Die Buchtaufe des Bandes „Überlingen literarisch“ während der „Langen Nacht der Überlinger Literatur“ fand wegen Corona ohne den bei solchen Gelegenheiten sonst obligatorischen Getränkeausschank statt. Doch eine trockene Angelegenheit war die Präsentation des 380 Seiten starken „Spaziergangs durch die Jahrhunderte“ deshalb noch lange nicht.

Der Pfarrsaal war, unter Corona-Bedingungen, voll besetzt. Viele Interessenten erhielten keine Karten für die Buchtaufe mehr.
Der Pfarrsaal war, unter Corona-Bedingungen, voll besetzt. Viele Interessenten erhielten keine Karten für die Buchtaufe mehr. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Dafür sorgten die Herausgeber Waltraut Liebl-Kopitzki und Siegmund Kopitzki. Unterstützt von den Literaturförderern Manfred Bosch und Oswald Burger, denen sie ihren Band gewidmet haben, lasen sie eine interessante Auswahl flüssig geschriebener, doch ganz unterschiedlicher Texte vor. Um nur einem Bruchteil der 120 Autoren aus neun Jahrhunderten gerecht zu werden, die das Paar in seinem Werk versammelt hat, würde aber auch die allerlängste literarische Nacht nicht ausreichen.

Oswald Burger hatte sich für einen Text des Religionsphilosophen Leopold Ziegler entschieden, „Der Bodensee“. Letzterer ist laut Ziegler „die Landschaft unseres deutschen Anfangs“. Und Zieglers Aufsatz ist ein einziges „Heimatlob“. Das, so versicherte Siegmund Kopitzki, solle das ganze Lesebuch für Überlingen und die literarische Region sein.

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Das heißt aber beileibe nicht, dass das Buch kritische Texte ausspart. Überlingen war und ist zwar ein Ort der Literatur, wie Waltraut Liebl-Kopitzki betonte. Doch nicht alle Autoren waren freiwillig und gerne hier. So fand es etwa Tami Oelfken „unstatthaft, hier im Naturschutzpark am Bodensee ansässig zu sein“. Liebl-Kopitzki trug Oelfkens „Logbuch“-Eintrag über das Kriegsende in Überlingen vor, der mit dem Satz endet: „Wir wollen die Freiheit hüten wie unseren kostbaren Schatz.“ Siegmund Kopitzki legte den Besuchern im ausverkauften Pfarrsaal ans Herz: „Lesen Sie Tami Oelfken.“

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Manfred Bosch hatte einen süffisanten Text des Dr.-Mabuse-Erfinders Norbert Jacques ausgewählt, „Im Bodenseestädtchen“, der einen Abend im legendären, ehemaligen „Hecht“ beschreibt und auch den Titel tragen könnte: „Wer trinkt warum welchen Wein?“

Wein spielt auch eine Rolle im Gedicht „Forelle blau“, das die 2015 verstorbene Dichterin Ingeborg Sulkowski Elisabeth Plessen gewidmet hatte und das Kopitzki rezitierte.

Aufruf zur Preisgeld-Erhöhung

Kopitzki hob hervor: „Überlingen war lange das literarische Oberzentrum der Region nicht Konstanz.“ Er erinnerte an die lange literarische Tradition der Stadt, erwähnt etwa, dass während des Zweiten Weltkriegs das Archiv des Cotta-Verlags in den Gallerturm ausgelagert worden war, dass der Internationale Bodenseeclub 1950 in Überlingen gegründet wurde und, nicht zuletzt, dass Überlingen mit dem 1954 gestifteten Bodensee-Literaturpreis den ältesten Literaturpreis in der Region habe. Jury-Mitglied Kopitzki schlug Oberbürgermeister Jan Zeitler, der mit seiner Frau im Publikum saß, vor: „Erhöhen Sie doch mal das Preisgeld.“ Derzeit ist die Auszeichnung mit 5000 Euro dotiert.

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