Seit dem 30. März ist das Familien-Stress-Telefon erreichbar. Die Mitarbeiter der Psychologischen Beratungsstellen der Caritas im Bodenseekreis stehen Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung, die in diesen Krisenzeiten an ihre Grenzen stoßen oder Fragen zum Umgangsrecht haben. In einem ersten Resümee berichtet Josefa Gitschier, Leiterin der Überlinger Zweigstelle, was die Ratsuchenden umtreibt.

Getrennt lebende Eltern haben viele Fragen zu Kontaktmöglichkeiten

„Viele Fragen und Probleme drehen sich um die Kontaktmöglichkeiten bei getrennt lebenden Eltern. Da gibt es immer wieder Unsicherheiten“, erläutert die Psychologin. Sie betont, dass die Kontaktbeschränkungen nicht für getrennt und eventuell in einer neuen Familie lebende Elternteile gelten. „Aber man sollte immer im Einzelfall entscheiden, was sinnvoll ist. Wir können helfen, Möglichkeiten zu finden, damit der Kontakt nicht abbricht.“

Beispiel einer krisenhaften Zuspitzung in einer Familie

Ihre Kollegin Ulrike Neumann liefert das Beispiel einer krisenhafte Zuspitzung: Während die als Selbstständige tätigen Eltern existenzielle Sorgen und finanzielle Nöte plagten, konsumierte die pubertierende Tochter ungerührt teure Online-Videospiele. „Bei der protesthaften Flucht der Tochter aus der gemeinsamen Wohnung kam konfliktverschärfend hinzu, dass sie damit auch noch gegen die Kontaktbeschränkungen verstieß“, erklärt Neumann.

Fachleute helfen Eltern, ihre eigenen Ideen wieder wahrnehmen zu können

In solchen Fällen könne sie als Beraterin vor allem zuhören und versuchen, die Anrufer aus dem größten Stresserleben herauszuholen. „Wichtig ist es, die Anrufer zu verstehen und dabei viel Ruhe auszustrahlen. Wenn die Panik abflaut, haben sie meist selbst die besten Ideen, wie es weitergehen könnte. Meine Aufgabe ist es, sie dahin zu führen, dass sie ihre eigenen Ideen wieder wahrnehmen können.“

Person und Kontakt

Bei vielen Eltern hat eine gewisse Ermüdung eingesetzt

Josefa Gitschier kann bei vielen Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen und unterrichten müssen, eine gewisse Ermüdung feststellen. „Bis zu den Osterferien ging das meistens noch recht gut, aber so langsam werden sie ungeduldig. Das Problem ist die Unsicherheit. Niemand weiß, wie lange das noch dauert.“ Einige Eltern seien zudem unsicher, wie intensiv sie kontrollieren müssten und wie viel Eigenverantwortung sie ihrem Kind zutrauen können. Bei Problemen, die sich mit einem Anruf nicht lösen lassen, sind weitere Hilfen im Rahmen der Erziehungsberatung möglich, auf die die Ansprechpartner am Telefon verweisen.

Klare Strukturen helfen, gemeinsam auf begrenztem Raum gut auszukommen

Grundsätzlich raten die Psychologen den Familien in Zeiten, in denen man auf begrenztem Raum den ganzen Tag miteinander auskommen muss, zu klaren Strukturen. Als Instrument, wie diese sich demokratisch entwickeln lassen, bringt Heide Köpfer den Familienrat ins Spiel. Die Pädagogin und ausgebildete individualpsychologische Beraterin aus Uhldingen-Mühlhofen empfiehlt regelmäßige Termine, an denen die ganze Familie teilnimmt.

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Regelmäßiger Familienrat sollte Ermutigung und positive Verstärkung bieten

Die Treffen sollten nicht länger als 20 Minuten dauern und abwechselnd von einem der Teilnehmer geleitet werden. In dieser Runde kann jeder sagen, was er auf dem Herzen hat. Der Rat dürfe nicht zur Meckerrunde werden und solle von einer respektvollen Sprache geprägt sein. „Es geht um Ermutigung“, betont Heide Köpfer. Man solle hervorheben, was gut läuft und welchen Beitrag jeder leistet. Diese positive Verstärkung, ein Grundprinzip der Individualpsychologie, dürfe man nicht mit Lob verwechseln. „Gemeint ist vielmehr Anerkennung.“

Heide Köpfer und ihr Freund auf vier Pfoten.
Heide Köpfer und ihr Freund auf vier Pfoten. | Bild: Erika Becker

Mehr Gelassenheit und mehr Nachsicht auch den eigenen Fehlern gegenüber

Als Beispiel nennt sie eine Situation, in der ein Elternteil das Kind um Rücksicht gebeten hatte, weil ein wichtiges Telefongespräch im Homeoffice anstand. Hat sich das Kind an die Absprache gehalten, sollte danach die Anerkennung und vielleicht der zweite Teil der Vereinbarung folgen, wie ein Spiel oder eine gemeinsame Pause. Dieser direkte positive Bezug auf das Verhalten ist in den Augen von Heide Köpfer die beste Motivation für weitere Kooperation. Darüber hinaus rät die Mutter von drei erwachsenen Kindern und Großmutter zu etwas mehr Gelassenheit und Nachsicht auch eigenen Fehlern gegenüber.

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