Am Pfingstwochenende herrschte in Überlingen, auf der mutmaßlich längsten Promenade am Bodensee, das aus vergangenen Jahren gewohnte Bild: Am Ufer waren Menschenmassen unterwegs. Spaziergänger, Ausflügler und vor allem Radfahrer genossen in so großer Zahl die Sonne, dass häufig die auch in der aktuellsten Corona-Verordnung noch immer geforderten 1,5 Meter Abstand nicht eingehalten wurden, weil das angesichts der Menge der Menschen auch nicht mehr möglich war. Mund-Nasen-Schutzmasken wurden allenfalls vereinzelt getragen.

Stadt bestätigt die Menschenansammlungen

Dass sich diese Situation genau so darstellte, bestätigt die Stadt auf SÜDKURIER-Anfrage: „Die Beobachtungen des Gemeindevollzugsdienstes (GVD) stimmen mit den von Ihnen beschriebenen Beobachtungen überein.“ Eingeschritten sind die städtischen Ordnungshüter aber in keinem Fall. Die Stadt erläutert weiter: „Grundsätzlich ist der GVD der Stadt Überlingen an Tagen mit sehr hoher Besucherfrequenz mit der Parkraumüberwachung ausgelastet. Zusätzlich zu den regulären Aufgaben ist es nicht möglich, das Verhalten jedes Einzelnen durch den GVD zu kontrollieren – es gilt der Grundsatz „Schutzzweck vor Kontrollzweck“.“

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Die Frage, ob es im Zusammenhang mit Pfingsten Abstimmungen mit der Polizei gab, beantwortet die Pressestelle nur allgemein: „Die Ortspolizeibehörde der Stadt Überlingen und das Polizeirevier Überlingen sind schon seit Beginn der Corona-Pandemie in ständigem Austausch und enger Abstimmung.“

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Aktuelle Corona-Verordnung geht auch auf Anlegestellen ein

Sogar in der ab 2. Juni gültige Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg sind die Einschränkungen bezüglich Abständen und Masken klar geregelt. „Der Aufenthalt im öffentlichen Raum ist bis zum Ablauf des 14. Juni 2020 nur alleine oder im Kreis der Angehörigen des eigenen sowie eines weiteren Haushalts gestattet. Zu anderen Personen ist im öffentlichen Raum, wo immer möglich, ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Personen ab dem vollendeten sechsten Lebensjahr müssen zum Schutz anderer Personen vor einer Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus im öffentlichen Personenverkehr, im Wartebereich der Anlegestellen von Fahrgastschiffen (...) und in den Verkaufsräumen von Ladengeschäften eine nicht-medizinische Alltagsmaske oder eine vergleichbare Mund-Nasen-Bedeckung tragen (...)“ Insbesondere an der Landungsbrücke drängten sich, immer dann wenn ein Schiff kam, die wartenden Fußgänger und Radfahrer – ohne Masken – dicht an dicht.

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„Keine Veranlassung, einzelne Maßnahmen zum Infektionsschutz zu ergreifen“

Dennoch sieht man im Überlinger Rathaus auch grundsätzlich keinen Grund mehr, bei Menschenansammlungen etwas zu unternehmen. Als Grund gibt die Stadtverwaltung kommende Veränderungen an: „Da die Landesregierung bereits weitere Lockerungen angekündigt hat, sieht die Stadt Überlingen derzeit keine Veranlassung, einzelne Maßnahmen zum Infektionsschutz zu ergreifen.“ Dann ergänzt die Pressestelle noch, dass „eine enorm hohe Besucherfrequenz“ ja nicht nur in Überlingen und der Bodenseeregion, sondern bundesweit an zahlreichen touristischen Zielen zu beobachten gewesen sei. Die Verantwortung, aus den Erfahrungen des Pfingstwochenendes mögliche Konsequenzen zu ziehen, könne daher nur beim Verordnungsgeber – also dem Land – und nicht bei einer einzelnen Kommune liegen.

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In Uhldingen-Mühlhofen war man „etwas geschockt“

Ähnlich wie in Überlingen ging es in der Pfahlbaugemeinde Unteruhldingen zu. „Das Nichteinhalten der Abstände haben wir natürlich auch bei uns beobachtet und registriert“, erklärt Edgar Lamm, Bürgermeister von Uhldingen-Mühlhofen auf Anfrage. Er sagt deutlich: „Das hat uns schon etwas geschockt.“ Auf der anderen Seite habe man aber in der Seegemeinde auch Verständnis: „Die Menschen wollten einfach wieder raus, nachdem sie nun so lange ihre Freizeit vorwiegend in ihren Wohnungen verbringen mussten.“ Denn der Bürgermeister kann sich sehr wohl in jene hinein versetzen, die in beengten Verhältnissen leben: „Nehmen Sie als Beispiel mal eine Familie mit zwei oder drei Kindern, die in der Stadt in einer kleinen Wohnung ohne Balkon und Garten sich aufhalten mussten; irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf.“

Hoffen auf Rückkehr der Vernunft

„Auf der anderen Seite müssen wir natürlich dafür Sorge tragen, dass das Corona-Virus keine zweite Welle auslöst und es dann noch schlimmer als bisher wird“, zeigt sich Lamm verantwortungsvoll. „Wir werden daher weiter beobachten, vertrauen aber auf die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger, dass man sich nach dem ersten langen Wochenende über Pfingsten doch der Gefahren bewusst wird und zukünftig die Abstände wieder eingehalten werden.“

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