„Kunst ist eine Tochter der Freiheit“, sagte einst Friedrich Schiller. Ja, künstlerische Freiheit ist ein beliebtes geflügeltes Wort und wird gerne bemüht, wenn es jemand mit Wirklichkeit oder Wahrheit im kreativen Bereich nicht so ganz Ernst nimmt. Was dies ganz konkret im wahren Wortsinn heißt, wird in der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie Fähnle regelrecht augenfällig.

Gegenüberstellung von Gestaltung und Realität

Bei der Bilderschau haben Kurator Hansjörg Straub und Fotograf Hannes Beller eine Gegenüberstellung von kreativer Gestaltung und heutiger Realität inszeniert. „Es ging uns nicht nur darum zu zeigen, wie sich die Landschaft über die Zeit natürlich verändert hat“, sagt Straub: „Wir wollten deutlich machen, was der Künstler bei seiner subjektiven Darstellung daraus gemacht hat.“

„Wo ist das denn?“ rätseln die Betrachter bei Landschaftsbildern nicht selten und versuchen, das Motiv mit einer realen Perspektive in Verbindung zu bringen. Auch Straub und Beller ging dies bei den ausgewählten Bildern regionaler Künstler oft ähnlich. Mutmaßungen und Spekulationen über Blickwinkel und Perspektiven waren bei den Kennern der Bodenseelandschaft schnell bei der Hand. Doch waren sie richtig?

Gemeinsam suchten sie zur Überprüfung die Standorte auf, an denen möglicherweise die Staffelei des Künstlers gestanden haben könnte oder die der Maler in seinem Atelier aus der Erinnerung im Kopf hatte. Mit seiner Kamera versuchte Fotograf Beller, die vergleichbare Situation aus heutigem Blick festzuhalten. Das gelang nicht immer auf Anhieb.

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War die Fotografie eine Befreiung für die Maler?

„Stimmt, das kenne ich auch so“, denken die Besucher bei manchen Gegenüberstellungen. Bei anderen spielten die Maler eben jene künstlerische Freiheit aus, um verschiedene Elemente auf kreative Weise zu konzentrieren und ihnen einen subjektiven Stempel aufzudrücken. „Als die Fotografie aufkam, war das eine Befreiung für die Maler“, interpretiert Hansjörg Straub die Entwicklung. „Vielleicht war es auch eine Kapitulation“, hält Beller entgegen.

Was in Sekundenschnelle mit einer Kamera detailgetreu eingefangen werden konnte, mussten Künstler nicht mehr penibel und präzise nachbilden. So hatte sich Hans Fähnle bei einem Gemälde vom Seeufer mehrere Skizzen angelegt, die sich leicht unterschieden und dann das aus seiner Sicht ausdrucksstärkste Motiv im Atelier umgesetzt.

Maler setzt Wiese mit Blütenweg einfach um

An konkreten Beispielen werden die Unterschiede klar. Auf der Suche nach der Perspektive eines Sipplingen-Motivs hatten Einheimische keine Zweifel: „Das ist der Blick vom Blütenweg.“ Doch die Ausstellungsmacher stellten am vermeintlichen Standort schnell fest. „Das kann nicht sein.“ Zwar sieht man den Ortskern mit Kirche mit See und Säntis dahinter, doch die Berge liegen von hier viel tiefer hinter dem Dorf und nicht so hoch darüber wie auf dem Gemälde. Bald war den Suchenden klar: Diesen Blickwinkel hat man nur vom Haldenhof aus. Dass Maler Willi Seilnacht kurzerhand die Wiese mit dem Blütenweg vor Sipplingen setzte, sei seinem „Bedürfnis nach Romantisierung“ geschuldet, wie Hansjörg Straub sagt.

Zwei Blickwinkel kombiniert hat Willi Seilnacht bei dieser Ansicht Sipplingens. Hinter dem Blütenweg taucht die Perspektive auf, wie sie nur vom Haldenhof zu erkennen ist, wie die Fotografie belegt – eine subjektive Romantisierung.
Zwei Blickwinkel kombiniert hat Willi Seilnacht bei dieser Ansicht Sipplingens. Hinter dem Blütenweg taucht die Perspektive auf, wie sie nur vom Haldenhof zu erkennen ist, wie die Fotografie belegt – eine subjektive Romantisierung. | Bild: Hanspeter Walter

Künstler nehmen teils fiktive Blickwinkel ein

Ähnlich subjektive Momente scheinen bei Victor Mezger, dem Älteren, bei einem Blick auf Überlingen aus dem Jahr 1929 erkennbar zu sein. „Den Münsterturm hat Mezger offensichtlich deutlich überhöht, vielleicht um ihm mehr Bedeutung zu geben“, sagt Fotograf Hannes Beller. Wobei Mezger zugleich die Proportionen verändert hat. Beller: „Der Turm müsste dann eigentlich viel dicker sein.“ Zweifellos sei es ein Blick vom heute bebauten Schättlisberg, wobei Mezger die St.-Johann-Schanze auf einen veritablen Hügel gesetzt und dichter ans Münster herangerückt habe. Wohl um die Dramatik des Gemäldes zu erhöhen. Einen fiktiven Blickwinkel hat auch Georg Schulz bei seiner Szenerie zwischen Ludwigshafen und Bodman gewählt. Hätte er sein Motiv in der gemalten Form gesehen, hätte er quasi in einer Drohne sitzen müssen.

Deutlich überhöht hat Victor Mezger bei diesem Gemälde den Münsterturm und die St. Johann-Schanze, die zudem enger zusammengerückt sind.
Deutlich überhöht hat Victor Mezger bei diesem Gemälde den Münsterturm und die St. Johann-Schanze, die zudem enger zusammengerückt sind. | Bild: Hanspeter Walter

Kuratoren gehen auf manche mühsame Suche

Mühsam war für die Kuratoren die Suche nach der Perspektive des Meersburger Malers Hans Dieter bei einem Blick auf die Dächer der Unterstadt mit sehr viel See. Da Dieter sein Atelier einmal in der alten Burg hatte, wurden sie dort nach längerem Suchen fündig. Fotografisch reproduzieren lässt sich dieser Blickwinkel zwar nahezu, doch verdecken heute an dieser Stelle große Bäume den Vordergrund der Gebäude.

Von Bäumen zugewachsen ist diese Ansicht auf den See und die Gassen der Meersburger Unterstadt, wie sie Hans Dieter von der Meersburg aus gesehen hatte.
Von Bäumen zugewachsen ist diese Ansicht auf den See und die Gassen der Meersburger Unterstadt, wie sie Hans Dieter von der Meersburg aus gesehen hatte. | Bild: Hanspeter Walter

Anders bei einem Ausblick von der letzten Terrasse hinter dem ehemaligen Priesterseminar und heutigen Droste-Hülshoff-Gymnasium. Was Walter Conz hier 1935 von einer etwas erhöhten Position mit dem Pinsel festgehalten hatte, konnte Hannes Beller mit seiner Kamera nahezu exakt realistisch nachbilden – mit der alten Mauer, die teilweise ein Fenster des Gebäudes verdeckt.

Präzise wiedergegeben hat Walter Conz diesen Blick von der Terrasse des ehemaligen Priesterseminars in Meersburg.
Präzise wiedergegeben hat Walter Conz diesen Blick von der Terrasse des ehemaligen Priesterseminars in Meersburg. | Bild: Hanspeter Walter

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Fähnle, Goldbacher Straße 70, läuft noch bis 3. Oktober. Geöffnet sonntags ab 16 Uhr und nach Vereinbarung. Vortrag von Ulrike Niederhofer, 26. September, 16 Uhr.

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