Veränderungen brauchen häufig zu viel Zeit. Diese oft geäußerte Kritik trifft beim ersten Schritt des Umbaus der Berufsbildenden Schulen im Bodenseekreis wohl kaum zu. Mitte November fiel im Kreistag die Entscheidung, die Justus-von-Liebig-Schule und die Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen zusammenzulegen. Zu Beginn des nächsten Schuljahres, also im September 2022, soll dieser Schritt bereits vollzogen sein.

Gutachten sieht Handlungsbedarf bei gewerblichen Schulen im Bodenseekreis

Die Grundlage für diesen Beschluss lieferte ein 2020 vom Bodenseekreis als Schulträger bei der Firma Biregio in Auftrag gegebenes Gutachten. Die Experten stellen darin „einen deutlichen Handlungsbedarf hinsichtlich der Struktur und der Angebote der Gewerblichen Schulen im Bodenseekreis“ fest, wie es in einer Sitzungsvorlage des Kreistages heißt. Die vorgeschlagenen Veränderungen, die auch das Regierungspräsidium Tübingen unterstützt, sollen dazu dienen, die Berufsbildenden Schulen zukunftssicher und kosteneffizient zu strukturieren.

Stefan Wunder von der Jörg-Zürn-Gewerbeschule wird Leiter der neuen Bündelschule.
Stefan Wunder von der Jörg-Zürn-Gewerbeschule wird Leiter der neuen Bündelschule. | Bild: privat

Schulleiter Stefan Wunder bleibt, Schulleiter Herbert Weber geht

Eine zentrale Personalentscheidung in Zusammenhang mit der Fusion der beiden Überlinger Standorte ist bereits gefallen. Stefan Wunder, aktuell Leiter der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, wird an der Spitze der sogenannten Bündelschule stehen. Herbert Weber, Leiter der Justus-von-Liebig-Schule, wird sich neuen Aufgaben im Kreis Ravensburg zuwenden. Anzeichen von Konkurrenz sucht man im Gespräch mit den beiden vergebens. „Wir arbeiten Hand in Hand. Die Entscheidung ist getroffen, das Ziel ist klar und für die Schüler muss das bestmögliche Ergebnis herauskommen“, betont Herbert Weber. Stefan Wunder ergänzt: „Es ist uns beiden daran gelegen, dass es klappt. Die Schüler sollen für ihre Schullaufbahn fast nichts davon mitbekommen.“

Herbert Weber leitet die Justus-von-Liebig-Schule und wird im kommenden Schuljahr neue Aufgaben im Kreis Ravensburg übernehmen.
Herbert Weber leitet die Justus-von-Liebig-Schule und wird im kommenden Schuljahr neue Aufgaben im Kreis Ravensburg übernehmen. | Bild: privat

Sachlichkeit im Kollegium, obwohl auch Beunruhigung herrscht

Aktuell gehe es darum, aus zwei Schulleitungsteams eins zu machen. Für die personellen Veränderungen ist das Regierungspräsidium zuständig. Dabei müsse beispielsweise auch geklärt werden, wie viele Abteilungsleiter die neue Schule haben wird. Die Personalvertretungen beider Schulen sind beteiligt. „Wir stehen noch am Anfang und haben längst nicht auf alle Fragen der Kollegen eine Antwort“, sagt Weber. Stefan Wunder pflichtet ihm bei. Sie loben beide ihre Teams, bei aller Beunruhigung herrsche eine große Sachlichkeit. „Die Herausforderung ist der enge Zeitplan. Wir haben praktisch nur ein halbes Jahr Zeit und das in der aktuellen Corona-Situation“, sagt Herbert Weber.

Schulen haben unterschiedliche Schwerpunkte, aber schon manche Kooperation

Die Jörg-Zürn-Gewerbeschule ist auf die Ausbildung junger Menschen in technischen Berufen spezialisiert. Die Justus-von-Liebig-Schule hat ihren Schwerpunkt im Bereich Ernährung, Erziehung und Pflege. Beide sind auf dem Schulcampus angesiedelt und direkte Nachbarn. Kooperationen gibt es bereits, einige Räume werden von allen Schülern genutzt. Bei Fachräumen und Werkstätten wäre das wegen der speziellen Ausrüstung weniger machbar, so Wunder.

Die Justus-von-Liebig-Schule verliert den Ausbildungszweig für Erzieherinnen.
Die Justus-von-Liebig-Schule verliert den Ausbildungszweig für Erzieherinnen. | Bild: Stefan Hilser

Ausbildung der Erzieherinnen wird nach Friedrichshafen verlegt

Beide Schulleiter betonen, dass am Standort Überlingen das Bildungsangebot komplett erhalten bleiben soll. Abwandern wird allerdings eine Zuständigkeit. Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts Bodenseekreis, erklärt auf Nachfrage: „Vorgesehen ist, die Erzieherinnenausbildung vollständig nach Friedrichshafen zu verlegen. Das wurde vom Kreistag so beschlossen.“ Dieser Ausbildungszweig ist bisher bei der Justus-von-Liebig-Schule angesiedelt und wird in einer Außenstelle in Markdorf unterrichtet. Ob die künftig zuständige Droste-Hülshoff-Schule den Standort weiter nutzt, steht noch nicht fest.

Abzug der Mechatroniker-Ausbildung steht noch in der Diskussion

Unter Beobachtung der Gutachter stand auch die Mechatroniker-Ausbildung an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule beziehungsweise die Klassengröße. Laut Sitzungsunterlagen des Kreistages haben Biregio und das Regierungspräsidium vorgeschlagen, ein Kompetenzzentrum Mechatronik in Friedrichshafen einzurichten. Das erste Ausbildungsjahr könne aber weiterhin in Überlingen angeboten werden. „Ob das Angebot der Mechatroniker-Ausbildung in Überlingen bleibt, ist noch nicht entschieden. Das wird weiter diskutiert“, sagt Stefan Wunder. „Wir wünschen uns, dass das Angebot bleibt. Wir haben hier das Personal und könnten das fachlich fundiert weiter betreiben.“

Ob die Jörg-Zürn-Gewerbeschule weiter Mechatroniker ausbilden kann, steht noch zur Diskussion.
Ob die Jörg-Zürn-Gewerbeschule weiter Mechatroniker ausbilden kann, steht noch zur Diskussion. | Bild: Stefan Hilser

Schule soll nach Fusion einen neuen Namen erhalten

Zu den weiteren noch zu lösenden Fragen gehören unter anderem passende Räume für die fusionierte Schule. Im Moment gibt es weder ein ausreichend großes Lehrerzimmer für rund 100 Kollegen, noch einen passenden Konferenzraum. Dazu müssen die pädagogischen Konzepte entwickelt und nicht zuletzt ein neuer Name für die Schule gefunden werden, mit dem sich alle identifizieren können, so die beiden Schulleiter.

Hoffnung: Mittelgroße Schule kann langfristig Bestand haben

Nach den Chancen des Prozesses gefragt antwortet Stefan Wunder: „So wird aus zwei kleinen eine mittelgroße Schule, die langfristiger Bestand haben kann.“ Bei den Nachteilen führt er den möglichen Verlust des familiären Charakters ins Feld, der die überschaubaren Einheiten bisher geprägt habe. „Die Herausforderung besteht darin, das Zusammenwachsen mit einer neuen Philosophie, neuen Konzepten und Leitbildern in einem Guss hinzubekommen“, fasst Stefan Wunder zusammen.