Der Neustart der Aktion „Deutsch To Go“ wurde zu einem freudigen Wiedersehen. Beim ersten Termin in diesem Jahr gab es einige herzliche Begrüßungen von alten Bekannten. Das Format, bei dem Einheimische und Migranten bei einem Spaziergang ins Gespräch kommen, ist eine Idee von Elke Dachauer. Die Leiterin des Sachgebiets Integration der Stadt Überlingen hatte „Deutsch To Go“ im ersten Pandemie-Jahr ins Leben gerufen. Zum Neustart nach fast einem Jahr Pause freut sich Dachauer über die etwa 30 Leute, die zum Mantelhafen gekommen sind.

Zwei Frauen feiern Wiedersehen

Ein Wiedersehen gibt es hier beispielsweise für Roswitha Allgöwer und Midia, die mit ihrer Familie aus Syrien fliehen mussten. Ihre jüngste Tochter Elsa kam vor drei Jahren in Überlingen zur Welt. Damals besuchte Midia als erste arabische Frau den Rückbildungskurs von Hebamme Roswitha Allgöwer.

Dort lernten sich nicht nur die beiden Frauen kennen, die seitdem im Austausch stehen. „Ich habe dort eine nette Freundin gefunden“, berichtet Midia. „Sie wohnt nicht mehr hier, aber wir schreiben uns immer noch Briefe.“ Das sei für sie eine gute Möglichkeit ihr Schriftdeutsch und die Grammatik zu üben, fügt sie hinzu. Dann gehen die beiden Frauen los. Sie haben sich viel zu erzählen.

Roswitha Allgöwer und Midia aus Syrien nutzten die Gelegenheit zu einem Spaziergang.
Roswitha Allgöwer und Midia aus Syrien nutzten die Gelegenheit zu einem Spaziergang. | Bild: Sabine Busse

Auch ukrainische Flüchtlinge sind willkommen

Die Auszeit der Treffen am Mantelhafen ist den turbulenten Entwicklungen in diesem Jahr geschuldet. „Bisher lag der Fokus auf der Unterbringung der ukrainischen Flüchtlinge, da war kaum Zeit für andere Aktionen“, erklärt Elke Dachauer. Sie wünscht sich, dass künftig auch Flüchtlinge aus der Ukraine das niederschwellige Angebot „Deutsch To Go“ wahrnehmen.

Zu den erfahrenen Spaziergängern und alten Bekannten gehören Marianne Johannes und Negasi Tesfay, der 2017 aus Eritrea als Flüchtling nach Deutschland kam. Die Owingerin Marianne Johannes erzählt, wie sie sich vor fünf Jahren kennengelernt haben: Damals engagierte sie sich als ehrenamtliche Helferin und wurde gefragt, ob sie sich um einige Afrikaner in der Unterkunft in Billafingen kümmern könnte.

Marianne Johannes wird von Simon (links) und Negasi Tesfay aus Eritrea auch Mutter genannt, weil sie sich immer um alles kümmert.
Marianne Johannes wird von Simon (links) und Negasi Tesfay aus Eritrea auch Mutter genannt, weil sie sich immer um alles kümmert. | Bild: Sabine Busse

Lauter Männer, die kein Wort Deutsch sprechen – das sei ihr anfangs nicht ganz geheuer gewesen. Doch Marianne Johannes machte es trotzdem und wurde mit der Zeit zur guten Seele der kleinen Gruppe. „Marianne ist wie unsere Mutter“, sagt Negasi Tesfay, der mittlerweile sehr gut Deutsch spricht.

Negasi Tesfay versucht seit fünf Jahren seine Familie nach Deutschland zu holen. Seine Frau und die fünf Kinder zwischen sechs und 19 Jahre sitzen in einem Lager in Äthiopien fest. Aber es gibt gute Nachrichten: Aktuell fehlen nur noch die Flugtickets, dann könne seine Familie nach Deutschland reisen. Seine Freude über ein Wiedersehen nach so langer Zeit drückt er mit einem zurückhaltenden Lächeln aus. Marianne Johannes Naturell ist da anders: „Dann machen wir mit den anderen Familien ein großes Fest!“, sagt sie strahlend.

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Rania kam vor sieben Jahren aus Syrien nach Deutschland

Wer donnerstags an den Mantelhafen kommt, erfährt berührende Geschichten. Rania erzählt ihre voller Stolz: Die Familie kam vor sieben Jahren aus Syrien nach Überlingen und musste hier komplett neu anfangen. Heute arbeitet sie als Reinigungskraft, ihr Mann ist Altenpfleger. Drei ihrer fünf Kinder machen gerade eine Ausbildung, eins geht noch zur Schule und das in Deutschland geborene Nesthäkchen besucht den Kindergarten.

Rania fühle sich mittlerweile in Deutschland zu Hause, sagt sie, aber ihre Eltern und ihre Familie fehlen ihr. Als sie von den Verwandten spricht, die noch in Syrien leben, wandelt sich ihr Gesichtsausdruck. Wie sehr es sie bedrückt, dass es kaum Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen gibt, setzt ihr sichtlich zu.

Für den Neustart von Deutsch To Go interessierte sich auch ein Fernsehteam des SWR. Hier wird Elke Dachauer (links) im Gespräch mit zwei ...
Für den Neustart von Deutsch To Go interessierte sich auch ein Fernsehteam des SWR. Hier wird Elke Dachauer (links) im Gespräch mit zwei Teilnehmerinnen gefilmt. | Bild: Sabine Busse

Als die Spaziergänger nach und nach zurückkommen, berichtet Thea Bessel von ihrem Nachmittag. Sie hat eine junge Frau aus Südafrika mit ihrem kleinen Sohn kennengelernt. Die drei hätten sich auf Anhieb gut verstanden und viel gelacht.

„Sie kann ein bisschen Deutsch. Dem Kleinen habe ich das Boot der Wapo gezeigt, da war er ganz begeistert“, freut sie sich. „Wir haben uns für nächste Woche wieder verabredet. Ich habe ihr gesagt, sie sei jetzt meine Freundin, da hat sie sich gefreut“, berichtet Bessel strahlend. Von den Spaziergängen profitieren offensichtlich beide Seiten.