Wenn ein Handwerker seinen Meister machen möchte, dann braucht es ein Meisterprüfungsprojekt. Bei den meisten ist das ein fiktiver Gebrauchsgegenstand, der Jahre später eher zu einem Staubfänger mutiert. Bei Glaser Oliver Schweitzer aus Überlingen ist das anders. Zum einen hatte sein Meisterprüfungsprojekt einen durchaus praktischen Bezug und zum anderen ist es so geplant, konstruiert und angefertigt worden, dass es wohl jahrzehntelang in Gebrauch sein wird.

Oliver Schweitzer besucht Meisterschule in Chemnitz

Der 29-Jährige absolvierte seine Fachtheorie und -praxis für den Glasermeister von November 2020 bis März 2022 in Teilzeit an der Meisterschule in Chemnitz. „Ich habe im heimischen Betrieb in Überlingen gearbeitet und bin an den Wochenenden nach Sachsen gefahren“, erzählt Oliver Schweitzer und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich habe in der Zeit locker 45.000 Kilometer auf der Straße verbracht.“

Als es dann darum ging, als Abschlussarbeit ein passendes Projekt zu suchen, kam ihm ein guter Bekannter in den Sinn: Peter Graubach, der Leiter des Städtischen Museums in Überlingen, den er gut aus der Narrenzunft kennt. „Ich habe einfach nachgefragt, ob er irgendetwas brauchen kann“, sagt der 29-Jährige.

Peter Graubach erinnert sich: „Die Anfrage kam zum idealen Zeitpunkt. Wir wollten für die neue Ausstellung unseren altägyptischen Mumienkopf ausstellen, der seit 1709 in städtischem Besitz ist.“ Hierzu bot es sich an, eine passende Vitrine zu bauen. Gesagt, getan. Oliver Schweitzer begann zu planen.

Die Vitrine von Oliver Schweitzer ist zwei Meter hoch, wiegt etwa 100 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern.
Die Vitrine von Oliver Schweitzer ist zwei Meter hoch, wiegt etwa 100 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 75 Zentimetern. | Bild: Reiner Jäckle

Seine Herausforderungen waren, dass er das Projekt in nur 40 Stunden produzieren musste und zum anderen im familieneigenen Betrieb kaum Produktionsmöglichkeiten hatte, weil dort vornehmlich montiert und repariert wird. Doch Schweitzer habe sich „riesig gefreut“, etwas „Praktisches und Nützliches“ machen zu können.

„Ich habe mir umgehend das Exponat sowie die Art und Weise der Vitrine angeschaut, wie sie aussehen sollte“, erzählt der frisch gebackene Glasermeister. Produziert hat er das Projekt bei Schreiner Reiner Conzelmann und Maler Karl-Heinz Hummel in Überlingen. Montiert und angepasst wurde alles in der eigenen Werkstatt.

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Eingebautes Licht und Tür werden zu Herausforderungen

Eine Schwierigkeit: Die Vitrine besteht im oberen Teil komplett aus Glas, doch an der Decke der Innenseite sollte Licht brennen. „Ich habe ein dünnes Kabel in eine Silikonfuge eingearbeitet“, erklärt Oliver Schweitzer. „Außerdem wollte ich hinten eine Türe einbauen, damit die Vitrine einfach zu bestücken ist.“

Peter Graubach erklärt, dass „vor allem der achteckige Bau eine ungemein präzise Arbeit erforderte“. Er fertigt die Vitrinen für das Städtische Museum in der Regel selbst an. „In diesem Fall ist dieses Meisterstück ein wahrer Glücksfall“, betont Graubach. Wenn er eine solche Vitrine in Auftrag gegeben hätte, seien damit Kosten um die 15.000 Euro verbunden gewesen, sagt der Museumsleiter.

Der Schädel der altägyptischen Mumie stammt wohl aus einer der berühmten Pyramiden in Kairo.
Der Schädel der altägyptischen Mumie stammt wohl aus einer der berühmten Pyramiden in Kairo. | Bild: Reiner Jäckle

Denn in der Vitrine von Oliver Schweitzer steckt jede Menge Detailarbeit: Von der Stromzufuhr, bei der das Unternehmen Gut aus Überlingen unterstützt hat, über den exakten Farbton, den Sockel aus Eichenholz und die Querfugen im unteren Teil. Auch ein Drehteller gehört zur Vitrine, auf dem sich nun der altägyptische Kopf dreht.

„Ich habe darauf geachtet, dass die Vitrine auch staubdicht ist“, betont der Glasermeister. „Jetzt können die Besucher stehenbleiben und den Mumienschädel von allen Seiten betrachten.“ Das Vorbild und die große Schwester der Vitrine steht übrigens im ersten Stock des Museums, in der sich die große Fastenkrippe aus dem 18. Jahrhundert befindet.

Die große Schwester und Vorbild der kleinen Vitrine für den Mumienschädel steht im ersten Stock des Städtischen Museums und zeigt die ...
Die große Schwester und Vorbild der kleinen Vitrine für den Mumienschädel steht im ersten Stock des Städtischen Museums und zeigt die große Fastenkrippe aus dem 18. Jahrhundert. | Bild: Reiner Jäckle

Peter Graubach freut sich über das Meisterstück: „Wir sind dankbar und glücklich, dass uns Oliver Schweitzer diese Vitrine überlassen hat. Wir werden sie in Ehren halten und sie wird sicher auch noch in 50 Jahren bei uns im Museum zu sehen sein.“

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