Alle drei wollten im Frühherbst 2019 in einem Überlinger Supermarkt nur schnell etwas einkaufen. Was ihnen auf dem Parkplatz widerfuhr, werden sie so schnell nicht vergessen. Sie wurden Opfer eines aggressiven Ausrasters einer Frau in einer „psychischen Ausnahmesituation„, wie es im Polizeibericht hieß. Der Fall von versuchter gefährlicher Körperverletzung mit Bedrohung wurde jetzt im Amtsgericht Überlingen verhandelt. Die Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

44-jährige Angeklagte stand unter Medikamenten- und Alkoholeinfluss

Bei der Verhandlung stellte sich der Tathergang so dar: Die heute 44-jährige Angeklagte stand unter Medikamenten- und Alkoholeinfluss und bedrohte die willkürlich ausgesuchten Menschen vor einem Lebensmittelmarkt an der Lippertsreuter Straße mit einem Küchenmesser. Eine 82-jährige Dame wurde von ihr zu Boden gestoßen. Sie trug als einzige leichte Verletzungen davon und leidet noch heute unter den psychischen Folgen des Angriffs.

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Im Herbst 2019 befand sich die Angeklagte aus dem Landkreis Ravensburg in einer schwierigen Lage. Die mehrfach wegen kleinerer Delikte vorbestrafte Sozialhilfeempfängerin ist alkohol- und medikamentenabhängig, lebt vom Vater ihrer Kinder getrennt und hat Schulden. Nach eigener Aussage leidet sie unter Epilepsie. Darum müsse sie Tabletten nehmen. Wegen einer Angststörung habe sie Probleme mit Menschenansammlungen und bereits der Besuch eines Supermarktes könne Panikattacken auslösen.

Warum sie an dem fraglichen Tag trotzdem den Laden mit ihrer Cousine betrat, konnte sie nicht sagen. Überhaupt fehlten ihr die Erinnerungen an die Geschehnisse. Anscheinend hat sie im Markt Wein und Sekt aus der Spirituosenabteilung getrunken. Draußen kam es zu einem Streit mit ihrer Begleiterin. Den konnte ein 42-jähriger Berufssoldat beobachten, der mit seinem kleinen Sohn auf den Parkplatz fuhr.

Stichbewegung in Richtung des Kopfes

Nach seinem Einkauf sah er die Angeklagte weinend auf dem Boden sitzen, schilderte er. Als er im Schritttempo an der Stelle vorbeifuhr, sei sie aufgesprungen auf, habe die Beifahrertür aufgerissen, sich ins Auto gebeugt und ihn beschimpft. Mit der rechten Hand, in der sie ein Messer hielt, habe sie eine Stichbewegung in Richtung seines Kopfes ausgeführt. Der Angriff verlief aber erfolglos, da der Wagen sich weiter bewegte, die Frau das Gleichgewicht verlor und aus dem Auto taumelte.

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Ihr nächstes Opfer war eine 38-jährige Krankenpflegerin. Die Angeklagte sei ihr auf dem Parkplatz mit gezücktem Messer entgegengekommen und habe geschrien: „Ich bringe dich um!“ Wie die Attackierte weiter schilderte, drehte sie sich daraufhin um, lief zurück und rief nach ihrem Mann, der mit den Kindern im Auto wartete. Beim Umsehen habe sie beobachtet, wie die Täterin eine alte Dame anging. Die 82-Jährige berichtete im Zeugenstand, dass der Angriff von hinten und damit für sie vollkommen unerwartet gekommen sei. Sie sei in den Rücken gestoßen worden, habe das Messer gesehen und sei vor Schreck nicht handlungsfähig gewesen. Nach weiteren Stößen fiel sie zu Boden, es war Blut auf ihrem Mantel, beschrieb sie. „Da dachte ich, das war es jetzt“, erzählte die Überlingerin sichtlich mitgenommen.

Die Frau hatte sich selbst Schnitte zugefügt

Aber das Blut stammte von der Angeklagten, die sich selber Schnitte zugefügt hatte. Die alte Dame trug schmerzhafte Hämatome davon und musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um das Erlebte zu verarbeiten. Noch heute habe sie Probleme, den Parkplatz aufzusuchen und auch der Termin bei Gericht sei eine Herausforderung: „Es fällt mir sehr schwer, heute hier zu sein.“

Bis zum Eintreffen der Polizei und des Rettungswagens fixierte der kampfsporterprobte Mann der 38-Jährigen die Angeklagte. Der älteren Dame halfen Passanten auf die Beine.

Im Gerichtssaal verfolgte die Angeklagte die Schilderungen der Zeugen mit gesenktem Blick und teilweise Kopfschütteln. Sie entschuldigte sich bei allen drei Opfern unter Tränen und versicherte, wie leid es ihr tue. Alle drei nahmen die Entschuldigung an. Die beiden Frauen wünschten ihr sogar alles Gute.

Gutachter attestiert Persönlichkeitsstörung

Richter von Kennel folgte in seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Ein Gutachter hatte der Beschuldigten eine erheblich eingeschränkte Schuldfähigkeit sowie eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Teil des Urteils sind zudem eine ambulante Therapie, die, wenn erforderlich, in einen stationären Aufenthalt umgewandelt werden kann, die Betreuung durch einen Bewährungshelfer für drei Jahre sowie 100 Arbeitsstunden.

Der Richter hielt ihr zugute, dass sie seit der Tat keinen Alkohol mehr getrunken und glaubhaft Reue gezeigt habe. Beeindruckt zeigte er sich von der Gelassenheit und den detailreichen Erinnerungen der beiden jüngeren Zeugen. Die 38-Jährige versicherte, mit dem Erlebten gut umgehen zu können dank ihrer beruflichen Erfahrung. Der Offizier gab sich ebenfalls durch seinen beruflichen Hintergrund recht „abgebrüht“, wie von Kennel es nannte. Da Verteidigung und Beschuldigte keine Berufung einlegen werden, ist das Urteil rechtskräftig.