Zuerst fällt die Stille auf. Im Foyer der Überlinger Jugendherberge wuseln sonst aufgekratzte Schüler auf Klassenfahrt zwischen an- und abreisenden Gästen herum. Zurzeit sind hier Agnes und Holger Weppler, die Herbergseltern, sowie eine Mitarbeiterin allein. „Wir haben seit September wieder geschlossen“, erläutert Holger Weppler.

Er schaut auf ein sehr durchwachsenes Jahr zurück, in dem sie sich wechselnden Gegebenheiten anpassen mussten. „Am Anfang des Jahres konnten wir erst einmal nur Stornierungen entgegen nehmen“, erinnert er sich. Die Reservierungsliste des eigentlich ausgebuchten Hauses leerte sich zusehends. Neben den Schulklassen sagten beispielsweise auch Musik- und Chor-Gruppen ab, die unter anderem wegen der Landesgartenschau kommen wollten.

Herberge öffnet als eine der ersten in Baden-Württemberg wieder

Anfang Juni war die Überlinger eine der ersten von acht Jugendherbergen in Baden-Württemberg, die wieder öffnete. Direkt trafen Reservierungsanfragen ein. „Vor allem Familien haben im Sommer am Bodensee Urlaub gemacht und die waren gut drauf!“, berichtet Holger Weppler erfreut. Er beschreibt, wie sie mit Hilfe des Landesverbands die Hygiene-Regeln umgesetzt hätten.

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Die Zentrale in Stuttgart habe zu den wichtigsten Themen Teams gebildet, die für alle Häuser Ansprechpartner waren. Die kümmerten sich um Plexiglas für die Rezeptionen oder machten Konzepte, wie sich von der Anlieferung der Waren bis zur Desinfektion der Schlüsselkarten alles den Vorschriften konform regeln lässt. Statt des sonst üblichen Büffets wurde alles auf Tablets ausgegeben und auf den Tischen bereitgestellt mit den notwendigen Hygiene-Maßnahmen.

Durch Bäder in allen Zimmern können diese auch alle belegt werden

Die erst vor Kurzem aufwendig sanierte Überlinger Jugendherberge habe den Vorteil, dass alle Zimmer ein eigenes Bad haben, so Weppler. Dadurch hätten sie eigentlich alle belegen können. Die Schwachstelle war der Speisesaal. Dort fanden 40 Tische mit dem geforderten Mindestabstand Platz. „Jedes Zimmer bekam für die Zeit des Aufenthalts einen Tisch zugewiesen.“

Agnes Weppler zeigt wie die Vierbettzimmer aussehen, die alle ein eigenes Bad haben. Im Sommer haben sich hier viele Familien wohlgefühlt und Urlaub am Bodensee gemacht.
Agnes Weppler zeigt wie die Vierbettzimmer aussehen, die alle ein eigenes Bad haben. Im Sommer haben sich hier viele Familien wohlgefühlt und Urlaub am Bodensee gemacht. | Bild: Sabine Busse

Die Einschränkungen seien anstandslos hingenommen worden. Weder die Gäste noch die Belegschaft hätten sich beschwert, im Gegenteil. „Das Klima im Sommer war sehr gut.“ Da seien sie bis zum erlaubten Limit ausgebucht gewesen. „Es war irre, wie viele Nachfragen wir im Juni hatten!“

Im Jahr 2020 kommen 16 500 Übernachtungen zusammen

Im September mussten sie das Haus wieder schließen. Der Betrieb sei ohne Gruppen und Schulklassen, die sonst in dieser Jahreszeit kommen, nicht rentabel gewesen. Dass es 2020 doch noch 16 500 Übernachtungen wurden, sei ein Glücksfall, so Weppler, und sicher der guten Ausstattung und der idealen Lage am Bodensee geschuldet. Im Vergleich: 2019 wurden in der Überlinger Jugendherberge 45 000 Übernachtungen gezählt.

Agnes und Holger Weppler zeigen stolz die Küche mit modernsten Geräten. Sie ist wie das komplette Haus 2015 renoviert worden.
Agnes und Holger Weppler zeigen stolz die Küche mit modernsten Geräten. Sie ist wie das komplette Haus 2015 renoviert worden. | Bild: Sabine Busse

Die Höhe des wirtschaftlichen Schadens kann er noch nicht beziffern. Das wird beim Landesverband zu Beginn des neuen Jahres errechnet. Im Sommer arbeiten bis zu 30 Mitarbeiter in der Jugendherberge, davon nur wenige Saisonkräfte. Im Moment sind alle in Kurzarbeit.

Aber Weppler und seine Frau, die bereits seit zwölf Jahren hier die Herbergseltern sind, gucken nach vorne und bereiten das nächste Jahr vor. Es liegen schon die ersten Buchungen – auch von Schulklassen – vor. Holger Weppler geht mit gedämpftem Optimismus an die nächste Saison. „Ich erwarte nicht, dass es wie ein normales Jahr ablaufen wird, aber wir machen das Beste draus.“

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