Seine Geige konnte lachen, weinen, flüstern, schreien, ächzen – mit ihr erzählte José Kichler Geschichten. Amüsant, dramatisch, gefühlvoll. Wenn der Teufelsgeiger, wie ihn seine Fans gerne nannten, beim „Orange Blossom Special“ fünf, sechs Minuten lang mit dem Bogen über die Saiten seiner Geige jagte und die Finger der linken Hand schneller auf dem Griffbrett unterwegs waren, als man ihnen mit den Augen zu folgen vermochte, dann skandierte das Publikum „José, José ...“. Verlangte eine Zugabe. Und der Geiger gab alles. Beim folgenden johlenden Applaus schaute er sich dann nach seinen sechs Musikerfreunden der Mississippi Steamboat Chickens um, fast verlegen, lächelte und schüttelte dann demonstrativ seine Linke aus, um den Fans zu sagen: Leute, der Motor ist heiß gelaufen. Das war Josés Art, sich in seiner Bescheidenheit jedwedem Starkult zu entziehen, der dem Stockacher in 40 erfolgreichen Jahren mit der Überlinger Jazzband immer fremd blieb. Obwohl er sich in seiner Virtuosität in den Mittelpunkt spielte, kaum dass er den Bogen angesetzt hatte.

Seit 1986 locken die Mississippi Steamboat Chickens alljährlich rund 500 Gäste auf das „Dixie-Schiff „, das seit 2016 „Mississippis‘ Shuffle Boat Party“ heißt. In jenem Jahr spielt die Band bei guten Wetter auch mal draußen auf dem Oberdeck in der Besetzung (von links): José Kichler (Geige), Andreas Schneider (Posaune), Bandleader Jürgen Herr (Klarinette), Roland Wohlhüter (Gasttrompeter), Heinz Kehrer (Banjo), Dieter Röhrsheim (Bass) und Michael Bremges (Schlagzeug).
Seit 1986 locken die Mississippi Steamboat Chickens alljährlich rund 500 Gäste auf das „Dixie-Schiff „, das seit 2016 „Mississippis‘ Shuffle Boat Party“ heißt. In jenem Jahr spielt die Band bei guten Wetter auch mal draußen auf dem Oberdeck in der Besetzung (von links): José Kichler (Geige), Andreas Schneider (Posaune), Bandleader Jürgen Herr (Klarinette), Roland Wohlhüter (Gasttrompeter), Heinz Kehrer (Banjo), Dieter Röhrsheim (Bass) und Michael Bremges (Schlagzeug). | Bild: Holger Kleinstück

Zum letzten Mal war José Kichlers Geige beim Weihnachtsjazz im Überlinger Galgenhölzle im Dezember zu hören. Jetzt ist sie für immer verstummt. Der Musiker starb 81-jährig bereits am Himmelfahrtstag. Die coronabedingt kleine Beerdigung war vergangenen Samstag, wie Jürgen Herr, Bandleader der Mississippis jetzt mitteilte.

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Die Geige gab den Mississipps
ihren unverkennbaren Sound

Dass der Stockacher zur Überlinger Band stieß, war ein Glücksfall und ist Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Auf ihrer Homepage, die seit gestern über den Tod José Kichlers informiert, schrieben die Mississippis: „Die musikalische Besonderheit ist die Geige, die für den unverkennbaren Sound der Band sorgt und auch Countryelemente zum Ausdruck bringt.“ Dabei blieben die Jazzband und ihr Geiger immer auf Augenhöhe: Nicht das Ensemble stellte sich auf den Fiddler ein, sondern „José hat sich mit seiner Geige auf uns eingelassen“, erinnert sich Gerhard Herr an jene Anfangszeit zurück. Ein paar Stücke arrangierte José aber auch selber, speziell für seine Geige und die Band: Zuvorderst jenen legendären Zug, den „Orange Blossom Special“, oder „Lonesome Whistle“, in dem er auch gesungen hat, „Alligator Race“ und „Crescent City Blues“. Diese Stücke, die Musik aus 40 Jahren, bewahren eine Vinyl-LP und zwei CDs der Mississippis.

„Eigentlich wollten wir ja dieses Jahr unser 40-jähriges Bandjubiläum feiern, gemeinsam mit José, auf der Seebühne der Landesgartenschau, beschreibt Jürgen Herr, jetzt kann er das nicht mehr miterleben“ sagt Bandleader Jürgen Herr. Die Geburtstagsfeier ist wegen Corona auf den 28. August 2021 verschoben.
„Eigentlich wollten wir ja dieses Jahr unser 40-jähriges Bandjubiläum feiern, gemeinsam mit José, auf der Seebühne der Landesgartenschau, beschreibt Jürgen Herr, jetzt kann er das nicht mehr miterleben“ sagt Bandleader Jürgen Herr. Die Geburtstagsfeier ist wegen Corona auf den 28. August 2021 verschoben. | Bild: Kleinstück, Holger

Durch ihren unverwechselbaren Sound, zu dem der Fiddler die Klangfarbe lieferte, wurden die Mississippi Steamboat Chickens bald zu einer festen Größe in der Jazzszene weit über Süddeutschland hinaus. Auch in Vorarlberg, vor allem aber in der Schweiz, traten sie in Jazzclubs auf, bei Open-Air-Veranstaltungen, bei nationalen wie auch internationalen Jazzfestivals und sie polierten bei Radio- und Fernsehauftritten an ihrem glänzenden Namen.

Der heutige Ulmer OB Gunter Czisch
war viele Jahre Drummer

Bandleader Jürgen Herr, Geiger José Kichler und die fünf anderen Chickens standen im Lauf der Jahre mit Jazzgrößen wie der legendären “Preservation Hall Jazz Band“ aus New Orleans, den international bekannten Jazz-und Gospelsängerinnen Lillian Boutté und Thais Clark sowie mit dem renommierten englischen Jazz-Schlagzeuger Norman Emberson gemeinsam auf der Bühne. Bandleader und Geiger waren über 40 Jahren die Konstante, die anderen fünf wechselten. Als virtuoser Drummer beispielsweise gehörte Gunter Czisch lange zum Ensemble, spielte auch noch eine Zeit lang mit, nachdem er 2000 in Ulm zum Bürgermeister gewählt worden war – seit 2015 ist er Oberbürgermeister der Donaustadt.

Die Mississippi Steamboat Chickens drinnen auf dem Dixie-Schiff, die seit 2016 „Mississippis‘ Shuffle Boat Party“ heißt. Damals übernahm Bandleader Jürgen Herr die Organisation alleine.
Die Mississippi Steamboat Chickens drinnen auf dem Dixie-Schiff, die seit 2016 „Mississippis‘ Shuffle Boat Party“ heißt. Damals übernahm Bandleader Jürgen Herr die Organisation alleine. | Bild: Holger Kleinstück

„Dixie-Schiff“ auf dem Bodensee
trug zum Ruhm der Band beim

In Überlingen, ihrer Heimatstadt, spielten sich die Mississippis auf den Promenadenfesten der 1980-er und 1990-er Jahre als immer gebuchtes Unterhaltungselement der Bodensee-Aquanauten in die Herzen der Fans, von denen sie bald einen festen Stamm hatten, der ihnen auch von Konzert zu Konzert folgte und folgt. Sie avancierten zum Kult. Dazu trug ab 1986 auch das „Dixie-Schiff“ auf dem Bodensee bei. Mit gut 500 Jazz- und Partyfans feiern die „Chickens“, wie sie auch genannt werden, immer an einem Freitag in Juni. 28 Jahre lang organisierte es Bankkaufmann Jürgen Herr gemeinsam mit der Sparkasse Überlingen und dem SÜDKURIER, dann zog sich die Sparkasse Bodensee 2014 zurück und seit 2015 trägt der Bandleader das Risiko alleine. Seiher heißt die bis heute immer ausverkaufte Ausfahrt „Mississippis‚ Shuffle Boat Party“.

Ein Treffpunkt für Freunde und Garant für gute Stimmunng auf allen drei Decks: Die Fahrt auf dem „Dixie-Schiff.
Ein Treffpunkt für Freunde und Garant für gute Stimmunng auf allen drei Decks: Die Fahrt auf dem „Dixie-Schiff. | Bild: Christiane Keutner

Das diesjährige Dixie-Schiff wäre am gestrigen Freitag, 12. Juni, unterwegs gewesen, wegen Corona ist es abgesagt, es gibt aber schon einen neuen Termin: Freitag, 11. Juni 2021. „Und eigentlich wollten wir ja dieses Jahr unser 40-jähriges Bandjubiläum feiern, gemeinsam mit José, auf der Seebühne der Landesgartenschau„, beschreibt Jürgen Herr, „jetzt kann er das nicht mehr miterleben“.

Stimmungsgarant seit 1986: Das Dixie-Schiff, für das die Mississippis immer auch zwei Gastbands einladen, die auf den anderen Decks einheizen. Hier sind es 2017 „Sonja und die Maratongas“.
Stimmungsgarant seit 1986: Das Dixie-Schiff, für das die Mississippis immer auch zwei Gastbands einladen, die auf den anderen Decks einheizen. Hier sind es 2017 „Sonja und die Maratongas“. | Bild: Kleinstück, Holger

Wie die Mississippis nun ihr Bandjubiläum am neuen Termin, dem 28. August 2021, begehen, ist so offen wie die Frage, wie sie die Band umbauen. „José ist nicht zu ersetzen“, sagt Herr, „er hat den Mississippis mit seiner Geige einen besonderen Sound gegeben“. Gemeinsam müsse die Band jetzt beraten, wie man wieder „etwas Besonderes“ einbaut. „In Form einer Sängerin, eines Pianisten, oder. . . . – ja, man kann natürlich einen anderen Geiger holen, der auf seine Art gut ist, aber José? Der war eine ganz besondere Persönlichkeit – unverwechselbar, wie er bei Orange Blossom Special unterwegs war, das ist einmalig.“

Bereits als Kind in Jugoslawien
spielte José im Schulochrchester

Bevor José Kichler an jenem Fastnachtssonntag vor 40 Jahren Jürgen Herr traf, spielte er nur sporadisch mit zwei Musikerfreunden etwas Country. „Jürgen verdanke ich, dass ich meine Liebe zur Musik wieder entdeckt habe“, erzählte José 2007 im SÜDKURIER-Gespräch. Eine Liebe, die früh begann. Sechs Jahre lang hatte er, beginnend mit zehn, einst in Serbien Geigenunterricht gehabt und im Schulorchester gespielt. Doch in Kichlers bewegtem Leben war lange keine Zeit für eine Band. 1938 im damals jugoslawischen Apatin geboren, kam er mit 24 zusammen mit den Eltern nach Ulm, wurde Elektroniker und arbeitete in München, später in Zürich. „Dem Beruf folgend“, landete er schließlich bei „Contraves“ in Stockach. Da blieb er bis zum Ruhestand, danach arbeitete er noch in der Stockacher Apotheke Dr. Braun mit. In Stockach hatte er auch eine Familie gegründet, er hinterlässt Tochter und Sohn.

Angesichts des beeindruckenden Talents, das der Meister der Doppelgriffe und rasanten Läufe bewies, wurde die Musik für ihn immer bedeutender. Neben den Mississippis, die im Mittelpunkt standen, gehörte seine Geige auch noch sporadisch zum „Swing Delirium“, einer Dreierformation, die rund um dem Bodensee auftrat und er machte ab und zu Unterhaltungsmusik. Und dann war er seit 2004 der Fiddler der Stockacher Country-Band „Southern Railway“, mit der er 2007 ebenfalls eine CD einspielte, „Steps to Nashville„.

„Orange Blossom Special“
war seine Erkennungsmelodie

Für „Southern Railway arrangierte er übrigens jenen „Orange Blossom Special“ grundlegend neu, bei dessen berühmter Fiddle-Melodie er mit glühenden Saiten auch mit den Mississippis das Publikum zur totalen Begeisterung trieb. Für die Chickens und sich hatte er die von Ervin T. Rouse 1938 in Noten gegossene Fahrt des stampfenden, pfeifenden Luxuszuges zwischen New York und Florida bereits speziell eingerichtet gehabt – und dieses Stück wurde zu Josés Erkennungsmelodie. „Seinen Zug hat er bis zum Schluss gespielt“, erinnert sich Herr, „voller Energie“. Die Kraft habe ihn erst fünf Wochen vor seinem Tod verlassen, als die wohl schon länger wachsende Krankheit sich plötzlich bemerkbar machte.

Seit 2004 war José Kichler (zweier von links) Geiger der Stockacher Countryband „Southern Railway“ – dieses Foto entstand in jenen Jahren.
Seit 2004 war José Kichler (zweier von links) Geiger der Stockacher Countryband „Southern Railway“ – dieses Foto entstand in jenen Jahren.

Er war eine einmalige Musikerpersönlichkeit

In der US-amerikanischen Countryfachwelt bezeichnet man das gesungen auch durch Johnny Cash bekannte „Orange Blossom Special“ oft als „the filddle player‘s national anthem“, des „Geigenspielers Nationalhymne“. Denn ein Fiddler kann mit diesem Stück seine Virtuosität beweisen wie mit keinem zweiten – und José Kichler hat es gespielt wie kein zweiter. Er war eine einmalige Musikerpersönlichkeit.

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