Die Zahlen sprechen für sich: 57,8 Prozent der Wahlberechtigten bei den Bundestagswahlen waren älter als 49 Jahre. Die stärkste Altersgruppe stellten mit 12,8 Millionen die über 69-Jährigen, während die Gruppe der 18- bis 20-Jährigen lediglich zwei Millionen ausmacht. Diese Zahlen veröffentlichte das Statistische Bundesamt im Februar. Die Wahl entscheiden konnten die jungen Stimmberechtigten also nicht, aber mit ihrem Wunsch nach Veränderung waren sie anscheinend nicht allein.

Am Überlinger Gymnasium fanden vor dem Wahltag Schülerwahlen statt. Dabei konnten die Jugendlichen ab Klasse 8 ihre Stimme abgeben.

Auch in Überlingen scheiden FDP und Grüne am besten ab

Das Ergebnis präsentiert Lehrer Jochen Staudacher mit seinem Leistungskurs Gemeinschaftskunde. Die Abiturklasse hat bei der Durchführung der Schülerwahlen geholfen und beantwortet bereitwillig Fragen zu den Ergebnissen. Bundesweit haben junge Menschen vor allem die Grünen und die FDP gewählt. Das deckt sich mit dem Ergebnis der Überlinger Schule, wo beide Parteien am besten abgeschnitten haben, gefolgt von SPD und CDU.

Den Christdemokraten trauen die Schüler den gewünschten Aufbruch nicht zu. Charlotte bezweifelt, dass die CDU es mit dem Thema Klima wirklich ernst meinte; eventuell habe sie nur das Wahlprogramm geschönt. Auch der CDU-Spitzenkandidat kam bei der Generation nicht an. Für Christian verkörpert Armin Laschet nicht die Sicherheit wie Angela Merkel. In den Fernseh-Triellen habe Laschet eine unsichere Figur gemacht. „Scholz strahlt mehr Erfahrung aus“, fügt Fabienne hinzu. Der SPD-Kandidat habe die Streitereien zwischen den beiden anderen Kandidaten am besten für sich genutzt.

Bild: Müller, Cornelia
Bild: Müller, Cornelia

Jugendliche informieren sich hauptsächlich in Social-Media-Kanälen

Die Hauptinformationsquelle der Jugendlichen waren aber nicht Fernsehen oder Zeitung, sondern Social-Media-Kanäle. Hier habe die FDP die richtige, also kurze und informative Ansprache gefunden, sagt Leo. Und sie habe das ihnen sehr wichtige Thema Digitalisierung besetzt. „Für mich ist die FDP die neue Mitte“, sagt er. Laut seiner Mitschülerin Laura stehen die Grünen für das Thema Klima, „einem wichtigen Aspekt für unsere Zukunft“. Mit der FDP verbindet sie finanzielle Sicherheit und stabile Renten.

Schüler fordern Wahlrecht ab 16 Jahren ein

Die Diskussion zeigt, dass die Jugendlichen sich intensiv mit den Parteien auseinandergesetzt haben, obwohl nur fünf über 18 Jahre alt sind und an der Bundestagswahl teilnehmen konnten. Die Schieflage bei der Altersverteilung der Wahlberechtigten müsse unbedingt durch ein Wahlrecht ab 16 Jahre etwas bereinigt werden. Das meinen nicht nur die sechs 17-jährigen Schüler des Kurses.

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Die meisten setzen auf ein Ampel-Bündnis

Bei den Koalitionsverhandlungen setzen die meisten auf ein Ampel-Bündnis. „Jamaika wäre fatal, da würde sich nicht viel ändern und das würde gegen das Wahlergebnis sprechen“, meint Fabienne.

Den Schülern ist bewusst, dass es die erste Koalition aus drei Parteien nicht leicht haben wird. So sehen sie Konflikte bei den Themen Klima und Steuern zwischen den Grünen und der FDP vorprogrammiert. Laura rechnet nicht mit einer schnellen Einigung und Regierungsbildung. Mit drei Partnern könne das bis Weihnachten dauern.

Hoffen auf Einigung von FDP und Grünen

Auf die Frage, ob es FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner nachhänge, dass er vor vier Jahren die Jamaika-Koalition platzen ließ, winkt Christoph ab. Das sei eher konsequent rübergekommen. Leo hofft wie einige seiner Mitschüler auf eine Einigung von FDP und Grünen „und dass sie gemeinsam als Block auftreten“.

„Alle warten jetzt auf den Aufbruch, aber darunter kann jede Partei etwas anderes verstehen.“
Hanna

Die Rolle als Motor für die erhofften Veränderungen trauen die Abiturienten vor allem der gelb-grünen Kombination zu. Um sie zu stärken, hätten viel strategisch gewählt. Damit der Aufbruch gelingt. In dem Kontext gibt Hanna zu bedenken: „Alle warten jetzt auf den Aufbruch, aber darunter kann jede Partei etwas anderes verstehen.“