Gegenteil.“

Die Gäste, die hier Urlaub machen, würden vielleicht auch den Schwarzwald, das Allgäu oder auch die Nordsee buchen, „sie schwenken aber sicherlich nicht nach Thailand um“. Doch stelle sie fest, dass an der Nord- und Ostsee „viel mehr Wert auf hervorragende Privatunterkünfte gelegt wird“. Dort hätten sie verstanden, „dass, wenn das Marketing stimmt, die Kasse viel öfter klingelt“.

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An Regentagen Ambiente wichtiger als Aussicht

Auch im Schwarzwald werde sehr viel investiert. „Nach meiner Erfahrung wird auch gerade außerhalb der Hochsaison eine Ferienwohnung nach der Behaglichkeit ausgesucht. Man fragt sich, ob man dort auch gerne Regentage verbringen würde, auf dem Sofa.“ Da sei es zweitrangig, ob die Ferienwohnung am Bodensee oder im Allgäu liegt. Davon könnten die Vermieter im Hinterland profitieren.

Gastgewerbe strebt nach Saisonverlängerung

Doch angenommen, die These stimmt, und am Bodensee wird zu wenig in geschmackvolle Unterkünfte investiert: Könnte das dann daran liegen, dass wir hier in der Region von Touristenmassen verwöhnt sind? Marion Vogt meint: „Ja, wir sind sicherlich verwöhnt und im Sommer sind die Unterkünfte voll. Doch was spricht dagegen, die Auslastung und den Gewinn zu erhöhen und mit dem Fewogewerbe endlich im Jahr 2020 anzukommen?“

Die Region wolle sich als Ganzjahresziel etablieren, aber gerade in er Nebensaison seien die Urlauber wählerischer. Einmal von einem Foto abgeschreckt, hole man den potenziellen Gast nicht mehr zurück. Der erste Eindruck zählt, und wenn es viele Angebote im Netz gibt, klickt man schnell weiter.

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Viele positive Beispiele

Natürlich gibt es auch viele positive Beispiele. Der Gast fühlt sich sofort wohl, es duftet nach frischer Luft, frisch geputzt, aber nicht nach Putzmittel. Man möchte sofort die Kaffeemaschine nutzen und hat nicht das Gefühl, erst einmal einen Großputz machen zu müssen, bevor man richtig ankommt im Urlaub. Dann gibt es im Anschluss auch eine positive Bewertung im Internetportal, die wiederum noch mehr wert ist als ausgeklügelte Fotos.

Klassifizierung durch den Deutschen Tourismusverband

Zurück zum Eindruck, den Überlingens Tourismus-Chef in den letzten Jahren gewonnen hat. Der Geschäftsführer der ÜMT (Überlinger Marketing- und Tourismus GmbH, ein Tochterunternehmen der Stadt), sagte auf Anfrage: „Direkte Rückmeldungen von Gästen bei der ÜMT sowie Bewertungen auf Bewertungs-Plattformen zeigen, dass es einen guten bis sehr guten Standard bei den Ferienwohnungen in Überlingen gibt. Zudem gibt es nur selten negative Rückmeldungen zu mangelhaften Angeboten im Bereich der Ferienwohnungen, so dass nur bei einzelnen Objekten auf einen Sanierungsstau geschlossen werden kann.“

In Überlingen seien die Gastgeber zu 90 Prozent Privatanbieter. Er gehe deshalb davon aus, dass im persönlichen Austausch zwischen Gast und Gastgeber eventuelle Beanstandungen vorgebracht werden „und zu einem laufend verbesserten Angebot beitragen“.

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