Den verwitterten Schriftzug „Haus Jaegerhuber“, tief eingeschnitzt in das verwitterte Gartentürchen, gibt es noch immer. Wenige Meter dahinter, halb verdeckt durch hohen Baumbestand, steht wie eine Insel in der Zeit, das alte Gebäude. Der Anblick des seit annährend hundert Jahren fast unverändert dastehenden Holzhauses in der Mozartstraße in Überlingen bedeutet einen Blick in eine halb vergessene Episode Überlinger Kulturgeschichte. Licht ins Dunkel dieser Epoche brachte Hansjörg Straub in seinem mitreißenden Vortrag im katholischen Pfarrsaal. Nicht nur „fremde Schnuufer“, sondern auch „Erz-Iberlinger“ erfuhren neue Aspekte über die Künstlerkolonie, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts im Osten der Stadt existierte.

Drei Fragen an Hansjörg Straub

Straub berichtet: von Mezger bis Lauterwasser

Es ist nicht so, dass Überlingen nicht auch auf bekannte bildende Künstler zurückblicken könnte: Siegfried Lauterwasser, der fotografische Chronist der Stadt und Karajan-Fotograf in Bayreuth, fand bei Hansjörg Straub ebenso Erwähnung, wie auch die Kunstwerkstatt der Familie Mezger.

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Künstler blieben weitgehend unbekannt

Die Protagonisten des inneren Zirkels der Künstlergemeinschaft waren weit weniger bekannt. Sie siedelten im Gebiet der Rehmenhalde, am Rand dieses „kleinen alten Städtchens am Bodensee„, wo die „Akustik der geistigen Stimmungen“ stärker als in den großen Zentren wirke. So formulierte es Bruno Goetz, der im „Haus am Regenbogen“ das künstlerische und soziale Zentrum der Gemeinschaft bereitstellte und als die „Seele des Hügelkreises“ bezeichnet wurde.

Das Jägerhuberhaus in der Mozartstraße in Überlingen heute.
Das Jägerhuberhaus in der Mozartstraße in Überlingen heute. | Bild: Christopher Rieck

Der exzentrische Künstler Goetz, der die Fertigstellung eines neuen Gedichts stets mit den Worten verkündete: „ich habe ein Ei jelegt – ein joldenes!“, besaß die Gabe, gleichgesinnte Künstler um sich zu scharen, die in Überlingen lebten, liebten, Familien gründeten und keine Gelegenheit zum Feiern ausließen.

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Indianerfest bei Vollmond

Ein Tagebucheintrag vom August 1933 wird genauer: „Indianerfest bei Vollmond im Jaegerhubergarten, wobei ein großer Braten am Spieß hängen wird und der Rest der Nacht auf dem See gegondelt werden soll“. Der Gastgeber, der Maler Herbert A. Jaegerhuber, war zu diesem Zeitpunkt schon längst in prekäre Verhältnisse geraten. Die Weltwirtschaftskrise ruinierte den eigentlich in wohlhabende Verhältnisse Geborenen, der nun Hilfsarbeiten annehmen musste, um seine Familie über die Runden zu bringen. Den Nationalsozialisten, die alle Künstler in der Reichskulturkammer zwangsvereinigten, widersetzte er sich, wodurch er den Rest seiner finanziellen Existenzgrundlage verlor. 1935 starb er verarmt, auch seine Familie war darüber zerbrochen.

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Prekäre Verhältnisse

Herbert A. Jaegerhuber war nicht der einzige Künstler, der mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Georg Schulz, 1933 aus dem Schuldienst entlassen und mit Ausstellungsverbot belegt, eröffnete einen Malerbetrieb und konnte so sein wirtschaftliches Überleben sichern. Ein Schicksal, das so manche Mitglieder der „Künstlerkolonie„ teilten. Der Nationalsozialismus versah die Kunst der lebensfrohen Gemeinschaft mit dem Stempel „entartet“ und zwang sie aus der Öffentlichkeit. Der Begriff „Hungerhügel„ veranschaulicht die wirtschaftlichen Folgen: Die Repressalien warfen viele der Künstler auf ihre schiere Existenzsicherung zurück und beendeten schließlich ein unterschätztes Kapitel Überlinger Kulturgeschichte.

Künstlerische Spuren

Max Körner, August Schwarz, Bertha Binswanger, Arthur Götz, – viele der Namen sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch es gibt Spuren: Neben den Kunstwerken, die im Überlinger Museum und Privatsammlungen die Zeit überdauert haben, finden sich in der Überlinger Umgebung Häuser des Architekten Heinrich Palm. Den Skulpturen Werner Gürtners schließlich, begegnet man in der Stadt auf Schritt und Tritt: „Die Reiher“ vor dem Kursaal, „Vater und Sohn“ bei den Villengärten, der Dohlen- und der Fischerbrunnen, die Gedenkstätten der Stadt und vieles mehr. Er war auch der Schöpfer des „Holbeinpferdles“ in Freiburg, vielbeachtet und stetig heimlich neu bemalt und dekoriert.

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