Ein Endspiel um eine Europameisterschaft (EM) ist immer etwas Besonderes. Doch das Spiel der U21-Fußballer am Sonntag verfolgten einige Menschen am Bodensee ganz besonders interessiert. Der Grund: Mit Christoph Herr war ein Überlinger mittendrin. Der 30-Jährige koordiniert seit vergangenem Jahr die Sportpsychologie für den Deutschen Fußballbund und betreut als Teampsychologe die U21-Nationalmannschaft, die am Sonntag den begehrten EM-Pokal gewonnen hat.

In der mannschaftlichen Geschlossenheit sieht er das Geheimnis des Erfolgs

„Es war eine unglaubliche Nacht“, erzählt er. „Vor allem, weil noch eine Woche zuvor kaum jemand der Mannschaft diesen Erfolg zugetraut hat.“ Die Skepsis rührte daher, weil das deutsche Team keine Superstars hatte. Letztlich war aber genau das der Grund, warum sich im Team eine unglaubliche Dynamik entwickelte. „Das Geheimnis des Erfolgs war ganz klar die mannschaftliche Geschlossenheit“, erzählt Christoph Herr. „Und das gilt von den Spielern auf dem Platz über die Auswechselspieler bis hin zum Trainerteam und Betreuern.“

Christoph Herr ist Teampsychologe der deutschen U21-Fußball-Nationalmannschaft. Er sagt: „Es war zwischendurch auch eine Art Bereitschaftsdienst. Wenn ich für ein Gespräch gebraucht wurde, musste ich bereit sein.“
Christoph Herr ist Teampsychologe der deutschen U21-Fußball-Nationalmannschaft. Er sagt: „Es war zwischendurch auch eine Art Bereitschaftsdienst. Wenn ich für ein Gespräch gebraucht wurde, musste ich bereit sein.“ | Bild: Thomas Boecker/DFB

Seine Aufgabe: Ansprechpartner für die Spieler und Unterstützer für die Trainer

Der Überlinger hatte die Aufgabe, in dieser EM-Woche als Ansprechpartner für die Spieler da zu sein und die Trainer in puncto Ansprache und Mottofindung zu unterstützen. „Für mich galt ganz klar ‚weniger ist mehr‘“, sagt Christoph Herr. „Es war zwischendurch auch eine Art Bereitschaftsdienst. Wenn ich für ein Gespräch gebraucht wurde, musste ich bereit sein.“ Er fügt mit einem Schmunzeln an: „Wenn man Europameister wird, dann kann die Stimmung intern nicht so schlecht sein. Deshalb konnten wir die Vorbereitung und das Turnier auch sehr genießen.“

Und dazu gab es zahlreiche Anlässe: Vom Viertelfinale, als man gegen Dänemark fast schon ausgeschieden war und im Elfmeterschießen doch noch den Einzug ins Halbfinale schaffte, über das recht souveräne Halbfinale gegen die Niederlande bis zum Endspiel gegen das favorisierte Portugal. „Der Tag war aus sportpsychologischer Sicht absolut beeindruckend“, berichtet Christoph Herr. „Die Trainer hatten eine unglaublich gute Ansprache.“ Man arbeitete viel mit Bildern. Selbst Bundestrainer Stefan Kuntz sagte nach dem Abpfiff, dass er eine „Mischung aus Löwen, Adlern und Hyänen“ auf dem Spielfeld erlebt habe.

In der Vorbereitung spielten Tiercharaktere eine wichtige Rolle

„Wir brauchen ein Löwenherz, wir brauchen aber auch Adleraugen, damit wir alles erkennen, was den Matchplan angeht. Und: Ihr müsst eine Hyänenbande sein. Die kann keiner leiden, aber die kriegen zum Schluss immer das, was sie wollen“, sagte der Bundestrainer im Fernseh-Interview nach dem Finalsieg. „Wie sich die Spieler zum Schluss reingeschmissen haben, hat mich doch stark daran erinnert.“ Christoph Herr bestätigte, dass es in der Vorbereitung vor allem um die Tiercharakteristiken ging.

Der Überlinger Christoph Herr ist selbst ein hervorragender Sportler. Er stand 2017 schon im Teilnehmerfeld des Futur-Tennis-Turniers Überlingen Open.
Der Überlinger Christoph Herr ist selbst ein hervorragender Sportler. Er stand 2017 schon im Teilnehmerfeld des Futur-Tennis-Turniers Überlingen Open. | Bild: Reiner Jäckle

Nach dem Abpfiff? Keine Spur mehr von Teampsychologe

Als das Endspiel um 22.53 Uhr im Stadion Stožice in Ljubljana abgepfiffen wurde, gab es kein Halten mehr. Der Überlinger bringt es auf den Punkt: „Was dann folgte, waren völlige Euphorie und Ekstase.“ Der 30-Jährige war mittendrin im Freudengetümmel, keine Spur mehr von Teampsychologe. „Ich habe mich selbst erwischt, wie ich völlig außer mir auf den Videoanalysten zugerannt bin“, erinnert er sich. „Er stand einfach am nächsten.“ Und dann sprang er auf den großen Haufen von Spielern.

„Ich kannte so etwas nur aus dem Fernsehen und war plötzlich mittendrin.“
Christoph Herr

„Es war in diesem Moment irgendwie surreal für mich“, sagt Christoph Herr im Rückblick. „Ich kannte so etwas nur aus dem Fernsehen und war plötzlich mittendrin.“ Er empfinde eine große Dankbarkeit, ein solches Ereignis miterlebt zu haben. Natürlich wurde auch nach der Siegerehrung weitergefeiert. „In der Kabine gab es dann auch die eine oder andere Bierdusche, der ich nicht mehr ausweichen konnte“, sagt er schmunzelnd.

Gegen 2 Uhr ging es ins Hotel, in dem die Feier fortgesetzt wurde. „Auf uns warteten ein großes Buffet, jede Menge Getränke und Musik“, so der 30-Jährige. „Und der engste Familien- und Freundeskreis der Spieler war auch dabei.“ Diese waren vom DFB eingeladen worden, weil die hoffnungsvollen Nachwuchstalente sie bereits seit etwa vier Wochen nicht mehr gesehen hatten.