Bruder Jakobus ist ein Mensch, dem man wohl mehrere Stunden zuhören könnte, ohne zu ermüden. So war es auch, als er nach exakt 60 Minuten Prolog über das Leben des irischen Mönches Gallus nur kurz innehielt, um die Zuhörer auf den Kern der Geschichte vorzubereiten, die Überlingen erst richtig ins Spiel brachte: Den Exorzismus an Herzog Gunzos 13-jähriger Tochter Fridiburga. Mit Humor, Heiterkeit und feiner Ironie transportierte Jakobus nicht nur die Vita des heiligen Gallus und die Heilung am Hofe Gunzos, sondern ein veritables Stück frühmittelalterlicher Geistesgeschichte. Auch die Rolle der Klöster und geistlichen Orden für die Bildung und die schriftliche Dokumentation des Lebens in der nachrömischen Zeit. In den spirituellen Werten der Klöster sieht Jakobus nicht weniger als die Wurzeln der heutigen „Qualität Europas“.

Die Geschichte des Wandermönchs

Dem Beuroner Mönch verdanke Überlingen nicht nur die Sanierung der Exklave Ramsberg bei Großschönach, hatte Stadtarchivar Walter Liehner in seiner Begrüßung deutlich gemacht, wo sich Jakobus 1993 als Eremit niedergelassen und einen Förderverein zum Erhalt des Kulturdenkmals gegründet habe. Ohne die Tatkraft und Beziehungen des Mystik-Kenners würde es auch das Überlinger Susohaus in der heutigen Form nicht geben, sagte Liehner. Als „spirituelles Schwergewicht“ sei ihm Heinrich Seuse gleich „entgegengekommen“, knüpfte Jakobus an die Einführung an. Lange vor Seuse sollte aber schon der irische Mönch Gallus den Weg an den Bodensee finden und für das erste Mysterium verantwortlich zeichnen, in dem die Alemannensiedlung Iburinga eine Rolle spielt – die Heilung der Fridiburga um 611.

Walahfried Strabo macht sie lesbar

Nachzulesen ist dies in der Vita Sancti Galli, deren von Zeitzeugen wohl um 670 verfasste ‚Vita vetustissima Sancti Galli‘ erst im 19.Jahrhundert in Fragmenten wieder aufgetaucht war. Zunächst hatte der Reichenauer Mönch Wetti daraus um das Jahr 834 – so Bruder Jakobus – eine eher dröge Lebensgeschichte gemacht, die den Leuten im Stil nicht so recht gefallen habe. „Da musste Walahfried Strabo noch mal ran.“ Von ihm befinden sich insgesamt 75 Handschriften in der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen. Darunter die Biographie des heiligen Gallus, der sich als Mönch mit Columban zunächst in Arbon und Bregenz niedergelassen hatte, sich dann mit seinem Chef verkrachte und krank meldete.

Fragen an Bruder Jakobus

Ob Gallus tatsächlich aus Irland kam, wie Jakobus in den schönsten Farben schilderte, darüber sind sich die Gelehrten bis heute nicht ganz einig. Manche vermuten seine Herkunft aufgrund seiner sprachlichen Kompetenzen in den Vogesen, wo er im Kloster Luxeuil auf seinen Lehrmeister Columban gestoßen war. Ihn begleitete Gallus später an den Bodensee – auf dem Weg nach Rom.

Gallus auf Wanderschaft.
Gallus auf Wanderschaft. | Bild: Bruder Jakobus Kaffanke

Als Columban längst nach Italien weiter gereist war, ereilte den vom Lehrmeister degradierten Gallus in seiner Einsiedelei beim heutigen St. Gallen ein Hilferuf des Herzogs Gunzo aus Iburinga. Die 13-jährige Fridiburga sollte „dynastisch verheiratet werden“ mit einem noch jüngeren Sigibert der Merowinger, um eine Liaison zu den „tapferen Alemannen“ (Jakobus) herzustellen. Doch Fridiburga war schwer erkrankt und man glaubte sie von Dämonen besessen. Jakobus: „Diese würden wir heute differenzierter beschreiben.“

Gallus zögerte und ließ sich mehrfach bitten, bis er nach Drohungen und Versprechungen über den See reiste. „Jetzt kommt der Exorzismus“, kündigt Jakobus den Höhepunkt an im Gemach, in dem „die Besessene“ verwahrt worden. „Jetzt musste er liefern.“ Unter Tränen betete Gallus für die kranke Fridiburga, der unreine Geist möge das Geschöpf Gottes verlassen. Nach einem längeren Dialog mit dem Geist „entwich etwas wie ein pechschwarzer schrecklicher Vogel aus dem Mund“. Zur selben Stunde sei Fridiburga geheilt aufgestanden. „Also hat es gewirkt.“

Doch dann ging es für Fridiburga nach Metz, um dort verheiratet zu werden. Jakobus: „Man kann es sich jetzt schon vorstellen, dass eine 13-Jährige durchdreht, wenn sie merkt, dass sie verkuppelt werden soll.“ Den Folgen dieses Zwangs sollte sie später ausweichen, indem sie zur Nonne wird.

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