Sie waren Koch, Ingenieur, Sozialarbeiterin. Dann wurden sie krank und in der Folge vor allem über ihre Krankheit definiert. Was bei Krebs oder Herzleiden undenkbar ist, war bei psychischen Erkrankungen lange Zeit die Regel und ist es zum Teil heute noch.

Rainer Schaff, gelernter Koch, und Uwe Hammerle, der bis 2010 als Diplom-Ingenieur arbeitete, haben das selbst erfahren. Sie sind heute beim Gemeindepsychiatrischen Zentrum Überlingen (GPZ) beschäftigt und sie stehen, mit Sylvia Dymke, der Initiative Psychiatrie-Erfahrener Bodensee vor. Gemeinsam brachten sie das länderübergreifende Projekt Ex-In Bodensee auf den Weg, das psychiatrieerfahrene Menschen zu Genesungsbegleitern weiterbildet.

Der erste Kurs mit 22 Teilnehmern endete vor Kurzem, der zweite wird Ende September beginnen. Das Interesse an dem Angebot ist groß: Für beide Kurse gab es jeweils rund 50 Bewerbungen und auch für den dritten Kurs, der im Herbst 2021 starten soll, liegen laut Schaff bereits 17 Anmeldungen vor.

Rund ein Jahr lang unterrichten Profi-Kräfte und Betroffene – in der Regel in Friedrichshafen – jeweils im Tandem zwölf Module. Deren Inhalte sind etwa Gesundheitsförderung, Empowerment (Selbstbefähigung), Selbsterforschung, Krisenbegleitung oder Lehren und Lernen.

Manchen Absolventen gelingt beruflicher Wiedereinstieg

„Einige Absolventen unseres ersten Kurses haben so den beruflichen Wiedereinstieg machen können oder haben zum ersten Mal in ihrem Leben eine berufliche Ausbildung absolviert“, berichtet Schaff. So habe eine Teilnehmerin, eine Sozialarbeiterin, als Genesungsbegleiterin in einer Schweizer Klinik wieder eine Anstellung gefunden. Bei der Behandlung von psychisch Kranken werde häufig vergessen, dass die meisten von ihnen vor dem Auftreten ihrer Leiden „normal sozialisiert waren, Arbeitsbiografien hatten“, sagt Schaff. Ärzte neigten oft dazu, Patienten in Schubladen zu stecken.

Weg von Schubladen, hin zu Begegnungen auf Augenhöhe

„Es geht ja nicht darum zu sehen, was ein Mensch nicht mehr kann, sondern: Wo sind seine Stärken, wie kann er sie einsetzen?“, betont Schaff. Ein Mitbetroffener, etwa jemand, der selbst Psychosen erlebt habe, könne ganz anders Mut machen. Die Beziehung Arzt–Betroffener finde meist nicht auf Augenhöhe statt. In der Psychiatrie sei Hierarchie fehl am Platz, doch gerade hier werde zu oft über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden. Betroffene einbeziehen: Dazu soll Ex-In, das 2005 als europäisches Projekt ins Leben gerufen wurde, beitragen.

Uwe Hammerle nahm an der ersten Auflage am See teil. Das dabei erworbene Wissen helfe ihm bei seiner Tätigkeit als Selbsthilfegruppenleiter, sagt er und unterstreicht: „Ich kann den Kurs sehr empfehlen, wenn man stabil ist.“ Denn es gehe schon auch ans Eingemachte.

So hätten ihn zwar die ersten drei Module „gar nicht erschöpft“, anders aber die vierte Einheit, bei der die Teilnehmer den Auftrag erhielten, sich mit ihrer Genesungsgeschichte auseinanderzusetzen und diese dann auch vorzutragen. Er habe für diese Aufarbeitung zwei Monate gebraucht. Mit 17 litt Hammerle erstmals an Depressionen, später kam Schizophrenie dazu, „Chaos im Kopf“, fasst er zusammen.

Obwohl er im fünften Semester erkrankte, beendete er sein Studium, arbeitete dann als Ingenieur, bis er 2010 eingesehen habe, „dass das keinen Sinn mehr macht“. Mit all dem setzte er sich nun in seiner Recovery-Story ebenso auseinander wie auch mit den Beziehungen zu den Eltern, den Freundschaften in der Kindheit – keine leichte Aufgabe.

Kursteilnehmer sollten gewisse Distanz zu ihrer Krankheit haben

Doch kein Teilnehmer sprang ab, alle beendeten den Kurs, worüber sich auch Schaff sehr freut. Man sollte bereits eine gewisse Distanz zu seiner Krankheit haben, bevor man den Kurs belege, bekräftigt er. „Wenn man mitten drin ist im Leid, geht‘s nicht.“

Schaff selbst hatte bereits 2012 einen Ex-In-Kurs absolviert und bemühte sich seither mit seinen Mitstreitern, das Projekt auch am Bodensee zu etablieren. Ihn überzeugte dessen Fokus, der auf Selbstbefähigung liege. Man lerne: „Was macht mich gesund? Seine Krisen auch als Ressourcen wahrzunehmen, zu vermitteln: Das muss nicht die Endstation sein im Leben.“

Weiterbildung zum Genesungsbegleiter nicht als Endstation

Und Schaff sieht auch seine derzeitige Tätigkeit beim GPZ, obwohl er diese sehr gerne mache, nicht als Endstation. „Ich möchte auf den ersten Arbeitsmarkt“ sagt er, und dort die Fähigkeiten einsetzen, die er in den vergangenen Jahren erworben hat. Hammerle glaubt nicht, dass er wieder voll ins Arbeitsleben einsteigen wird. Doch er würde sich über eine Nebentätigkeit freuen, um sich wieder ein bisschen mehr leisten zu können. „Ein Auto wäre schön“, sagt er lächelnd.

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