Was haben Sie in den vergangenen drei Wochen gelernt?

Jürgen Mattmann: Alle diskutieren jetzt über IT- und Onlinedefizite im Bildungsbereich. Ja, da sind wir in der Breite sicher noch nicht gut aufgestellt. Gelernt habe ich aber vor allem, dass die menschlich-soziale Dimension, also der Unterricht vor Ort, bei dem Schüler und Schülerinnen und Lehrkräfte interagieren, nicht zu ersetzen ist.

Jürgen Mattmann, Leiter der städtischen Grund- und Gemeinschaftsschule.
Jürgen Mattmann, Leiter der städtischen Grund- und Gemeinschaftsschule. | Bild: Timm Lechler

Karin Broszat: Die vergangen Wochen haben mich darin bestärkt, dass unser alltägliches, reales Schulleben an der Realschule durch keine, noch so gut organisierte virtuelle Welt gleichwertig zu ersetzen ist. Vieles was in der persönlichen Begegnung selbstverständlich scheint, wird plötzlich so wertvoll, wenn es nicht mehr da ist. Schule ist eben viel mehr als lediglich Stoffvermittlung.

Karin Broszat, Rektorin an der städtischen Realschule.
Karin Broszat, Rektorin an der städtischen Realschule. | Bild: Realschule Überlingen

Hans Weber: Neben vielen kleinen technischen Lernprozessen zur Administration und Nutzung unserer Lernplattform habe ich vor allem durch unmittelbares Erleben gelernt, wie schnell sich eine Pandemie ausbreitet und unsere Gesellschaft und meinen Alltag in einer Weise verändert, die ich mir bisher kaum vorstellen konnte. Gleichzeitig habe ich eine enorme Flexibilität und Solidarität sowie ein hohes Maß an Verantwortung und Engagement erfahren. Das hat mich berührt und gefreut. Gelernt habe ich auch einiges über unsere Gesellschaft: Zeitweise erschrocken bin ich über angstvolles und egoistisches Hamstern, über gähnend leere Regale, wo früher selbstverständlich verfügbare Artikel des täglichen Bedarfs standen. Über die oft nur sehr geringe Solidarität innerhalb Europas. Traurig machen mich die wieder verbarrikadierten Grenzen, etwa in Konstanz zur Schweiz. Ich musste lernen, wie schnell wir wieder nationale Grenzen errichten und gewohntes Zusammenleben zerschneiden. Positiv stimmt mich dagegen, dass viele in unserer Demokratie zielführend, rasch und verantwortungsvoll reagiert haben. Unsere oft langsamen Entscheidungsprozesse haben hier überzeugt.

Hans Weber, Rektor am städtischen Gymnasium.
Hans Weber, Rektor am städtischen Gymnasium. | Bild: Ahlebrandt, Sylvia

Was davon nehmen Sie in die Zeit nach Corona gerne mit?

Jürgen Mattmann: Noch befinden wir uns offenbar ja am Anfang der Krise oder demnächst mitten drin; da brauchen sicher noch viel Geduld und Flexibilität. Was für mich heute bereits feststeht und auch zuvor feststand – nur ist man sich im Alltag dessen nicht immer so bewusst – ist, dass nichts in unserem Leben selbstverständlich ist.

Karin Broszat: Alle unsere Lehrkräfte haben schnell und höchst kreativ Strategien zur Verständigung über digitale Medien entwickelt. Sicher werden wir die praktischen Erfahrungen im digitalen Bereich, die wir derzeit sammeln, zeitnah nutzen. In Zukunft werden wir in der Realschule – noch mehr als bisher schon – mit digitalen Kommunikationsmöglichkeiten arbeiten und diese im alltäglichen Unterricht regelmäßig anwenden.

Hans Weber: Auf jeden Fall die Bestätigung, dass ruhiges und verantwortungsvolles Handeln hilft. Dass wir auch in unserer Schulgemeinschaft viele wunderbare Menschen sind, die sich für einander und das gemeinsame Ziel einsetzen. Und natürlich unsere neue Lernplattform, über die wir uns schon im Vorfeld viele Gedanken gemacht hatten und die wir jetzt sehr schnell realisiert haben. Und dabei Bewusstsein, dass digitale Instrumente Kommunikation oft erleichtern, aber gemeinsames und unmittelbares Lernen und Erleben nicht ersetzen können.

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Und welches Erlebnis hat Sie in dieser ungewöhnlichen Zeit am meisten beeindruckt?

Jürgen Mattmann: Wenn Sie bei Erlebnis in der Wortbedeutung etwa an „positive Erfahrung“ oder gar „Abenteuer“ denken, dann muss ich Sie enttäuschen. Die vergangenen Schulwochen waren das Gegenteil: Unspektakulär, eher langweilig. Die Präsenz in einem leeren Schulhaus ohne Schüler/innen und Lehrerkollegen/innen ist sehr gewöhnungsbedürftig – und hoffentlich kein Dauerzustand.

Karin Broszat: Mich beeindruckt, wie die Schulgemeinschaft in dieser schwierigen Zeit zusammenhält. Die Klassenlehrer und Fachlehrer kümmern sich von zu Hause aus um ihre Klassen, die Schüler um ihre Mitschüler. Auch die Eltern leisten daheim Unglaubliches, indem sie ihre Kinder bei der Schularbeit unterstützen und motivieren. Niemand beschwert sich, alle tun ihr Bestes. Als Rektorin erfahre ich selbst nur aufmunternde Worte und viel Kooperation. Persönlich bedrückt es mich sehr, als Schulleiterin jeden Tag in eine leere Schule zu kommen. Die Schüler und Lehrer fehlen mir. Das wird mir in Erinnerung bleiben.
 

Hans Weber: Es fällt mir schwer, nur eines herauszuheben. Beeindruckt haben mich auch bedrückende Erlebnisse, etwa Erzählungen von Freunden, die aus Italien kommen. Positiv beeindrucken mich besonders die vielen Menschen, die Kranken und Pflegebedürftigen täglich helfen, auch unter persönlichen Risiken. Und in unserer Schule eine Lehrerin, die jeden Tag intensiv den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern sucht, um sie zu begleiten und ihnen auch den Zugang zu unserer neuen Lernplattform zu ermöglichen. Am Samstag hat sie mir gesagt: „Jetzt hab ich sie alle!“ Diese Haltung, keinen aufzugeben, macht mich glücklich.

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