Ins Mark getroffen fühlten sich einige Überlinger, als sie von der Ankündigung des Grünflächenamts lasen, zwei der vier Japanischen Schnurbäume am westlichen Ende der Seepromenade entfernen zu müssen.

Video: Regine Klusmann

Die Begründung – der zu kleine Lebensraum, der die Bäume teilweise schon am Austrieb hindert und einen Teil der Krone gekostet hat – stieß bei einigen Kritikern auf großes Misstrauen. Ja, manche fürchten gar einen Kahlschlag an der Promenade und forderten, die alternden Bäume einfach weiter zu pflegen.

„Schnurbäume für Standort inzwischen zu groß“

Außenstehende Experten sind zwar dezidiert froh, dass derlei Vorgänge Menschen berühren, doch vertrauen sie dem Urteil der Kollegen der Stadtverwaltung. „Dann muss man sich so etwas eben gefallen lassen“, sagt Detlef Koch, ausgebildeter Fachagrarwirt für Baumpflege, der seit vielen Jahren mit derlei Themen zu tun hat. „Die Schnurbäume sind für den Standort inzwischen einfach zu groß und praktisch von der Umwelt abgeschnitten.“

Als Quartett standen die Bäume in einem engen, knapp ein Meter tiefen Pflanzbeet auf der Betonhülle des Abwasserkanals. Zwei der vier Bäume mussten nun weichen. Der linke auf dem Bild blieb, der rechte musste weichen.
Als Quartett standen die Bäume in einem engen, knapp ein Meter tiefen Pflanzbeet auf der Betonhülle des Abwasserkanals. Zwei der vier Bäume mussten nun weichen. Der linke auf dem Bild blieb, der rechte musste weichen. | Bild: Hanspeter Walter
Zwei Bäume bleiben stehen und haben nun mehr Abstand.
Zwei Bäume bleiben stehen und haben nun mehr Abstand. | Bild: Andreas Bücklein

Zwei von vier Bäumen mussten weichen

In dem großen Pflanztrog vor dem evangelischen Pfarrhaus an der Uferpromenade stand ein Quartett an Japanischen Schnurbäumen (Sophora japonica), die aufgrund ihres filigranen Wuchses und der markanten Silhouette seit vielen Jahren zum Gesicht des Ufers beitragen.

Zwei von diesen Bäumen wurden nun am Montag, 1. Februar, entfernt. Fachleute sahen schon lange, dass der begrenzte Wurzelraum den größer werdenden Organismen die Vitalität nimmt. Zahlreiche abgestorbene Äste mussten aus Sicherheitsgründen bereits früher entfernt werden. Die jeweiligen Kronen hatten schon erkennbar gelitten.

Pfarrer und Dekanin zufällige Zeugen der Aktion

In aller Frühe machte sich das Baumpflegeteam Bodensee am Montag früh an die Arbeit, um zwei der vier Schnurbäume aus den Pflanzbeeten an der westlichen Promenade zu nehmen. Einen optimalen Blick auf das Geschehen hatten Pfarrer Andreas Bücklein und Dekanin Regine Klusmann von ihren Fenstern im evangelischen Pfarrhaus in der Grabenstraße.

Sie hielten das Geschehen in Bild und Film fest. „Wir konnten das schon im letzten Sommer gut erkennen, dass die beiden Bäume oben nicht mehr ausgetrieben und gar keine Blätter hatten“, sagt Gartenliebhaberin Klusmann. „Dass zwischen den beiden verbliebenen Exemplaren ein Baum fehlt, fällt kaum auf.“

Am Stamm waren schon viele Schäden zu erkennen.
Am Stamm waren schon viele Schäden zu erkennen. | Bild: Hanspeter Walter

Die aus Südostasien stammende Art der Schnurbäume wird seit dem 18. Jahrhundert in Europa als Parkbaum kultiviert und kann bis zu 30 Meter hoch werden. Nicht jedoch unter den gegebenen Standortbedingungen, wo die Exemplare vor rund 45 Jahren nach dem Bau des Ufersammlers gepflanzt worden waren.

Um drohende Aufregung und Ärger zu vermeiden, schickte das Amt für Grünflächen, Umwelt und Forst ausführliche Erklärungen vorweg, weshalb man nicht umhin komme, zwei der vier Bäume wegzunehmen. Doch führte das in diesem Fall nicht nur zu Akzeptanz und Verständnis.

Kritik an „Denaturierung der berühmten Promenade“

„Die Denaturierung unserer berühmten Promenade geht weiter“, klagte Leserin Ulrike Hethey in einer Zuschrift. „Die zwei wunderschönen Schnurbäume stören niemanden, spenden den wandelnden Bürgern Schatten und geben Atmosphäre.“ Mit Blick auf einen als krank und todgeweiht klassifizierten Trompetenbaum fragt sie: „Warum dürfen nicht auch Bäume krank sein und gepflegt werden?“

Die japanischen Schnurbäume am westlichen Ende der Promenade geben dem Ufer ein attraktives Gesicht. Sie waren Mitte der 1970er Jahre nach dem Bau des Ufersammlers gepflanzt worden.
Die japanischen Schnurbäume am westlichen Ende der Promenade geben dem Ufer ein attraktives Gesicht. Sie waren Mitte der 1970er Jahre nach dem Bau des Ufersammlers gepflanzt worden. | Bild: Hanspeter Walter

Diese „berühmte Promenade“ ist allerdings erst Mitte der 1970er-Jahre entstanden und 1976 eingeweiht worden – als Abfallprodukt des riesigen Ufersammlers für das Abwasser der Altstadt. Da die betroffenen Bäume im Grunde auf dem Beton des Ufersammlers stehen, haben sie quasi nur wenig Boden unter den Füßen.

Den bräuchten sie allerdings dringend, um ihre wachsenden Kronen aus den Wurzeln zu versorgen. Im Prinzip waren sie auf der Promenade in einen Pflanzkasten einbetoniert, der allmählich zu eng wurde. In der Regel gleicht das Volumen des Wurzelraumes zur Versorgung des Baumes der Größe der Krone.

Aufladen und Abtransportieren.
Aufladen und Abtransportieren. | Bild: Hanspeter Walter

Weshalb sind die Bäume nicht zu retten, warum erhält die Stadt die kranken Bäume nicht so lang wie möglich? Das wollte der SÜDKURIER von Grünflächenamtsleiter Rolf Geiger und seinem Mitarbeiter Michael Brantner im Vorfeld der Baumentfernung wissen. Die Antworten lieferte die Pressestelle der Stadt.

Fachleute springen Grünflächenamt bei

Bei Krankheiten oder medizinischen Fragen wird gerne empfohlen, zu kritischen Diagnosen eine zweite Meinung einzuholen. Wieso sollte dies bei Bäumen nicht sinnvoll sein? Schließlich gibt es auch auf diesem Terrain einige Experten in der Region, zum Beispiel Fachagrarwirt Marcus Pietruschinski vom Baumpflegeteam Bodensee.

„Wir fällen keine Bäume, bei denen dies nicht erforderlich ist“, sagt der Fachmann, der mittlerweile die ganze Region bestens kennt. „Wir haben solche Aufträge auch schon abgelehnt.“ Vergangene Woche musste er am Seeufer in Sipplingen die Motorsäge an einer Trauerweide ansetzen, berichtet er. Hier komme die Verkehrssicherungspflicht zum Tragen, nachdem im Vorjahr ein Baum auf ein Auto gestürzt sei.

„Ich finde es im Grundsatz gut, dass Bäume heutzutage bei Menschen Emotionen wecken“, betont Kollege Detlef Koch von der Owinger Gartenmanufaktur Koch. Doch wenn erfahrene Fachleute schweren Herzens zu so einer Entscheidung kämen, müssten auch Kritiker diese akzeptieren.

Rolf Geiger, Leiter des städtischen Grünflächenamtes, und sein Mitarbeiter Michael Brantner hätten sehr viel Erfahrung, erklärt Baumpfleger Koch: „Sie können das sehr gut und objektiv beurteilen.“ Erst im vergangen Jahr hätten sie mit einer aufwendigen Bodenbelüftung die Vitalität mehrerer wirklich alter Parkbäume gestärkt.

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Bürger bleiben aber misstrauisch

Diese Einschätzung des Experten teilen manche Bürger nicht. Es gebe inzwischen einfach ein gewisses Misstrauen, ist aus der Bevölkerung zu hören. Man habe gesehen, dass diese wunderbaren Bäume leiden, aber man habe sie verdursten lassen, sagt eine Bürgerin.

Unterstellungen von Überlingern, die Stadt wolle durch die Hintertür die Promenade leer bekommen, steht schon dies entgegen: Gerade hier würden die Pflanzbeete unter den Bäumen regelmäßig gewässert und gedüngt, ist aus dem Grünflächenamt zu hören. Selbst das gesamte Substrat sei schon einmal ausgetauscht worden.

Rund 130 Jahre alt ist diese Linde im Badgarten, die von einem Pilz sukzessive zerstört, aber noch erhalten wird. Das Grünflächenamt geht von rund fünf Jahren „Reststandzeit“ aus. Ein Ersatz wurde in der Nähe schon gepflanzt.
Rund 130 Jahre alt ist diese Linde im Badgarten, die von einem Pilz sukzessive zerstört, aber noch erhalten wird. Das Grünflächenamt geht von rund fünf Jahren „Reststandzeit“ aus. Ein Ersatz wurde in der Nähe schon gepflanzt. | Bild: Hanspeter Walter

Verantwortung für die Sicherheit

„Auf die Erfahrung und die Fachkenntnisse von Herrn Geiger und Herrn Brantner kann ich mich verlassen“, erklärt Experte Marcus Pietruschinski. „Sie haben mehrere Tausend öffentliche Bäume in ihrer Verantwortung.“ Im Überlinger Stadtgebiet seien die Bemühungen um den Erhalt älterer Bäume deutlich zu erkennen. Oft seien dies schwierige Entscheidungen vor dem Hintergrund der Verantwortung, die damit verbunden sei.

Der Baumspezialist erinnert an die große Schwarzpappel, die unmittelbar an einem Nußdorfer Seezugang bei Windstille umgekippt sei. Den Schnurbäumen seien die starken Schäden und die nachlassende Vitalität an den Kronen anzusehen, betont Marcus Pietruschinski. Auch an der Promenade mit den Ruhebänken sei das Risiko nicht unterschätzen. „Stellen Sie sich vor, da bricht ein Ast und fällt auf einen Kinderwagen.“

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