Frau Wellershoff-Schuur, während der Demonstration in Überlingen ist Ihnen aufgefallen, dass Kirchenlieder aus dem Zusammenhang gerissen und umgetextet wurden. Auch, dass mit Plakaten auf die Black-Lives-Matter-Bewegung Bezug genommen wurde, stieß auf Ihr Unverständnis. Im Anschluss entschlossen Sie sich dazu, mit Ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen. Was mussten Sie sich in den Tagen danach aus dem engeren Freundes- und Familienkreis, aber auch von fremden Menschen anhören?

Ich war ja gar nicht auf der Demo, sondern nur mit meiner Familie auf einem Spielplatz in der Nähe und hörte von dort zum Beispiel das bekannte Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von Dietrich Bonhoeffer, das er seiner Familie kurz vor seiner Hinrichtung schickte. Das weckte sehr befremdliche Gefühle. Wir wollten eigentlich auf dem Spielplatz bleiben, aber dann sahen wir die Plakate, die Stimmung machten gegen Politiker, Wissenschaftler, Presse und auch das „non-vaxxed-lives matters“, das Sie zitieren. Das alles weckte in mir den Impuls, einen kleinen nachdenklichen Text zu verfassen, der erklären sollte, warum ich bei solchen Demos nicht mitgehe. Er wurde dann zwar nicht wie erhofft in der Zeitung abgedruckt, wurde aber Anlass zu ihrem Artikel, dessen Überschrift mich als „empört“ oder „erschrocken“ darstellte, so, als hätte ich mich im Protest gegen die Demo an die Presse gewandt. Insofern freut es mich, dass wir das Thema noch einmal miteinander aufnehmen können, denn es sind gerade durch die Überschrift einige Missverständnisse entstanden. Einerseits habe ich – und Sie ja auch, wie Sie mir berichten – überraschend viele positive Rückmeldungen bekommen, meist von mir ganz unbekannten Personen, die sich über eine vermeintlich staatstragende Haltung aus anthroposophischen Kreisen gefreut haben. Die meisten kommen selbst aus dem Umfeld der Einrichtungen. Das fand ich wirklich bemerkenswert, denn ich hatte eher mit einem Shitstorm gerechnet, weil sich Protest ja immer schneller ausspricht als Anerkennung. Da haben sich aber tatsächlich etwa 20 ganz verschiedene Menschen die Mühe gemacht, meine E-Mail-Adresse herauszufinden, um mir zu danken.

Das könnte Sie auch interessieren

Gab es auch andere Erfahrungen?

Andererseits gab und gibt es zum Beispiel in meiner Gemeinde auch einiges an Irritationen, weil die etwas reißerische Aufmachung des Artikels ja suggerierte, dass ich gegen die Demonstrationen an sich oder gegen alle Kritiker Stellung beziehen wollte, was ja nie meine Absicht war. Ich wollte lediglich schildern, warum ich persönlich auf den Demos nicht mitgehen kann, solange Stimmung gemacht wird gegen Menschen, die sich bemühen, uns allen aus der Krise zu helfen. Ich stehe einer Impfpflicht auch eher kritisch gegenüber, obwohl ich geimpft bin und ich weiß, dass gerade die Veranstalterin der Demos Ruth Meishammer sich bemüht, nicht mit den falschen Leuten gemeinsam auf die Straße zu gehen. Trotzdem kann ich viele Äußerungen dort einfach nicht unterschreiben und muss mich deshalb fernhalten. Und dann gab es natürlich noch ein paar wirklich fiese, antisemitische und rechtsradikale Hassmails, aber die habe ich nicht wirklich ernstgenommen. Sie kamen auch nicht aus Überlingen, sondern sind wahrscheinlich eine Art Internet-Spam, den jeder bekommt, der sich entsprechend äußert.

Haben Ihnen diese Erlebnisse geschadet oder Sie eher gestärkt?

Es tut gut zu sehen, dass es viele Menschen gibt, die ein etwas differenzierteres Weltbild haben, definitiv. Das Hauptproblem besteht meines Erachtens darin, dass wir einander zu schnell in Schubladen stecken und oft ist es nur die Überschrift, die in diesem Fall meine komplexe Intention nicht wiedergeben konnte, die zur Urteilsbildung führt. Das müssen Journalisten vielleicht mehr beachten, denn wenn jetzt einzelne Menschen in meiner Gemeinde meinen, ich wäre dafür, alle sofort zwangsimpfen zu lassen, weil ich so „empört“ über die Demo war, so sagt das nicht nur etwas über deren mangelndes Wahrnehmungsvermögen, sondern es ist auch Bestandteil der ganz normalen menschlichen Flüsterpost, die schnell rufschädigend werden kann.

Finden Sie das Vorurteil, anthroposophisch ausgerichtete Menschen seien überwiegend corona- und impfskeptisch eingestellt, unzutreffend?

Ich glaube schon, dass es ein Vorurteil ist, denn ich treffe in meinen Kreisen auch viele andere Menschen als Kritiker der Maßnahmen, die Kritiker sind aber gefühlsmäßig tatsächlich überrepräsentiert, vielleicht weil sie besonders laut sind? Oder weil da, wo viele keine Maske tragen, niemand mehr hingeht, der auf einen gewissen Schutz angewiesen ist? Es mag auch daran liegen, dass sich im Umfeld unserer Einrichtungen Menschen sammeln, die etwas verändern wollen, nicht so leicht zufrieden sind mit der Welt, wie man sie vorfindet. Sie suchen Schulen, die mehr bieten, Ärzte, die zusätzlich zur Schulmedizin weitergehende Methoden einsetzen, Lebensmittel, die auf bestmögliche Weise angebaut wurden. Diese Suchenden sind aber nur zu einem recht kleinen Teil Menschen, die sich mit dem anthroposophischen Selbsterziehungsweg beschäftigen, der zum Beispiel eine Bemühung um Positivität und Vorurteilslosigkeit voraussetzt. Gerade weil die Anthroposophie selbst mit Urteilen zurückhaltend umgeht und dazu auffordert, alle Quellen sorgfältig zu prüfen, ist der Eindruck verheerend, dass man hier eine bestimmte Meinung zu Corona haben müsste, um dazuzugehören oder, dass Anthroposophen per se Impfgegner wären.

Das könnte Sie auch interessieren

Würden Sie erneut öffentlich Stellung nehmen oder war Ihnen der Sturm in den Sie durch Ihren Mut, sich öffentlich zu positionieren, geraten sind, zu stark?

Ich habe mich selbst ja nur sehr vorsichtig positioniert in dem kleinen Prosastück – und ich würde wahrscheinlich sogar künftig noch vorsichtiger sein wollen. Nicht wegen der Reaktionen, aber weil so schnell Missverständnisse entstehen, durch die man wohl oder übel positioniert wird. Damit habe ich jetzt zu kämpfen und ich verstehe immer besser, dass uns als Pfarrerschaft überregional und international geraten wird, uns in Sachen Corona nicht öffentlich zu engagieren. Wir sind immer Pfarrer für alle – für Geimpfte und Umgeimpfte, für Waldorflehrer, Busfahrer, Politiker aller Couleur, für Kunstschaffende und Virologen und niemand sollte uns für seine Zwecke vereinnahmen können, um andere auszuschließen oder schlecht zu machen.

Was möchten Sie allen Menschen im Umgang mit anderen Meinungen mit auf den Weg geben?

Bleibt im Gespräch miteinander, meinetwegen auch erst mal über andere Themen. Die Gründe, warum jemand sich diesem oder jenem Lager anschließt, sind nicht immer die Gründe, sondern wurzeln viel tiefer. Meist sind wir von Ängsten und Traumata getrieben – egal ob das eine Angst vor Krankheit und Tod ist, vor Fremdbestimmung, einer Impfung oder dem Alleinstehen mit meiner Meinung im Freundes- oder Familienkreis. Es lohnt sich, diesen Motiven in sich selbst auf die Spur zu kommen. Ich habe dazu im ersten Corona-Jahr ein Buch geschrieben, in dem ein Übungsweg beschrieben wird, der erste Schritte der inneren Souveränität ermöglichen kann. Vielleicht ist es generell hilfreich, sich mit solchen Themen zu befassen bevor man sich zu stark positioniert.