Überlingen – Während der Corona-Pandemie sind große Schlachthöfe aus verschiedenen Gründen mehrfach in die Kritik und damit ins Licht der Öffentlichkeit geraten. „Hier hat sich ein Fenster geöffnet, das wir nutzen müssen, um das Thema ins Gespräch zu bringen und in der Gesellschaft intensiver zu diskutieren“, erklärte Andreas Stoch, Landesvorsitzender der SPD, als er gemeinsam mit dem Kreisvorsitzenden Leon Hahn und der Landtagskandidatin Jasmina Brancazio den kleinen Überlinger Schlachthof mit dem angeschlossenen Fairfleisch-Vertrieb auf den Reutehöfen besuchte. Denn hier wird seit fast 15 Jahren das erklärte Gegenkonzept zu den riesigen Schlachthöfen und der industriellen Fleischerzeugung für die Dumpingpreise der Discounter praktiziert.

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System mit Fixpreisen und Abnahmegarantie

Dass es auch anders gehen kann, erläuterte Matthias Minister, der inzwischen sowohl Geschäftsführer der Fairfleisch GmbH als auch des Schlachthofs Überlingen ist, bei dem regionale Landwirte ihre Tiere schlachten lassen. „Wir zahlen den Landwirten Fixpreise und geben ihnen eine Abnahmegarantie“, erklärte er. Voraussetzung dafür sind unter anderem eine artgerechtere Tierhaltung mit größerem Platzangebot, möglichst kurze Transportwege und eine schonende Schlachtung.

Dass sich das auf den Preis niederschlage, sei klar. Doch mache es weniger aus, als man denke. „Auf 100 Gramm sind das etwa 30 Cent mehr“, rechnete Minister vor. Ausgehend vom aktuellen Fleischkonsum in Deutschland summiere es sich im Jahr auf 180 Euro. In Großbetrieben und Gemeinschaftsküchen sei Fairfleisch damit zusehends erfolgreicher. Mit Siemens kooperiere sein Vertrieb schon länger, sagte Minister, der einen Prozess in Gang gekommen sieht: „Neuerdings sind wir auch bei der EnBW gelistet.“

Will das Thema Schlachtung und Tierwohl im Gespräch halten und sich um größere Transparenz bemühen: SPD-Landesvorsitzender Andreas Stoch beim Besuch auf dem Überlinger Schlachthof mit Geschäftsführer Matthias Minister, der SPD-Wahlkreiskandidatin Jasmina Brancazio und dem Kreisvorsitzenden Leon Hahn (von rechts).
Will das Thema Schlachtung und Tierwohl im Gespräch halten und sich um größere Transparenz bemühen: SPD-Landesvorsitzender Andreas Stoch beim Besuch auf dem Überlinger Schlachthof mit Geschäftsführer Matthias Minister, der SPD-Wahlkreiskandidatin Jasmina Brancazio und dem Kreisvorsitzenden Leon Hahn (von rechts). | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Unterstützung vom Land wünscht sich Minister insbesondere für den Schlachtbetrieb, da die Anforderungen stiegen und die Folgekosten für einen kleinen Betrieb kaum zu tragen seien. Allein eine neue Anlage zur Fixierung eines Rinderkopfes für einen sichereren Bolzenschuss belaufe sich auf 45 000 Euro. Hier wolle er für den Schlachthof einen Zuschuss beantragen, sagte der Geschäftsführer und wünscht sich Rückhalt.

Neben den möglichst kurzen Transportwegen gehört der richtige Umgang der Mitarbeiter mit den Schlachttieren zu den wichtigen Faktoren, wie an einigen erschreckenden Beispielen auch in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren deutlich wurde. „Es bedarf eines Sachkundenachweises“, betonte Matthias Minister. Dazu veranstalte er regelmäßig Schulungen, doch die anerkanntesten Fachleute kämen von einem Hamburger Institut. „Da könnte man hier ja eine Art Außenstelle einrichten“, schlug Sozialdemokrat Stoch vor.

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Zwar als interessante Alternative sieht Matthias Minister die sogenannte „Mobile Schlachtbox“, die von Landwirt Hermann Maier aus Ostdorf entwickelt wurde und nun auch in Rengoldshausen eingesetzt werden solle. Doch könne dies lediglich eine Nische besetzen. Ähnlich arbeitet die Initiative „Schlachtung mit Achtung“ in Kandern (Markgräflerland) und Fluorn (Schwarzwald), die eine Tötung der Schlachttiere auf der Weide praktizieren und so den Schlachttieren Stress ersparen. Für das Konzept wurden sie vom baden-württembergischen Ministerium mit einem Preis bedacht.

In Rengoldshausen stehen die Landwirte in den Startlöchern. „Wir warten noch auf die Genehmigung durch das Regierungspräsidium“, sagte Matthias Minister. Denn es brauche einen Kooperationspartner in unmittelbarer Nähe. „Konstanz wäre schon zu weit weg für unseren Schlachthof“, erklärte er. Er hoffe, dass eine Umsetzung bald möglich sei.

Wer Fleisch isst, muss nicht das Klima schädigen

Wer Fleisch isst, müsse keineswegs das Klima schädigen, betonte Matthias Minister: „Ich habe ein Problem mit solchen pauschalen Aussagen, die viele dann gerne wiederkäuen.“ Wenn ein Rind in zehn oder 20 Kilometern Entfernung im Sommer auf der Weide stehe, im Winter mit Heu gefüttert und später hier geschlachtet werde, sehe er kein Problem: „Wenn Sie wollen, können Sie das Fleisch direkt hier auch noch unverpackt einkaufen.“ Dann habe man mit Sicherheit eine andere CO2-Bilanz, als wenn es im Stall mit Soja aus Südamerika gemästet werde.

„Für das Futter unserer Schweine wird kein Regenwald gerodet.“ Die beliebten blühenden Wiesen seien indessen das Ergebnis landwirtschaftlicher Tierhaltung. „Wenn die Tiere weg sind, sind die Wiesen auch weg.“ Für Andreas Stoch belegte dies einmal mehr die Notwendigkeit, umzusteuern. Dafür sieht er die Überlinger Einrichtung als leuchtendes Beispiel. „Wie kann ich Tierhaltung so gestalten, dass sie maximal verträglich ist“, sei die entscheidende Frage. Nicht, wie man möglichst viel und billiges Fleisch auf den Markt bringen kann.