Ganzheitlichkeit, Selbstverwirklichung und Körpersouveränität – das sind zentrale Begriffe der anthroposophischen Lehre. Die von Rudolf Steiner begründete und weltweit vertretene spirituelle und esoterische Weltanschauung hat in Überlingen und der Umgebung auffallend viele Anhänger, was sich in zahlreichen Einrichtungen spiegelt: angefangen bei der Freien Waldorfschule über das Camphill-Seminar Bodensee und die Sieben Zwerge (Klinik für Drogenkrankheiten) bis zur Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach.

Dass Angehörige dieses Milieus die Corona-Maßnahmen oft besonders kritisch bewerten und versuchen, sie zu umgehen, wurde vor Kurzem an der Freien Waldorfschule Überlingen offensichtlich: Das Regierungspräsidium in Tübingen hatte nach dem auffälligen Infektionsgeschehen an der Einrichtung die bestehenden Maskenbefreiungsatteste kontrolliert. Die Überprüfung ergab, dass die Atteste überwiegend nicht den Anforderungen der Corona-Verordnung beziehungsweise der Corona-Verordnung Schule entsprachen und somit nicht anerkannt werden konnten.

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Doch alle Anhänger anthroposophischer Lehren in einen Topf zu werfen und mit dem Stempel der Corona-Leugner zu versehen, wäre unangemessenes Schwarz-Weiß-Denken, wie eine Stellungnahme der Überlingerin Ilse Wellershoff-Schuur, ausgebildete Waldorfschullehrerin und Pastorin in der Christengemeinschaft Lehenhof (Deggenhausertal), zu der Corona-Demonstration am 1. Januar zeigt. Sie genoss mit ihrer Familie an diesem Neujahrstag die Sonne auf dem Spielplatz neben der Sportanlage am Yachtclub. Gegen 13 Uhr, so schreibt sie, habe sich die friedliche und fröhliche Stimmung gewandelt, als ein Lastwagen eine Lautsprecheranlage brachte.

Ilse Wellershoff-Schuur
Ilse Wellershoff-Schuur | Bild: Deck, Martin

„Auch andere Meinungen im anthroposophischen Umfeld“

Zur Erprobung der Soundanlage sei ein Kirchenlied von Bonhoeffer erklungen, erinnert sich die Pastorin. Das möge sie sehr, schreibt sie, aber nicht in diesem Kontext: „Umgedichtet? Verfremdet? Missbraucht? Und dann zwischendurch auch wieder originalgetreu, nur eben aus ganz anderen Zeiten, in denen es wirklich Unterdrückung gab…“. Und weiter: „Man wäre gespalten, wären da nicht diese erschreckenden Texte auf den Plakaten – und die negativ aufgeladene Stimmung, die sich ,gegen‘ richtet – gegen Politiker, gegen die Presse, gegen alle, die nicht als vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Und natürlich gegen die Maßnahmen, die viele, die Mehrheit im Lande, als vernünftig und notwendig empfinden. Oder: ,Unvaxxed lives matter‘. Welch eine Anmaßung einer Opferrolle angesichts der Tatsache, dass Ärztinnen und Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger auch aus unserem Bekanntenkreis Tag und Nacht auf den Intensivstationen dieses Landes um das Leben vor allem Ungeimpfter ringen. Nein, das können wir nicht unterstützen! Wir müssen leider gehen.“

Abschließend teilt Ilse Wellershoff-Schuur auf Nachfrage mit: „Ich bin gerne das Beispiel dafür, dass es im anthroposophischen Umfeld auch andere Meinungen gibt, als allgemein wahrgenommen wird.“

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