Seit Beginn der Corona-Pandemie haben Kinder mit einigen Einschränkungen zu kämpfen. So waren beispielsweise Kitas monatelang geschlossen und Spielplätze zeitweise gesperrt. Auch der Kontakt zu anderen Kindern war mitunter nur begrenzt möglich.

Die neue Generation der Erstklässler hat also in der Vorschulzeit viel verpasst. Wie wirkt sich das auf ihren Entwicklungsstand aus? Wir haben mit Lehrern über die Verfassung der Erstklässler und mögliche Defizite gesprochen – und darüber, wie Grundschulen auf diese reagieren.

Jahrgangsübergreifende Klassen helfen beim Schulbeginn

An der Grundschule Hödingen wurden dieses Jahr 13 Kinder eingeschult. Sie lernen in zwei jahrgangsübergreifenden Klassen. Wie Rektorin Kathrin Diestel berichtet, konnten sich die Kinder schnell ins Schulleben einfinden. „Die kleinen Klassen und die klaren Strukturen waren bestimmt hilfreich“, sagt Diestel.

Bisher seien den Lehrern noch keine besonderen Defizite oder Auffälligkeiten bei den frischgebackenen Schülern aufgefallen, die Corona geschuldet sein könnten. Auch hier vermutet Rektorin Diestel: „Möglicherweise trägt die Jahrgangsmischung dazu bei, die Kleinen gut aufzufangen.“ In diesem Zuge bekommen alle Erstklässler beispielsweise Paten aus dem zweiten Schuljahr an ihre Seite, was das soziale Lernen auf beiden Seiten fördere.

Die Erstklässler der Rabenklasse 1/2a in der Grundschule Hödingen mit Lehrerin Isabel Daller. In den jahrgangsübergreifenden Klassen bekommt jeder Erstklässler einen Paten aus dem zweiten Schuljahr an seine Seite gestellt.
Die Erstklässler der Rabenklasse 1/2a in der Grundschule Hödingen mit Lehrerin Isabel Daller. In den jahrgangsübergreifenden Klassen bekommt jeder Erstklässler einen Paten aus dem zweiten Schuljahr an seine Seite gestellt. | Bild: Grundschule Hödingen

Unterstützend seien für die Kinder auch feste Rituale zum Anfang und zum Ende der Woche. Weiter gebe es eine Schulsozialarbeiterin, die regelmäßig in den Klassen aktiv ist und es finden Schulversammlungen statt. „Da melden sich auch Erstklässler zu Wort und werden gehört“, sagt Kathrin Diestel.

Kinder suchen Bestätigung und fragen häufiger nach

Aus Sicht der Rektorin haben weniger die Erstklässler mit Defiziten zu kämpfen als die älteren Schüler. Bei diesen Kindern falle mitunter auf, dass sie beim Arbeiten vermehrt nachfragen und Bestätigung suchen. „Die Lehrerinnen vermuten, dass das an der Eins-zu-Eins-Betreuung beim Lernen zu Hause liegen könnte“, berichtet Diestel. Auch das Rede- und Mitteilungsbedürfnis sei bei den Älteren anfangs groß gewesen.

Kathrin Diestel, Rektorin Grundschule Hödingen: „Die Lehrerinnen haben das Gefühl, dass die Schule sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern einen höheren Stellenwert bekommen hat.“
Kathrin Diestel, Rektorin Grundschule Hödingen: „Die Lehrerinnen haben das Gefühl, dass die Schule sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern einen höheren Stellenwert bekommen hat.“ | Bild: Mona Lippisch

Positiv hebt Diestel hervor, dass die Motivation der Kinder – im Vergleich zur Zeit vor Corona – größer geworden ist. So verkündeten etwa mehrere Zweitklässler vor den Herbstferien, dass sie lieber in die Schule als in die Ferien gehen wollten. „Die Lehrerinnen haben das Gefühl, dass die Schule sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern einen höheren Stellenwert bekommen hat und mehr geschätzt wird“, sagt die Rektorin der Hödinger Grundschule.

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Mehr Interesse an Gesellschaftspolitik

Ähnlich wie Rektorin Kathrin Diestel beschreibt auch Carmen Kindler, dass die Motivation der Kinder im Unterricht größer geworden ist. Kindler leitet die Grundschule Lippertsreute und ist außerdem geschäftsführende Schulleiterin der Stadt Überlingen. Sie erzählt beispielsweise: „Das allgemeine Interesse an gesellschaftspolitischen Themen ist gestiegen. Selbst ab Klasse 1.“

Die Erstklässler der Grundschule Lippertsreute bei ihrer Einschulung mit Klassenlehrerin Sarah Bucher. Trotz monatelanger Kitaschließung wegen Corona fallen den Lehrern bislang keine Defizite bei den Kindern auf.
Die Erstklässler der Grundschule Lippertsreute bei ihrer Einschulung mit Klassenlehrerin Sarah Bucher. Trotz monatelanger Kitaschließung wegen Corona fallen den Lehrern bislang keine Defizite bei den Kindern auf. | Bild: Grundschule Lippertsreute-Deisendorf

Das liege aus Sicht von Kindler daran, dass während der Lockdowns viele Gespräche innerhalb der Familien geführt wurden. „Manche Kinder haben sogar regelmäßig Nachrichten geschaut und diese im Anschluss mit ihren Eltern aufgearbeitet“, weiß die Rektorin.

Strukturierter Unterricht fällt älteren Schülern schwer

Auffällig sei aus ihrer Sicht in den Klassen zwei bis vier, dass den Kindern strukturierter Unterricht bisweilen schwerfällt – angesichts der langen Zeit im Lockdown und Homeschooling. Kindler berichtet: „Da wird schneller gemosert, diskutiert und auch verweigert.“ Viel Engagement dagegen erleben die Lehrer laut Kindler, wenn den Schülern offengelassen wird, welche Inhalte sie zu welchem Zeitpunkt bearbeiten.

Mittlerweiler sind Dana, Julie, Milena, Yara und Lina (von links) Viertklässler in der Grundschule Lippertsreute. Das Bild entstand im Frühjahr 2021, als die Mädchen noch die dritte Klasse besuchten.
Mittlerweiler sind Dana, Julie, Milena, Yara und Lina (von links) Viertklässler in der Grundschule Lippertsreute. Das Bild entstand im Frühjahr 2021, als die Mädchen noch die dritte Klasse besuchten. | Bild: Mona Lippisch

Defizite bei den Erstklässlern wegen den monatelangen Kitaschließungen, sind der Schulleiterin in Lippertsreute bislang nicht aufgefallen. „Im Hinblick auf Fähigkeiten, die ein Schulanfänger üblicherweise aufweisen sollte, können wir keine Beeinträchtigungen feststellen“, freut sich Carmen Kindler. Die Kinder würden konzentriert, zielstrebig und gewissenhaft an den neuen Lerninhalten des ersten Schuljahrs arbeiten.

Carmen Kindler: „Im Hinblick auf Fähigkeiten, die ein Schulanfänger üblicherweise aufweisen sollte, können wir keine Beeinträchtigungen feststellen.“
Carmen Kindler: „Im Hinblick auf Fähigkeiten, die ein Schulanfänger üblicherweise aufweisen sollte, können wir keine Beeinträchtigungen feststellen.“ | Bild: Mona Lippisch

Auch im Umgang mit den anderen Kindern sei bei den Erstklässlern kein Verhalten aufgefallen, dass „aus dem Rahmen fallen würde“. Wenn gleich die Rektorin betont, dass der Kontakt mit Gleichaltrigen während der Lockdowns in jedem Fall zu kurz kam. Doch: „Die Kinder sind freundlich im Umgang miteinander und helfen sich, wo Hilfe nötig und angenommen wird.“

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