„An den Wochenenden ist es abends schwierig, hier als Frau kein mulmiges Gefühl zu haben“, beschreibt Julia Sonntag die Situation am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB). „Oft werden einem von Männern, die beim Kiosk oder an der Haltestelle sitzen, anzügliche Kommentare hinterher gerufen.“ Solche Vorfälle wären nicht selten, erzählt die 17-Jährige, würden aber nicht angezeigt und tauchten daher auch in keiner Kriminalitätsstatistik auf. Julia Sonntag hatte als Mitglied des Jugendgemeinderats in einer Sitzung das Thema angesprochen. Anschließend äußerte sie sich in einem SÜDKURIER-Bericht dazu und wünschte sich einen Austausch mit der hiesigen Polizei. Günter Hornstein, Leiter des Überlinger Reviers, nahm den Vorschlag gerne auf. So trafen sich auf Initiative dieser Zeitung Julia Sonntag, Günter Hornstein sowie Streetworker Carlos Göschel am ZOB.

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Am Abend fast immer trinkende Jugendliche

Die junge Frau beschreibt, dass man dem Ort auf dem Heimweg schwer ausweichen könne, wo in den Abendstunden fast immer Jugendliche säßen, die Alkohol konsumierten. „Die Statistik weist den Bereich am Bahnhof nicht als Schwerpunkt aus. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass das subjektiv anders wahrgenommen wird“, sagt Günter Hornstein. Ihm ist wichtig, den Bereich am ZOB nicht mit anderen Plätzen der Stadt in einen Topf zu werfen. Der Bereich am Bahnhof sei überall ein belebter Ort. Zudem habe die Stadtverwaltung die Schwachstelle erkannt und bereits für eine bessere Beleuchtung gesorgt.

Polizei zeige nach Möglichkeit Präsenz

Zu den Kommentaren, die sich Julia Sonntag hier schon anhören musste, sagt Revierleiter Hornstein: „Das kann Ihnen leider an allen Stellen passieren, wo sich Jugendliche treffen. Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Die Polizei würde nach ihren Möglichkeiten vor Ort Präsenz zeigen, besonders zu den Zeiten, wenn die Buslinien ins Hinterland mit zahlreichen Jugendlichen starten.

Der Bereich um den Bahnhof Mitte macht der Polizei und Eltern insbesondere in den Abendstunden Sorgen. Nachdem es immer häufiger zu Probleme gekommen war, sorgte die Stadt 2017 für eine bessere Ausleuchtung. Bild: Hanspeter Walter
Der Bereich um den Bahnhof Mitte macht der Polizei und Eltern insbesondere in den Abendstunden Sorgen. Nachdem es immer häufiger zu Probleme gekommen war, sorgte die Stadt 2017 für eine bessere Ausleuchtung. Bild: Hanspeter Walter | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Der 17-Jährigen lief schon tagsüber jemand hinterher

Julia Sonntag erkundigt sich, was sie tun kann, wenn es unangenehm wird. „Beleidigung ist eine Straftat“, so Hornstein. „Wir gehen allen Anzeigen und Ordnungsstörungen nach.“ Allerdings sei es schwer, die Grenze zu ziehen zwischen einer Beleidigung und einer blöden Bemerkung. Das würde sehr unterschiedlich empfunden. Julia Sonntag erwidert, dass eine Anzeige ohne Zeugen und Namen des Verursachers wohl kaum Effekte zeigen würde. „Das geht dann gegen Unbekannt“, erläutert der Revierleiter. „Mir ist es sogar tagsüber schon passiert, dass jemand hinter mir her läuft, was kann ich dann tun?“, fragt die 17-Jährige. „Anrufen, jederzeit!“, lautet die spontane Antwort des Revierleiters. „Wir müssen zwar priorisieren und können nicht immer direkt kommen.“ Aber der Vorfall würde auf jeden Fall aufgenommen und wäre damit aktenkundig.

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Streetworker: Problem nicht komplett auf Polizei schieben

Hier bringt sich Carlos Göschel ein. Er arbeitet vor allem mit jungen Flüchtlingen im Rahmen der mobilen Jugendsozialarbeit. „Es ist nicht richtig, das Problem komplett auf die Polizei zu schieben“, so der Streetworker. „Die Leute schauen zu viel weg. Wir brauchen mehr Zivilcourage!“. Günter Hornstein und Julia Sonntag stimmen ihm zu. Göschel wünscht sich, dass Passanten Präsenz zeigen und nicht einfach weggehen, wenn sie eine Belästigung beobachten. Günter Hornstein schlägt vor, ein Foto von aggressiven Sprücheklopfern zu machen, die Polizei zu rufen oder verbal einzuschreiten. „Aber bitte kein falsch verstandenes Heldentum!“, warnt er. Carlos Göschel nennt das Beispiel von Städten, die an viel frequentierten Plätzen mit Plakaten zu Zivilcourage aufrufen und mit einer Telefonnummer für den Konfliktfall versehen sind.

Hier stehen die Julia Sonntag, Revierleiter Günter Hornstein (links) und Streetworker Calos Göschel an der Treppe zu den Bahngeleisen.
Hier stehen die Julia Sonntag, Revierleiter Günter Hornstein (links) und Streetworker Calos Göschel an der Treppe zu den Bahngeleisen. | Bild: Sabine Busse

Göschel kennt sich mit Sprücheklopfern aus

Als Jugendsozialarbeiter plädiert Göschel: „Nicht über die Jugendlichen schimpfen, sondern sich mit Verständnis kümmern, sowie klare Grenzen setzen.“ Aus seiner Praxis bei der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe weiß er, dass man Sprücheklopfern deutlich machen muss, wie ihr Verhalten auf andere wirkt und dass Beleidigungen grundsätzlich tabu sind. Das sieht Hornstein genauso und ergänzt: „Das können nur Streetworker leisten. Die Rolle der Polizei ist eine andere.“

Julia Sonntag ist „sehr glücklich mit dem Gespräch“

Für Julia Sonntag sind alle wichtigen Punkte angesprochen worden. Es sei deutlich geworden, wie wichtig es ist, die Jugendsozialarbeit zu stärken. Dazu will sie die Idee, mit Plakaten für mehr Zivilcourage zu werben, mit in den Jugendgemeinderat nehmen. Ihr Resümee: „Ich bin sehr glücklich mit dem Gespräch!“