Ist unser Wirtschaftssystem zukunftsfähig? Mit Wachstum als wichtigstem Ziel und Maximierung des Gewinns – zu Lasten von Arbeitsbedingungen und Umwelt? Nein, sagt das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie. Diese schickt sich seit rund zehn Jahren an, einen Transformationsprozess in die Wege zu leiten unter Berücksichtigung wichtiger ethischer Ziele wie sozialer Gerechtigkeit, nachhaltiger Ressourcennutzung und fairem Handel. Ist so etwas überhaupt realistisch?

„Es braucht dazu Menschen und Unternehmen, die eine Haltung haben und eine Verantwortung spüren“, beschreibt Thomas Henne den Ansatz der Gemeinwohlökonomie.
„Es braucht dazu Menschen und Unternehmen, die eine Haltung haben und eine Verantwortung spüren“, beschreibt Thomas Henne den Ansatz der Gemeinwohlökonomie. | Bild: Lena Reiner

„Den Anstoß dazu gab vor gut zehn Jahren die Finanzkrise“, sagt Thomas Henne, der selbst im oberen Management der ZF Friedrichshafen tätig war und heute selbstständiger Berater für Unternehmen auf dem Weg zur Gemeinwohl-Ökonomie ist. „Es braucht dazu Menschen und Unternehmen, die eine Haltung haben und eine Verantwortung spüren“, beschreibt Henne den Ansatz.

Regionalgruppe Bodensee eine von 18 im Land

Die Zahl und die Größe der Mitstreiter wächst zwar langsam, aber kontinuierlich. „Die Gemeinwohl-Ökonomie in Baden-Württemberg befindet sich in Aufbruchsstimmung“, ist die Regionalgruppe am Bodensee überzeugt. Die große gemeinsame Vision habe im Ländle inzwischen 18 Regionalgruppen mit über 500 Aktiven und rund 430 Mitgliedern beflügelt. Dazu zählten 120 Gemeinwohl-Unternehmen, die inzwischen auch Anerkennung auf politischer Ebene fänden.

Das ist Gemeinwohlökonomie

„Erste Stufe für ein Unternehmen ist, aktives Mitglied zu werden“, sagt Thomas Henne. „Das ist quasi der Einstieg.“ Am Ende stehe die Erstellung einer kompletten Gemeinwohlbilanz. Das sei weit mehr als ein Nachhaltigkeitsbericht, wie ihn viele große Firmen anfertigen, bei denen das Ziel nicht mit ganzer Konsequenz verfolgt werde. Henne sagt: „Die Gemeinwohl-Bilanz genügt den Anforderungen an völlige Transparenz mit Klarheit, Wahrheit und Vollständigkeit.“

Naturkosthandel Bodan: Pioniere des Gemeinwohls

Der Überlinger Naturkostgroßhandel Bodan gehörte zu den Pionieren unter den Mitgliedern und publizierte bereits im Jahr 2011 einen ersten Gemeinwohl-Bericht. Er zeige auf, ist auf der Homepage nachzulesen, „wie wir die Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung in Zusammenarbeit mit unseren Mitarbeitenden und Partnern heute schon umsetzen und wo es noch Verbesserungspotenziale gibt“. Seit 2015 lässt sich Bodan von einem unabhängigen Auditor des Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie zertifizieren und veröffentlicht seine Gemeinwohl-Bilanz.

Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von Vaude, und Christian Felber, Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie, im Jahr 2019 bei der Konferenz der UN-Wirtschaftskommission für Europa in Genf.
Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von Vaude, und Christian Felber, Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie, im Jahr 2019 bei der Konferenz der UN-Wirtschaftskommission für Europa in Genf. | Bild: Vaude

Vaude: Soziale Verantwortung und ökologische Folgen oft ausgeblendet

Ein anderer Big Player, der sich der vermeintlichen Nische angeschlossen hat, ist der Tettnanger Sportartikelhersteller Vaude. Warum? „Wenn wir uns umschauen, stellen wir fest, dass wir Ressourcen von zwei Welten verbrauchen, die es nicht gibt“, erklärt Geschäftsführerin Antje von Dewitz in ihrem Statement auf der eigenen Website. Neben der Klimaerwärmung gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. „Das macht mir Angst“, sagt sie. Die entscheidende Ursache dafür sieht von Dewitz darin, dass im aktuellen System Unternehmen vor allem danach bewertet würden, wie groß ihr wirtschaftlicher Erfolg ist. Soziale Verantwortung und die ökologischen Folgen des Handelns würden oft ausgeblendet. Inzwischen hat Vaude schon seine zweite Gemeinwohl-Bilanz erstellt, die sich mit 631 Punkten auf der Skala zwischen minus 3.600 und plus 1.000 durchaus sehen lassen kann.

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Kommt also vor allem durch die junge Generation doch etwas in Bewegung?

„Veränderung und Wandel sind möglich, wenn etwa fünf Prozent der Menschen vorweg laufen“, betont Thomas Henne. Insbesondere die junge Generation, die sich derzeit engagiert für mehr Klimaschutz einsetze, mache ihm da Hoffnung. „Doch die Botschaft geht an alle – an Kommunen, Privatpersonen und Unternehmen.“

Der enge Kontakt und eine faire Partnerschaft mit den Lieferanten von Edelsteinen im brasilianischen Minas Gerais ist für Jutta Werling-Durejka aus Überlingen sehr wichtig. Hier im Bild mit Sohn Felix Durejka, Rubens Soares und José, dem Bewacher der Mine.
Der enge Kontakt und eine faire Partnerschaft mit den Lieferanten von Edelsteinen im brasilianischen Minas Gerais ist für Jutta Werling-Durejka aus Überlingen sehr wichtig. Hier im Bild mit Sohn Felix Durejka, Rubens Soares und José, dem Bewacher der Mine. | Bild: José-Horacio Soares

Goldschmiede Aurhen: Nachhaltigkeit in allen Unternehmensbereichen als Ziel

Geradezu offene Türen eingerannt hat die Idee bei Jutta Werling-Durejka, die mit ihrer Goldschmiede Aurhen in Überlingen nur fair gehandelte und unter steter Kontrolle gewonnene Edelsteine verarbeitet. Diese kommen unter anderem aus der brasilianischen Mine eines Familienbetriebs in Minas Gerais. Auch unter der Gewinnung des Goldes litten weder Menschen noch die Natur. „Seit 1999 setzen wir uns für eine ökologisch verträgliche und sozial gerechte Wertschöpfung von Edelsteinen und Edelmetallen ein“, sagt Werling-Durejka: „Unser Ziel ist, Nachhaltigkeit nicht nur in unserem Kerngeschäft, sondern in allen Unternehmensbereichen verankert zu haben.“ Was jetzt im neuen Lieferkettengesetz verankert sei, habe Aurhen quasi schon immer beachtet. Doch Werling-Durejka will auch mehr als das Label „ecofair“. Ihr Ziel sei, „das gesamte Wertespektrum der Gemeinwohl-Ökonomie als Orientierungsimpuls fest im Auge zu behalten“, wie sie sagt. Und so plant sie nach der aktiven Mitgliedschaft später eine vollständig Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanzierung.

Auch Matthias Minister ist mit seiner Firma Fairfleisch in Überlingen inzwischen Mitglied der Gemeinwohlökonomie.
Auch Matthias Minister ist mit seiner Firma Fairfleisch in Überlingen inzwischen Mitglied der Gemeinwohlökonomie. | Bild: Fairfleisch

Fairfleisch: Partnerschaftlicher Umgang mit Lieferanten und Kunden

Zu den neueren Mitgliedsbetrieben in Überlingen gehört auch der Fairfleisch-Betrieb von Matthias Minister, der sich seit vielen Jahren für eine artgerechte Tierhaltung stark macht. „Für mich ist das ein sehr gutes Konzept und entspricht 1:1 unserer Philosophie“, sagt Minister. „Denn außer Nachhaltigkeit und Ökologie gehört auch der partnerschaftliche Umgang mit Lieferanten und Kunden zu den wichtigen Grundsätzen.“ Schon lange mit im Boot sind hingegen Jürg Knoll und Harry Butsch, die 2007 in Friedrichshafen die Followfood GmbH ins Leben gerufen haben und für ihr konsequent nachhaltiges Konzept schon mehrfach ausgezeichnet wurden.