Überlingen, Salem, Uhldingen-Mühlhofen – Es ist ein beeindruckendes Bild, das sich den Passanten bietet, wenn morgens um 5 Uhr jede Menge Feuertöpfe auf Obstplantagen brennen. Allerdings hat das feurige Schauspiel einen durchaus ernsten Hintergrund: den Frost. Durch die kalten Nächte mit Temperaturen unter null Grad bangen viele Obstbauern um ihre Plantagen.

Für einen Hektar bis zu 300 Feuertöpfe nötig

„Es gibt prinzipiell das Problem, dass die Winter nicht mehr so kalt sind und damit die Blüte viel früher einsetzt“, berichtet Otmar Marquart vom gleichnamigen Obsthof in Lippertsreute. „Dadurch passiert es immer häufiger, dass die Obstbäume bereits blühen, wenn es noch frostige Nächte gibt.“ Allein in den vergangenen fünf Jahren sei das vier Mal der Fall gewesen. Deshalb stelle er Feuertöpfe in seine Pfirsich- und Kirschplantagen. „Ein Topf reicht für 30 Quadratmeter“, erklärt er. „Deshalb braucht man für einen Hektar bis zu 300 Töpfe, je nach Wind.“

Lippertsreute leuchtet unterm Sternenhimmel: Auf zwei Obstplantagen am Ortsrand sind kleine Feuer aufgestellt worden, um die bereits blühenden Bäume vor Frost zu schützen. Durch die Feuer bietet sich ein ungewöhnliches Bild auf den Ort. Vorn ist der Verkehr auf der Straße zwischen Altheim und Überlingen zu erkennen.
Lippertsreute leuchtet unterm Sternenhimmel: Auf zwei Obstplantagen am Ortsrand sind kleine Feuer aufgestellt worden, um die bereits blühenden Bäume vor Frost zu schützen. Durch die Feuer bietet sich ein ungewöhnliches Bild auf den Ort. Vorn ist der Verkehr auf der Straße zwischen Altheim und Überlingen zu erkennen. | Bild: Jäckle, Reiner

Genau der Wind ist bei allen Möglichkeiten, den Blütenstand vor Frost zu schützen, der limitierende Faktor. Otmar Marquart praktiziert nämlich noch eine weitere Methode, die deutlich günstiger ist als die Feuertöpfe. Er überspannt eine Plantage mit einer Folie und heizt darunter mit einem Pellets-Ofen an. „Das ist natürlich keinesfalls so effektiv wie die Feuertöpfe, es hilft aber auch ein wenig.“

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Erst zwei Wochen später zeigt sich, ob der Einsatz erfolgreich war

Wie effektiv ein Einsatz ist, zeige sich frühestens zwei Wochen später, es seit denn, die Blüten seien direkt erfroren. „Das Ganze ist ziemlich aufwendig, körperlich anstrengend und vor allem eine nervliche Belastung“, berichtet Otmar Marquart. „Durch die Aktionen werden die Nächte unglaublich kurz.“ Da der Einsatz immer erst dann beginnt, wenn die Temperatur unter die Null-Grad-Grenze fällt, müssen der Obstbauer vor allem nachts die Quecksilbersäule im Thermometer eigentlich durchgehend überwachen.

Mathias Wengle mit seinem Frostbuster „Agrofrost“, mit dem er bei Minustemperaturen warme Luft in seine Obstplantage bläst.
Mathias Wengle mit seinem Frostbuster „Agrofrost“, mit dem er bei Minustemperaturen warme Luft in seine Obstplantage bläst. | Bild: Jäckle, Reiner

Ähnlich geht es Mathias Wengle vom Berghof in Tüfingen. Auch er arbeitet mit Hitze gegen die tiefen Temperaturen. Allerdings fährt er mit seinem Traktor und einem Anhänger durch seine Plantage und beheizt die Bäume. Am Traktor hängt sein Anhänger „Agrofrost“, der mit sechs großen Gasflaschen bestückt ist. „Im Anhänger ist ein Brenner, der mit Gas betrieben wird“, erklärt Wengle. „Die angesaugte Luft wird dann erhitzt und nach rechts und links wieder abgegeben.“ Auch hier sei vor allem der Wind ein limitierender Faktor.

Eine Apfelblüte im Eismantel: So sieht es aus, wenn bei Minusgraden eine Plantage beregnet wird. Durch die Eisbildung entsteht Wärme, die die Knospe vor dem Erfrieren schützt.
Eine Apfelblüte im Eismantel: So sieht es aus, wenn bei Minusgraden eine Plantage beregnet wird. Durch die Eisbildung entsteht Wärme, die die Knospe vor dem Erfrieren schützt. | Bild: Jäckle, Reiner

Mathias Wengle ist teils vier Stunden am Stück unterwegs

„Ich muss losfahren, wenn die Temperaturen unter null Grad fallen“, sagt Mathias Wengle, der hauptsächlich Apfelbäume hat. „Außerdem kommt es auf den Entwicklungsstatus der Blüten an.“ Wenn sie noch geschlossen sind, halten sie mehr Kälte aus. Dennoch fährt auch er momentan nachts durch die Baumreihen. „Es kommt schon vor, dass ich um 4 Uhr nachts aufbreche und bis morgens um 8 Uhr fahre“, sagt er. „Dabei muss ich mindestens alle 20 Minuten die Bäume wieder erwärmen, damit sie nicht einfrieren.“

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Beregnung ist die effektivste Methode

Die wohl effektivste Methode, Blüten von Obstbäume vor Frostschäden zu schützen, ist das nächtliche Beregnen, damit sich eine Eisschicht bildet. Was sich widersprüchlich anhört, ist physikalisch ganz einfach zu erklären. „Wenn sich eine Eisschicht bildet und Wasser vom flüssigen zum festen Aggregatzustand übergeht, entsteht Wärme“, erklärt Thomas Löhle vom Obsthof aus Mühlhofen, der diese Praxis anwendet.

Obstbauer Thomas Löhle in Mühlhofen lässt seine Obstbäume beregnen.
Obstbauer Thomas Löhle in Mühlhofen lässt seine Obstbäume beregnen. | Bild: Jäckle, Reiner

Das ist Physik. Wenn Wasser auf den Blüten oder Knospen gefriert, entsteht eine sogenannte Kristallisationswärme. Diese wird an das pflanzliche Gewebe abgegeben und verhindert, dass das Gewebe kritische Minustemperaturen erreicht. Allerdings hat die Methode den Haken, dass die Beregnung über die gesamte Dauer des Frostes andauern muss. Und sie sollte bereits vor dem Eintreten von Minustemperaturen begonnen werden. „Ein ausreichender Wärmeeffekt entsteht durch Frostschutzberegnung allerdings nur, wenn die Eisbildung und somit die Wärmeabgabe kontinuierlich stattfindet“, betont Thomas Löhle. „Deshalb müssen wir also allerspätestens bei null Grad mit der Beregnung beginnen und sie über die gesamte Frostzeit fortsetzen.“

Thomas Löhle wendet die Methode seit mehr als zehn Jahren an

Da der Obstbauer aber so wenig Wasser wie möglich in der Plantage haben möchte, wartet er in der Regel lange ab, bevor er mit der Beregnung beginnt. „Ich mache das schon mehr als zehn Jahre“, berichtet Thomas Löhle. „Wenn die Anlage reibungslos funktioniert, hatte ich bislang noch keinen Frostschaden.“ Und am Morgen bietet die Plantage für kurze Zeit ein kurioses Bild: teilweise bunte Blüten mit Eismantel.