So einen Vorfall gab es in den Wohngruppen der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe noch nie: Ein 17-Jähriger steht aktuell unter Verdacht wegen schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung. Er soll vor etwa drei Wochen eine Matratze in seinem Zimmer in Überlingen-Deisendorf angezündet haben. Wie die Polizei berichtet, habe er außerdem einen Mitbewohner der Wohngruppe mit einer Flasche attackiert und leicht verletzt.

„Aktuell laufen die Ermittlungen“, sagt Roland Berner, Vorsitzender der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe. Der 17-Jährige wurde nach dem Vorfall in der Psychiatrie untergebracht. Ob der junge Mann künftig wieder in die Wohngruppe integriert wird, sei noch unklar, aber aus Sicht von Berner eher unwahrscheinlich. „Da müssen wir jetzt gemeinsam mit dem Jugendamt eine Lösung finden.“

Roland Berner ist Vorsitzender der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe. Eine Aktion wie die Brandstiftung vor drei Wochen habe es noch nie ...
Roland Berner ist Vorsitzender der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe. Eine Aktion wie die Brandstiftung vor drei Wochen habe es noch nie gegeben, seitdem er 2017 in der Einrichtung angefangen habe. | Bild: Mona Lippisch

Der Vorsitzende der Einrichtung stellt sich indes die Frage, wie es überhaupt zu dem Vorfall kommen konnte. „Der junge Mann war zuvor nicht auffällig. Es ist mir ein Rätsel“, sagt Berner. Überhaupt: „Seitdem ich hier bin, seit 2017, gab es nicht eine Aktion wie diese.“

Nur manchmal gebe es kleinere „aggressive Ausbrüche“, oft in Kombination mit Sucht und Drogen oder wegen schlechter Erfahrungen aus der Vergangenheit der Kinder und Jugendliche. „Wenn solche Ausbrüche in Richtung Selbst- oder Fremdgefährdung geben, haben wir einen Notfallplan und können schnell handeln“, erklärt Berner und betont die gute Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, dem Rettungsdienst und der Psychiatrie.

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Jugendliche vorübergehend in anderen Wohngruppen

Bis die weiteren Jugendlichen aus der Wohngruppe wieder in das Brandhaus einziehen können, dauert es voraussichtlich noch einige Tage. Bis dahin muss das Gebäude zuerst wieder auf Vordermann gebracht werden. „Der Brand war zwar nicht groß, aber das Zimmer sieht verheerend aus“, berichtet Berner. „Wir reinigen das Haus einmal komplett.“

Momentan sind die acht Jungen und Mädchen aus der betroffenen Gruppe in anderen Häusern der Einrichtung untergebracht. Kurzfristig sei das die beste Lösung gewesen. Doch Roland Berner weiß auch: Die neue Struktur in Kombination mit dem traumatisierenden Branderlebnis könne manch einem zu schaffen machen. „Wir sind jederzeit für die Jugendlichen da, wenn sie der Vorfall einholt und wollen schnellstmöglich wieder zurück zur alten Ordnung“, sagt er. Der normale Alltag sei es, den die jungen Menschen nach dem Brand brauchen.

Beim Spieleabend gilt während der Corona-Pandemie die Maskenpflicht.
Beim Spieleabend gilt während der Corona-Pandemie die Maskenpflicht. | Bild: Linzgau Kinder- und Jugendhilfe

Auch Flüchtlingswelle Thema bei Kinder- und Jugendhilfe

Bevor es zu dem Brand kam, habe sich der Alltag bei der Kinder- und Jugendhilfe nach zwei Jahren Pandemie gerade wieder etwas eingependelt, erinnert sich Roland Berner. „Corona war für uns nicht einfach. Weder für Mitarbeiter noch für die Kinder und Jugendlichen“, blickt er zurück. Eigentlich sei es an der Zeit zum Durchatmen gewesen. Dann kam der Brand.

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Und davon abgesehen gibt es ein weiteres Thema, das Roland Berner beschäftigt: die Flüchtlingswelle. Aktuell sind acht unbegleitete Minderjährige in Wohngruppen im Bodenseekreis untergebracht – davon fünf aus der Ukraine. Die Anzahl wechsle fast täglich. „Wir merken, dass die hohe Zahl der Inobhutnahmen die Mitarbeiter und auch die Kinder und Jugendlichen belastet“, sagt Roland Berner. „Aber: Sie sind eben in Not und es ist unsere Aufgabe, zu helfen.“