„Happy Birthday“ wird gleich drei Mal gesungen: Zum siebten Geburtstag des Café International in Überlingen stimmen die zahlreichen Gäste erst die englische, dann die ukrainische Version an. Das dritte Ständchen ist für Paulette Stanneck, die vor wenigen Monaten 95 Jahre alt wurde. Sie bringt seit sieben Jahren jeden Freitag einen Zitronenkuchen für das Café vorbei. Wenn die Corona-Regeln dies vorschrieben, ließ sie sich morgens in der Stadt testen, ging nach Hause und backte den Kuchen, den sie dann nachmittags mitbrachte.

Neue Gäste lernen Menschen und Sprache kennen

Die Geschichte von Paulette, wie sie hier alle nennen, ist nur eine von vielen und typisch für das Café International, das Maria Gratia Rinderer am 12. Juni 2015 ins Leben rief. Beim Geburtstagstreffen sagt sie: „Ich freue mich über alle, die heute gekommen sind!“ Im Café International kommen jeden Freitagnachmittag Menschen unterschiedlicher Nationen zusammen, werden als Gäste willkommen geheißen und lernen Menschen und die Sprache kennen. „Wir lernen hier miteinander und wir lachen miteinander“, sagt Maria Gratia Rinderer. Sie dankt „meinem tollen Team“, das sie von Anfang an bei dieser Aufgabe unterstützt habe.

Manfred Schneider (links) trifft sich jeden Freitag mit Menschen aus der Ukraine im Café und übt mit ihnen deutsche Vokabeln.
Manfred Schneider (links) trifft sich jeden Freitag mit Menschen aus der Ukraine im Café und übt mit ihnen deutsche Vokabeln. | Bild: Sabine Busse

Einige Migranten heute selbst als Helfer aktiv

Maria Gratia Rinderer war 2015 bereits in der Goldbacher Flüchtlingsunterkunft als ehrenamtliche Helferin aktiv, als viele Menschen vor allem aus Syrien in Deutschland Zuflucht suchten. Zusammen mit Lucia Brugnara-Kirchmann, die mittlerweile nicht mehr in Überlingen wohnt, gründete sie das Café International. Seitdem gibt es im Kolpingsaal in der Münsterstraße jeden Freitagnachmittag Kaffee und Kuchen für jeden, der vorbeischaut. Ein Team von Helfern kümmert sich um das leibliche Wohl, hilft beim Lernen der deutschen Sprache oder dem Ausfüllen von Dokumenten. Einige Migranten sind heute selber als Helfer aktiv und unterstützen Flüchtlinge, die hier neu sind.

Maria Gratia Rinderer
Maria Gratia Rinderer | Bild: Sabine Busse

Maria Gratia Rinderer: „Es werden weiter viele Flüchtlinge kommen“

Auch das Café International musste in den vergangenen beiden Jahren zeitweise schließen. „Als wir in diesem Jahr wieder aufmachen konnten, lief es invasionsartig an“, erinnert sich Maria Gratia Rinderer. „Die Leute haben regelrecht darauf gewartet!“ Am 11. März kamen zum ersten Mal Ukrainer in den Kolpingsaal. „Hier haben sie die ersten Helfer getroffen, die mit ihnen deutsche Wörter übten, sie bei der Wohnungssuche unterstützten und viele Fragen beantworteten“, erzählt Rinderer.

Hat sie damit gerechnet, dass das Café noch einmal in diesem Umfang Anlaufstelle für eine neue Gruppe von Flüchtlingen wird? Maria Gratia Rinderer sagt: „Es werden weiter viele Flüchtlinge kommen, da habe ich keine Zweifel.“ Sie verweist auf die jüngst veröffentlichen Werte, nach denen sich weltweit die Zahl der Flüchtlinge auf dem Höchststand befindet. Das verflixte siebte Jahr des Cafés macht ihr keine Angst. „Wir sind hier, um die Begegnung der Menschen zu fördern und Brücken zu bauen.“

Salam Daoud
Salam Daoud | Bild: Sabine Busse

Salam Daoud: „Das Café war für uns ein Familienersatz“

Salam Daoud stammt aus Syrien und kam vor fast sieben Jahren mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach Deutschland. „Das Café war für uns immer wie ein Schutz“, erzählt sie. Am Anfang sei es schwer gewesen, sich zu verständigen, und sie hätten alles mit dem Handy per App übersetzt. „Hier haben wir Leute kennengelernt, die mit uns die ersten Wörter geübt haben“, sagt Salam Daoud. Später konnten sie Sprachkurse besuchen. Aber am besten lerne man die Sprache bei der Arbeit und beim täglichen Kontakt mit Kollegen.

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Salams Mann arbeitet als Busfahrer in Überlingen, sie ist in der Schulmensa tätig und die beiden Kinder gehen zur Schule. Der Älteste macht bald sein Abitur. „Ich komme immer freitags, wenn ich Zeit habe, und versuche, die Flüchtlinge aus der Ukraine zu unterstützen.“ Auch ihre Tochter komme manchmal mit, denn sie erinnere sich noch gut an die Zeit, als sie hier neu war, und möchte gern etwas zurückgeben. „Das Café war für uns ein Familienersatz. Menschen, mit denen wir reden und uns austauschen können. Auch für die Kinder.“

Rita Späh
Rita Späh | Bild: Sabine Busse

Rita Späh: „Ich hatte nie ein Problem, mich zu motivieren“

Rita Späh war bereits in der Flüchtlingsunterkunft in Goldbach aktiv, als sie zum Helferkreis des Cafés stieß. Die gelernte Kunsttherapeutin hat sich vor allem um die Kinder gekümmert und mit ihnen gebastelt oder gespielt und auf diese Art auch die Sprache mit ihnen geübt. „Die Kinder haben immer toll mitgemacht und sich auf den nächsten Freitag gefreut“, antwortet Rita Späh auf die Frage, warum sie so lange dabei geblieben ist. „Daher hatte ich nie ein Problem, mich zu motivieren. Ich habe das immer gern gemacht!“ Sie freut sich daran zu beobachten, wie die Kinder immer mehr verstehen und einige ihrer ersten Schützlinge mittlerweile Teenager sind. „Mit den Ukrainern ist es wieder spannend. Die meisten tasten sich noch heran“, sagt Rita Späh.

Aza Kaloyan
Aza Kaloyan | Bild: Sabine Busse

Aza Kaloyan: „Stolz darauf, dass wir uns hier zuhause fühlen“

Aza Kaloyan und ihr Mann kamen vor neun Jahren aus Georgien nach Deutschland. Sie haben zwei Kinder, von denen das jüngere in Überlingen zur Welt kam. Weil Aza Kaloyan die Kinder betreuen musste, konnte sie keinen Deutschkurs besuchen. Im Café International erfuhr sie vom Familientreff im Kunkelhaus, wo junge Migrantinnen stundenweise die Kinder betreuen lassen und die Sprache lernen konnten. „Das war meine Möglichkeit!“, erinnert sich Kaloyan. „Das Café war für uns Familie.“ Mittlerweile ist sie selbst Helferin geworden. Sie engagierte sich im Vorstand des Familientreffs, bringt regelmäßig Kuchen mit ins Café und arbeitet ehrenamtlich im Laden der Diakonie. „Ich weiß, wie es ist, hier Flüchtling zu sein“, betont Aza Kaloyan. „Ich bin stolz darauf, dass wir uns hier zuhause zu fühlen.“

Olga und Olga aus der Ukraine und Übersetzerin Aza Kaloyan (von links).
Olga und Olga aus der Ukraine und Übersetzerin Aza Kaloyan (von links). | Bild: Sabine Busse

Olga und Olga: Anlaufstelle, wo alle voneinander lernen

Sie heißen beide Olga und sind im März aus der Ukraine nach Überlingen gekommen. Kennengelernt haben sie sich im Café International, wo Aza Kaloyan für sie übersetzt. Sowohl in Georgien als auch in der Ukraine lernt man Russisch in der Schule, so können sich Aza Kaloyan und die beiden Olgas verständigen. Sie schafften es nicht, jeden Freitag ins Café zu kommen, aber den Geburtstag wollten sie unbedingt mitfeiern. Hier bekämen sie Hilfe, wenn sie die Übersetzung von Dokumenten brauchen oder andere Fragen hätten. „Für die Hilfe von Kaloyan sind sie sehr dankbar“, lassen die beiden übersetzen. Sie freuen sich, hier eine Anlaufstelle zu haben, wo alle voneinander lernen.

Paulette Stanneck
Paulette Stanneck | Bild: Sabine Busse

Paulette Stanneck: „Ich finde es hier sehr schön, jeder kann machen, was er will“

Dass Paulette Stanneck bereits ihren 95. Geburtstag feiern konnte, mag man kaum glauben. „Ich sah schon als Kind immer jünger aus“, sagt sie stolz. Sie kommt seit sieben Jahren ins Café International und bringt immer ihren Zitronenkuchen mit. „Ich backe eigentlich überhaupt nicht“, gibt sie zu. Deshalb mache sie auch immer dieselbe Sorte Kuchen für das Café. Paulette freut sich über die Gesellschaft im Café und dass es so ungezwungen zugeht. „Ich mag alle Leute hier. Ich finde es hier sehr schön, jeder kann machen, was er will“, sagt die Seniorin, die früher in einer Schreinerei für das Anfertigen von Intarsien zuständig war.