Das Publikum im Kursaal kommt in den Genuss einer doppelten Premiere: Verena Roßbacher erhält mit dem Bodensee-Literaturpreis nicht nur ihren ersten Preis, sie hält auch ihre erste Preisrede.

Die Aussicht darauf habe sie geschockt, gibt sie zu: „Ich hatte gedacht, es würde reichen, ab und zu ein Buch auf den Markt zu werfen und dann lesend um die Häuser zu ziehen.“ Sie habe es versäumt, sich Gedanken über eine Rede zu machen, zudem habe sie kein Thema. „Ich bin ein Dilettant – vielleicht fragen Sie sich, ob es nicht ein Fehler war, den Preis einer solchen Preisanfängerin wie mir zu verleihen. Etwas mehr Professionalität bei der Preisrede wäre zu erwarten.“

In ihrer Rede bedenkt Verena Roßbacher die Tücken einer Preisträgerrede.
In ihrer Rede bedenkt Verena Roßbacher die Tücken einer Preisträgerrede. | Bild: Corinna Raupach

Zunächst sucht sie Rat bei dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard. Dieser hatte die Preisrede anlässlich des Österreichischen Staatspreises auf 300 Wörter beschränkt – er wollte nicht über den Zustand der Welt, unzureichende Krankenversorgung und schon gar nicht über sich selbst sprechen. Dann erinnert sie an ihren Vater, der im Kaffeehaus so lange Bier zu Cremeschnitte bestellte, bis eine Bedienung ihr Veto einlegte. Er habe sich ohne große Gegenwehr gefügt. „Mein Vater hätte ewig streiten können, aber er ahnte die ungeheure Komik der Situation. Wir haben noch jahrelang darüber gelacht“, sagt sie. So findet sie doch noch ihr Thema: Loslassen, mehr Demut und Humor und weniger Dogmatismus im Umgang mit anderen – darum gehe es in ihren Büchern. „Es ist unentschuldbar, zu langweilen. Alles, was gesagt werden muss, kann auch gut gesagt werden.“

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Dem Humor in Roßbachers Schaffen widmet Franz Hoben, Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben und Geschäftsführer der Literaturstiftung Oberschwaben, einen eigenen Abschnitt in seiner Laudatio. Sie verfüge über eine in der gegenwärtigen Literatur einzigartige Bandbreite, vom über Bande gespieltem feinen Witz über Kalauer und Schlagfertigkeit bis zum „Doppel-Wumms-Witz, der so ist wie er heißt.“ Sie habe sogar eine Philosophie des Humors entwickelt mit dem Kern: „Humor ist immer Ausdruck der Hoffnung.“

Franz Hoben hält die Laudatio. Er ist Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben und Geschäftsführer der Literaturstiftung Oberschwaben.
Franz Hoben hält die Laudatio. Er ist Leiter des Literarischen Forums Oberschwaben und Geschäftsführer der Literaturstiftung Oberschwaben. | Bild: Corinna Raupach

Hoben stellt die Autorin in vier Annäherungen vor, die sich an ihren Romanen orientieren. „Verlangen nach Drachen“ sei ein Roman mit schillernden Figuren, ein Buch zum Hineingehen und Eintauchen, das in eine etwas surreale Welt führe. Im Zentrum steht Klara, Studentin und Kellnerin im Wiener Kaffeehaus Neugröschl mit ihren Liebes- und Trennungsgeschichten. 2014 erschien der zweite Roman „Schwätzen und Schlachten“ über eine Schriftstellerin und ihren Versuch, über drei sympathisch-verpeilte Männer und ihre Lust an Hausmusik und einem möglichen Mord zu schreiben. „Verena Roßbacher zeigt in diesem Roman den Spielraum der Freiheit des Erzählens.“

Alexander Burdenko und Anna Mishkutenok begleiten die Preisvergabe mit Werken von Bizet, Kreisler und Schnittke.
Alexander Burdenko und Anna Mishkutenok begleiten die Preisvergabe mit Werken von Bizet, Kreisler und Schnittke. | Bild: Corinna Raupach

„Ich war Diener im Hause Hobbs“ spüre der Intensität und der lebensprägenden Kraft der jungen Jahre nach, sagt Hoben. Hauptfigur Christian Kaufman, nach dem Butler-Diplom angestellt bei einem Anwalt für Wirtschaftsrecht, stößt auf die dunklen Machenschaften seines Chefs. Von 2022 ist „Mon Chérie und unsere demolierten Seelen“ – die Romanhelden Charly Benz und ihr Therapeut Schabowski bearbeiten ihre Angst, Briefe zu öffnen. „Der Roman ist feinster Lesegenuss, sehr lebensnah, charmant-unterhaltsam, komisch, originell, tiefsinnig und klug“, sagt Hoben und fasst zusammen: „Die Jury des Bodensee-Literaturpreises würdigt Verena Roßbacher für ihr bisheriges literarisches Werk, ihre sehr eigenständige Sprache und Stilistik, die Konstruktionslust ihrer Romane, die überbordende Fantasie und den hinreißenden Witz.“

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Den Preis überreicht Oberbürgermeister Jan Zeitler. Der Bodensee-Literaturpreis, einer der ältesten kommunalen Literaturpreise im Südwesten, sei ein internationaler Preis: „Verena Roßbacher ist ein idealtypischer Fall: Mit ihren Lebensstationen Bludenz, St. Gallen und Berlin gelang es ihr, in allen Ländern am Bodensee zu leben.“ An Geige und Klavier, mit elegantem Ton und Werken von Bizet, Kreisler und Schnittke, begleiten Anna Mishktenok und Alexander Burdenko die Verleihung.