„De sell Dorferbolle duet immer so schenannt, debei ischer so wunderfitzig. Doch wenn em ebbes vuliggere wotsch, denn vuschtoht ers it richtig, weil er dollohrig isch und denn wird er nersch.“

Für alle, die bei diesem Satz Verständnisschwierigkeiten haben, gibt es jetzt einen prägnanten, ersten Einblick in den Überlinger Dialekt: Die Regionalgruppe Seealemanne der Muettersproch-Gsellschaft hat einen Flyer mit dem Titel „So schwätz me z Iberlinge“ herausgebraucht. Heidi Wieland, die Vorsitzende der Seealemanne, wählte dafür 86 charakteristische Wörter aus. Unterstützt wurde sie dabei von Mitglied Wolfgang Lechler, Überlinger Narrenmutter und Verfasser des 2010 erschienenen Buches „Mir schwätzed andersch“. Für Wieland hatte er aus den rund 1400 Vokabeln, die er in dem Band festhielt, gut 100 vorausgewählt.

Unter dem Titel „Mir schwätzed andersch“ brachte Wolfgang Lechler, seit 2006 Überlinger Narrenmutter, im Jahr 2010 ein Wörterbuch heraus, in dem er seealemannische Wörter mit Fokus auf Überlingen zusammengetragen und erläutert hat. Archivbild: Eva-Maria Bast
Unter dem Titel „Mir schwätzed andersch“ brachte Wolfgang Lechler, seit 2006 Überlinger Narrenmutter, im Jahr 2010 ein Wörterbuch heraus, in dem er seealemannische Wörter mit Fokus auf Überlingen zusammengetragen und erläutert hat. Archivbild: Eva-Maria Bast

Beim Dialekt geht es um das ganze Leben dahinter

Beim Dialekt geht es laut Lechler nicht nur vordergründig um Sprache, „sondern um das ganze Leben dahinter“. Wieland ergänzt: „Es ist etwas, das aus dem Innersten herauskommt.“ Somit hat Dialekt immer auch mit Identität und Heimat zu tun. Letztere müssen allerdings keine unverrückbaren Gegebenheiten sein. Wieland selbst ist dafür ein gutes Beispiel. Die gebürtige Schweizerin wuchs mit Zürideutsch auf und beherrscht, aufgrund mehrerer Umzüge und dank einen angeborenen Sprachtalents, gleich mehrere Dialekte.

Das könnte Sie auch interessieren

Dass Heidi Wieland keine waschechte Überlingerin ist, merken aber nur Eingeborene wie Lechler. Dabei hat auch Lechler unterschiedliche Wurzeln, seine Mama war Italienerin. Aber die alemannische Sprachfamilie selbst ist ja international, mit Zweigen im Elsass, der Schweiz, Vorarlberg und im deutschen Südwesten.

In Hochdeutsch kommt nicht automatisch was Gscheiteres heraus

Die Muettersproch-Gesellschaft mit Hauptsitz in Freiburg engagiert sich dafür, dass die alemannische Sprache nicht ausstirbt, sprechen doch auch immer mehr Kinder von Alemannen nur noch Hochdeutsch. Damit habe man es leichter im Leben glauben viele, und auch Lechler berichtet: „Beim Arbeiten hieß es: Hochdeutsch sprechen.“ Als ob dadurch automatisch was Gscheiteres herauskäme – völliger „Bledsinn“ sei das.

Das könnte Sie auch interessieren

Als Lechler vor einigen Jahren nach schwerer Krankheit wieder neu sprechen lernen musste, sei ihm das im Dialekt leichter gefallen. Einmal zeigte die Logopädin ihm das Bild einer Sicherheitsnadel und er sollte sagen, was er sehe. Eine „Glufe“ meinte er, der alemannische Begriff fiel ihm zuerst ein.

Die Lieblingswörter der beiden Autoren des Flyers

Zu Lechlers Lieblingsworten zählen übrigens „Magebrothietle“ (ein kleiner, lächerlicher Hut) und dollohrig („schwerhörig“). Wieland mag besonders „wunderfitzig“ (neugierig), „vuzwatzle“ (verzweifeln) und „hinterefir“ (durcheinander).

Das könnte Sie auch interessieren

Erster seealemannischer Mundart-Flyer erschien in Konstanz

Vor einigen Monaten haben die Seealemanne bereits einen ersten Flyer „So schwätz me z Konschtanz“ herausgebracht. Doch in Überlingen gebe es teils auch noch ganz andere Wörter wie etwa den „Dorferbolle“, wie man hierzulande scherzhaft einen Überlinger nennt, der im historischen Stadtteil „Dorf“ geboren wurde. Lechler bedauert: „Diese Wörter hört man gar nicht mehr, nur noch im Narrenkonzert.“

Doch der Flyer könnte da etwas Abhilfe schaffen. In Konstanz sei er der Muettersproch-Gsellschaft regelrecht aus der Hand gerissen worden, erzählt Wieland und hofft, dass auch die Überlinger Ausgabe, deren erste Auflage 1000 Stück beträgt, „äschtimiert“ (wertgeschätzt) wird.

Auflösung: Die Übersetzung des Einstiegssatzes

Für die, die den Flyer noch nicht haben, anbei die Übersetzung des Satzes am Anfang dieses Artikels: „Der Überlinger aus dem Dorf tut immer so schüchtern, dabei ist er so neugierig. Doch wenn du ihm etwas begreiflich machen willst, dann versteht er es nicht richtig, weil er schwerhörig ist und dann wird er sauer.“