Wenn der ehemalige Stern-Reporter Christoph Fasel als Unternehmenssprecher eingeschaltet wird, dann liegen besondere Umstände vor. Dann gilt es, Krisenkommunikation zu bewältigen.

Für die Schulgemeinschaft Brachenreuthe begann der ungewöhnliche Fall mit einem Anruf oder einem Brief der Kriminalpolizei vor mehreren Monaten. Die Kripo meldete sich bei der Camphill-Schulgemeinschaft wegen sexueller Übergriffe, die ein ehemaliger Mitarbeiter in fortgesetzter Weise in den Jahren 2011 bis 2014 begangen haben soll.

Bekannt wurden die mutmaßlichen Fälle erst, nachdem sich der ehemalige Mitarbeiter, der mittlerweile in der „Dorfgemeinschaft Tennental“ im Landkreis Böblingen arbeitete, dort des sexuellen Missbrauchs selbst bezichtigte.

In Tennental habe sich der Mann erstmals im Februar dieses Jahres offenbart, sexuell motivierte Übergriffe auf dortige Bewohner begangen zu haben. Im Zuge der Polizeiermittlungen habe sich der Mann selbst bezichtigt, bereits als Auszubildender in Brachenreuthe übergriffig gewesen zu sein.

Die Fälle haben sich demnach in den Jahren 2011 bis 2014 zugetragen, als der mutmaßliche Täter als Auszubildender in Brachenreuthe beschäftigt war. Das ist einem Pressetext der Camphill-Schulgemeinschaft zu entnehmen, die für diese Angelegenheit den Krisenkommunikator Christoph Fasel beauftragte. Fasel führt in Mössingen eine Agentur, die dafür wirbt, Shitstorms in Chancen zu verwandeln.

„Sofort Transparenz schaffen“

Mit einer bemerkenswerten Offenheit wandte sich die Schulgemeinschaft an die Öffentlichkeit. Noch nie in ihrer 62-jährigen Geschichte habe sich ein sexueller Übergriff ereignet, sagt Fasel. Die bis fast zehn Jahre zurückliegenden Fälle seien damals unerkannt geblieben. Die Schule lasse sich von den beiden Grundprinzipien Offenheit und Vertrauen leiten. „Wir halten es deshalb für umso wichtiger, sofort und offen Transparenz zu schaffen. Jedes andere Verhalten würde unseren eigenen Prinzipien widersprechen“, zitiert Fasel den Vorstand der Schulgemeinschaft, Cornelius Weichert.

Warum bezichtigt sich der Täter nach so vielen Jahren selbst? Fasel: „Eine offizielle Antwort dazu gibt es nicht wegen des laufenden Verfahrens. Wir können nur mutmaßen, dass die Last der Schuld für ihn so groß geworden ist, dass sich der mutmaßliche Täter in einer Selbstbezichtigung offenbart hat, um endlich reinen Tisch zu machen.“

Eltern lehnen Befragung ab

Die Befragung der Opfer in Brachenreuthe stehe noch aus. „Mehrere Eltern haben wegen der Sorge, dass ihre Kinder durch eine solche Befragung retraumatisiert werden könnten, die Befragung abgelehnt.“ Fasel: „Tatsache ist, dass sich keines der Opfer auch zu der damaligen Zeit auffällig benommen hat oder sich gar offenbart hat. Die eng mit den mutmaßlichen Betroffenen zusammenarbeitenden Betreuer haben damals keinerlei Hinweise auf Störungen oder Veränderungen im Verhalten wahrgenommen.“

Internatsleiter Bruno Wegmüller wird mit den Worten zitiert: „Die Menschen, die den Impuls der Camphill-Schulen mittragen, sind tief erschüttert über diesen enormen Vertrauensbruch eines Auszubildenden. Solch eine kriminelle Tat gefährdet das Konzept der Camphill-Schulgemeinschaften als sicheren Ort für junge Menschen, die ohnehin unter erschwerten psychischen, physischen oder auch sozialen Bedingungen aufwachsen.“

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Für die Schulgemeinschaft sei es „erschütternd“, dass es offenbar fortgesetzt sexuelle Übergriffe geben konnte, ohne dass Betreuer oder die Hausleitung einen Hinweis erhielten. Eine institutionalisierte Prävention habe es gegeben, die offenbar Lücken aufwies. Ein interner Krisenstab habe deshalb „sofort die Arbeit aufgenommen und stellt zurzeit sämtliche Präventionsmaßnahmen auf den Prüfstand“. Bei der Aufarbeitung der Vorgänge arbeite man eng mit der Polizei, psychologischen Diensten, pädagogischen Experten sowie den Aufsichtsbehörden zusammen.

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