Die Figuren des Rathaussaales faszinieren nicht nur Überlinger und Besucher der Stadt, die vier Zehntbauern im Vorraum des Saales hatten auch kriminelle Verehrer. Im November 1989 entwendeten Diebe die Figuren, die dann unter nebulösen Umständen wieder beschafft wurden und heute wieder an ihrem Platz stehen.

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Die mittlerweile restaurierungsbedürftige Vierergruppe bildet eine sogenannte Quaternione, wie Bernd Konrad in seinem Vortrag im katholischen Pfarrsaal ausführte. Die einzelnen Steuern, also der „Zehnte“, wurden in Gestalt der vier Bauern verbildlicht.

Solcherlei Quaternionen gab es im Spätmittelalter viele, nicht nur in Bildzeugnissen, sondern auch in Wappenbüchern dieser Zeit.

Orte der Repräsentation

Mittelalterliche Rathäuser waren prädestinierte Orte für diese Kunstwerke. Während heutzutage Rathäuser in aller Regel funktional ausgerichtete Gebäude sind, waren ihre mittelalterlichen Vorgänger vor allem Orte der Repräsentation, wie auch der Selbstvergewisserung.

Gerade Städte, die selber die Herrschaft ausübten, weil sie, wie im Falle der Reichsstadt Überlingen nur dem Kaiser selber unterstellt waren, benötigten ein repräsentatives Zentrum, das äußerlich, aber auch von innen die Macht der Stadt darstellen sollte.

Besucher der Stadt ahnen häufig nicht, welches kunsthistorische Kleinod sich hinter der Fensterfassade des Rathauses verbirgt.
Besucher der Stadt ahnen häufig nicht, welches kunsthistorische Kleinod sich hinter der Fensterfassade des Rathauses verbirgt. | Bild: Christopher Rieck

Die damalige Ratsversammlung bestand einerseits aus Adligen, aber auch „Gemainen“, also Handwerkern und Gewerbetreibenden, die in Zünften zusammengeschlossen waren. Für die Ratsversammlung der Stadt Überlingen wurde im 1490 neu erbauten Rathaus etwa zwei Jahre später die Inneneinrichtung ausgestaltet.

Bildhauer jahrelang in Überlingen

Verantwortlich zeichnet sich der Bildhauer Jakob Russ, ein vermutlich Ravensburger Bürger. Mehrere Jahre lebte er in Überlingen, da er die Aufsicht über seinen Auftrag führen musste. Es war damals üblich, dass Handwerker für die Dauer eines solchen Großauftrages von ihrer Heimatstadt „beurlaubt“ wurden.

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Alle schwer beweglichen Teile, wie die Holzvertäfelungen, Unterkonstruktionen und vieles mehr, mussten vor Ort, also direkt in Überlingen hergestellt werden, was die langjährige Anwesenheit von Jakob Russ erklärte. Das Ergebnis hatte es in sich: ein horizontaler Fries mit 39 Figuren und einem so hohen Maß an Kunstfertigkeit, dass er keiner Modernisierung zum Opfer gefallen ist.

Die Figuren sind wiederum meist in den beschriebenen Vierergruppen, den Quaternionen, angeordnet: Den vier weltlichen Kurfürsten stehen ihre nur drei klerikalen Kollegen gegenüber.

Dargestellt sind auch verschiedene Grafen, darunter beispielsweise „Wartgrafen“, also Personen, die noch auf ihre Ernennung zum König „warten“. Untypisch für diese Darstellung einer Reichsversammlung sind die vier deutlich erkennbaren Vertreter des Bauernstandes. Diese vertreten die Städte Köln, Regensburg, Salzburg und Konstanz.

Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist die Darstellung von gleich zwei Kaisern. Wie Bernd Konrad anmerkte, wirken sie so klein und wenig machtausstrahlend, dass man sie „wie kleine Püppchen in den Arm nehmen und kindlich beschützen“ möchte.

Zur Zeit der Entstehung des Rathaussaales war noch Friedrich III. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, übergab aus gesundheitlichen Gründen aber bereits 1490 die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn Maximiliam, der dann nach Friedrichs Tod drei Jahre später auch formal Kaiser wurde.

Historiker Bernd Konrad über die beiden Kaiser im Rathaussaal: So klein und wenig machtausstrahlend, dass man sie „wie kleine Püppchen in den Arm nehmen und kindlich beschützen“ möchte.
Historiker Bernd Konrad über die beiden Kaiser im Rathaussaal: So klein und wenig machtausstrahlend, dass man sie „wie kleine Püppchen in den Arm nehmen und kindlich beschützen“ möchte. | Bild: Christopher Rieck

Die Türe zum Rathaussaal war ursprünglich ebenfalls von Jakob Russ gestaltet worden und gilt heute als verschollen. Die Nachfolgetür des Überlinger Malers Christoph Lienhart (1712) befindet sich im Stadtmuseum und wurde 1864 erneut ersetzt.

Diese heutige Tür zeigt in eindrücklich gewalttätiger Form das Urteil Salomos: Zwei Frauen streiten sich um ein Kind, ein weiteres Kind liegt offenbar tot daneben, im Vordergrund ist ein Schwert gezückt. Dieses Motiv ermahnt – bis heute – die Ratsherren beim Eintritt zur gerechten Entscheidung und Handeln.

Bernd Konrad: Neue Antworten auf nicht unwichtige Fragen

Wie wirkt Ihr Thema bis in die heutige Zeit?

Die einzigartige und heute noch erhaltene Ausstattung eines spätmittelalterlichen Ratssaales macht nicht nur die Überlinger Bürger stolz, sondern zieht auch Jahr für Jahr viele Touristen in den Bann.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zum Thema?

Als mit einer Unterbrechung von 7,5 Jahren in den 1990ern seit 1980 am Bodensee lebender und in dieser Region seit drei Jahrzehnten wirkender Kunsthistoriker befasse ich mich mit vielen Themen des 15. und 16. Jahrhunderts – wobei ich mir zu bemerken erlaube, dass in dieser Zeit von anderen Seiten her nicht mehr viel an Forschung geschehen ist. In den 1920er bis 1980er Jahren war das anders. Diese lange Phase fruchtbaren Interesses fand mit dem Schweizer Albert Knoepfli ihr Ende. Vor allem die im Vortrag angesprochenen Quaternionen haben mich auch als heraldisch interessierten Wappenforscher gereizt. Das ist ein künstlerisch hoch ansprechendes Metier, wie ich an einigen Bildbeispielen zeigen konnte. Es wird aber in Unkenntnis dieser Gattung zu leichtfertig als nicht schöpferisch abgetan. Dabei konnten die Buchmaler gerade hier ungezwungen ihre künstlerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten vorweisen. Viele von ihnen sind ja auch als Tafel- und sogar als Wandmaler bekannt.

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit dem Thema am meisten überrascht?

Das Thema Rathaussaal und Vorraum ist durch Vorgänger weitgehend erschöpfend bearbeitet worden, vor allem durch den früheren Überlinger Kulturamtsleiter Guntram Brummer in seinem Buch der Reihe „Kunst am See Band 25“. Es wird weiterhin Bestand haben. Überrascht hat mich aber doch, dass man auf einige, nicht unwichtige Detailfragen neue Antworten geben kann. Man muss nur die richtigen Fragen stellen.

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