Sie muss eine beeindruckende Frau gewesen sein, die Überlinger Buchhändlerin Eleonore Weber. Als der Schweizer Autor Patrick Tschan vor Jahren von ihr erfuhr, war für ihn „schnell klar, das wird die Hauptfigur eines Romans. Ich muss nur noch eine namenlose Kleinstadt darum herum bauen.“ So beschrieb er das Initial seines Buches „Schmelzwasser“ bei einer Lesung in der vollbesetzten Buchlandung. Auch die Ideengeber Oswald Burger und Hansjörg Straub waren gekommen. Beide sind Kenner der Protagonistin sowie der Kleinstadt, die unschwer als Überlingen zu erkennen ist. Burger hatte dem Schweizer Autor von der Buchhändlerin und ihren Marotten erzählt. Dazu gehörte, dass sie von allen Kunden Karteikarten anlegte mit Lesegewohnheiten und Eigenschaften.

Geschichte beginnt zwei Jahre nach dem Krieg

Patrick Tschan nahm einige dieser Eigenarten und baute eine Geschichte darum herum, die zwei Jahre nach dem Krieg beginnt und im Jahr der Seegefrörne 1963 endet. In seinem Buch heißt die Buchhändlerin Emilie Reber. Sie eröffnet wie das Vorbild erst eine Leihbuchhandlung und später einen Buchladen mit hohem literarischen Anspruch.

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In Patrick Tschans Roman wird die belesene Frau zu einer Widerstandskämpferin, die in den 1930er Jahren nach Frankreich emigrierte. Nach ihrer Rückkehr ins Heimatland lehnt sie sich gegen die alten Strukturen auf und lüftet die Kleinstadt mal kräftig durch, um den Nazimief zu vertreiben. Ihre Waffe ist dabei die Literatur. Zusammen mit zwei weiteren selbstständigen Frauen und einem jüdischen Autor rüttelt sie die Jugend auf, prangert alte Seilschaften an und kritisiert die Opferrolle der Mitläufer. Zum Schluss rockt das Grüppchen im wahrsten Sinne des Wortes die Kleinstadt. Nicht nur die, auch die Romanfiguren durchlaufen bei Tschan eine beeindruckende und etwas konstruierte Metamorphose. Dem Lokalkolorit tut das aber keinen Abbruch.

Nach der Lesung kamen noch einige Überlinger zu Wort, die sich an das Original Eleonore Reber erinnerten. Kristin Müller-Hausser konnte berichten, dass ihre Mutter eine Kundin war, aber nicht immer alle Bücher bekam, die sie bestellt hatte. Gastgeberin und Inhaberin der Buchlandung Cornelia Lenhardt gab zu: „Ich hatte Angst vor ihr.“