Überlingen ist nicht nur eine alte Stadt sondern hat auch eine lange Literaturtradition. Pünktlich zum 1250. Stadtjubiläum bringt das Ehepaar Waltraut Liebl und Siegmund Kopitzki den Band „Überlingen Literarisch“ heraus. Er ist – laut Untertitel – „Ein Spaziergang durch die Jahrhunderte“ und führt manchmal auch in die nähere Umgebung, etwa nach Meersburg, Salem oder Uhldingen. Er beginnt im 13. Jahrhundert mit einem Gedicht von Burkhart von Hohenfels und endet im 21. Jahrhundert mit einem Romanauszug von Eva-Maria Bast, Jahrgang 1978.

„Wer seinen Beutel leicht machen will, / der braucht, damit ihm das gelingt, / sich nur nach Überlingen durchzufragen. / (...) / Der Wein so süß wie Schlehensaft, / macht mir die Kehle rau und schwach, / dass es daneben geht, wenn ich klar singen möchte / (da denk ich oft sehnsüchtig an Tramin) / mit aller Macht / Schafft er ein böses Unwohlsein,/ ...“ Oswald von Wolkenstein (1377 bis 1445), Südtiroler Ritter, Sänger, Dichter, Komponist und Diplomat in seinem „Schimpflied auf Überlingen“
„Wer seinen Beutel leicht machen will, / der braucht, damit ihm das gelingt, / sich nur nach Überlingen durchzufragen. / (...) / Der Wein so süß wie Schlehensaft, / macht mir die Kehle rau und schwach, / dass es daneben geht, wenn ich klar singen möchte / (da denk ich oft sehnsüchtig an Tramin) / mit aller Macht / Schafft er ein böses Unwohlsein,/ ...“ Oswald von Wolkenstein (1377 bis 1445), Südtiroler Ritter, Sänger, Dichter, Komponist und Diplomat in seinem „Schimpflied auf Überlingen“ | Bild: Archiv

Der Bogen reicht von der Hoch- bis zur Trivialliteratur

Insgesamt 120 Autoren stellen Liebl und Kopitzki vor, darunter sind große Namen wie Gottfried Keller, Alfred Döblin, Ernst Jünger, Ricarda Huch und natürlich Martin Walser, aber auch viele unbekanntere sowie zu Unrecht vergessene Schriftsteller wie Bruno Goetz. Die Bandbreite der Texte reicht von Hoch- bis Trivialliteratur und umfasst auch Beschreibungen und gänzlich Unliterarisches wie den kürzesten Beitrag im Buch, Max Frischs Notiz: „Winter am Bodensee (wieder) – Klinik Buchinger. 200 kal. pro Tag.“ Kopitzki meint schmunzelnd: „Wir lieben diesen Dreizeiler.“ Auch Heinrich Mann meldete sich 1922 aus und zu Überlingen nur lapidar auf einer Postkarte. Derart prosaische Einsprengsel sind kuriose Ausnahmen, die dennoch das Bild abrunden: Nicht jeder und jedem fiel zur Provinz am See etwas ein, die viele nur auf der Durchreise erlebten und in der andere, vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und während des Nationalsozialismus, mehr oder weniger unfreiwillig strandeten.

Die Anthologie dokumentiert erstmals umfassend das literarische Überlingen, beginnend in der Zeit des Minnesangs bis in die heutigen Tage.
Die Anthologie dokumentiert erstmals umfassend das literarische Überlingen, beginnend in der Zeit des Minnesangs bis in die heutigen Tage. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Literarische Fleißarbeit über zwei Jahre

„Es gibt auch keine gemeinsame Sprache“, halten die Herausgeber fest. Gerade das aber macht den Reiz dieses Buches aus, das auch das Ergebnis einer immensen Fleißarbeit von Liebl und Kopitzki ist. Rund zwei Jahre arbeitete das Ehepaar an dem Band, sichtete Hunderte von Büchern, besuchte unzählige Male die Universitätsbibliothek Konstanz, das Überlinger Stadtarchiv und die Leopold-Sophien-Bibliothek, durchstöberte das illustre Gästebuch der Klinik Buchinger und recherchierte außerdem aufwändig, um alle Rechtefragen abzuklären. Zu jedem der Autoren, die sie schließlich auswählten, schrieben sie einen Vorspann, der hilft, die Lektüre einzuordnen – und manchmal sogar erhellender als Letztere ist.

„Die ReichStatt Vberlingen ligt zwo Stundt vunter Merspurg an dem tieffen BodenSee / mit fruchtbaren Bäumen / und Weinbergen vumbfangen / vnnd ist von der Natur sonderbar begnadet…“ / Mit diesen Worten beschrieb der schweizerisch-deutsche Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian (1593 bis 1650) die Stadt in seinem Hauptwerk „Topographia Germaniae“ (1642 bis 1654).
„Die ReichStatt Vberlingen ligt zwo Stundt vunter Merspurg an dem tieffen BodenSee / mit fruchtbaren Bäumen / und Weinbergen vumbfangen / vnnd ist von der Natur sonderbar begnadet…“ / Mit diesen Worten beschrieb der schweizerisch-deutsche Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian (1593 bis 1650) die Stadt in seinem Hauptwerk „Topographia Germaniae“ (1642 bis 1654). | Bild: gemeinfrei

Rätsel um Martha Suhrkamp, die es nicht gab

Doch manches blieb auch für Liebl und Kopitzki trotz intensiver Nachforschungen im Dunkeln. So konnten sie das Rätsel um die ominöse Martha Suhrkamp nicht lösen: In einem Buch über Emanuel von Bodman hatten sie zwei Briefe gefunden, die der Verleger Peter Suhrkamp und seine Frau Martha 1922 vom Überlinger Badhotel an von Bodman geschrieben hatten. Nur: Es gibt keine Martha Suhrkamp. Liebl und Kopitzki fanden nirgends Hinweise auf ihre Existenz, weder im Suhrkamp-Archiv noch im Literaturarchiv in Marbach. Die angebliche Frau Suhrkamp erwähnte in ihrem Schreiben einen ersten Ehemann namens Paul Renner. Auch diese Spur verfolgten die Herausgeber. Tatsächlich lebte zu dieser Zeit ein Paul Renner, Erfinder der Schrift „Futura“, in Hödingen. Doch dessen Frau hieß Anna. „Eine Martha habe es im Liebesleben ihres Großvaters nie gegeben, teilte uns auf Anfrage seine Enkelin mit“, berichtet das Duo. „Wir haben uns dennoch entschieden, die Briefe abzudrucken, weil uns auch der ganze Vorgang kurios und erzählenswert erschien.“

„Der Bodensee, könnte man sagen, ist die Landschaft unseres deutschen Anfangs.“ / Leopold Ziegler (1881 bis 1958), Religionsphilosoph, in „Der Bodensee“. Bereits 1929 hatte er den Goethe-Preis erhalten, 1956 würdigte die Stadt Überlingen sein Philosophisches Werk“ mit ihrem Bodensee-Literaturpreis.
„Der Bodensee, könnte man sagen, ist die Landschaft unseres deutschen Anfangs.“ / Leopold Ziegler (1881 bis 1958), Religionsphilosoph, in „Der Bodensee“. Bereits 1929 hatte er den Goethe-Preis erhalten, 1956 würdigte die Stadt Überlingen sein Philosophisches Werk“ mit ihrem Bodensee-Literaturpreis. | Bild: dpa

Umwerfend komische Erzählung

Zu den vielen literarischen Höhepunkten im Buch zählt etwa Hermann Burgers umwerfend komische Erzählung „Gegenbö auf dem Narrenschiff“. Darin geht es um die erste Litera-Tour des Internationalen Bodenseeclubs auf dem Bodensee. Der IBC, eine Vereinigung von Künstlern und Kunstfreunden, wurde 1950 in Überlingen gegründet, was Liebl und Kopitzki ausdrücklich erwähnen, neben etlichen anderen Belegen für die Kunst- und Literaturaffinität der Stadt.

Dr. Mabuse-Erfinder in der Weinstube

Humor zeichnet auch die Erzählung des Dr.-Mabuse-Erfinders Norbert Jacques aus, in der er einen Abend in der ehemaligen Weinstube des legendären „Hechts“ schildert. Glänzend erzählt Theresia Walser, eigentlich Dramatikerin, von einem ungewöhnlichen Dreiecksverhältnis zwischen der Erzählerin, einem grauen Schwan und einer Gans. Theresia Walser schrieb das Prosastück eigens für den Band. Ebenfalls exklusiv dazu steuerte die Bodensee-Literaturpreisträgerin Zsuzsanna Gahse ihr Gedicht „Überlingen“ bei.

„Die geistigen Interessen waren offenbar nicht so lebhaft in Überlingen wie die materiellen.“ / Die Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin Ricarda Huch (1864 bis 1947) im Stadtporträt „Überlingen“ aus den 1920-er Jahren für die Sammlung „Im alten Reich“.
„Die geistigen Interessen waren offenbar nicht so lebhaft in Überlingen wie die materiellen.“ / Die Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin und Historikerin Ricarda Huch (1864 bis 1947) im Stadtporträt „Überlingen“ aus den 1920-er Jahren für die Sammlung „Im alten Reich“. | Bild: dpa

„Wir stehen hinter jedem Text“

Nach ihren Lieblingstexten gefragt, schicken Liebl und Kopitzki voraus: „Wir stehen hinter jedem Text, den das Buch enthält, auch wenn der eine oder andere Autor aus Gründen der Idee, eine möglichst vollständige Chronik zu liefern, aufgenommen wurde.“ Allerdings hätten sie Texte die hinreichend bekannt seien, ausgespart. Kopitzki hebt hervor: „Für mich persönlich ist Tami Oelfken eine Entdeckung“. Andere, wie Manfred Bosch und Oswald Burger, denen Liebl und Kopitzki ihr Buch widmen, hätten Oelfken schon vor Jahren dem Vergessen entrissen. Oelfkens Memoirenband beeindruckte das Paar zutiefst. Wenn man ihre Texte über das Ende des Krieges und der Nazi-Herrschaft in Überlingen lese, „dann fühlst du dich selbst befreit“, findet Kopitzki.

„Selbst der Nationalsozialismus büßte am See an Entschlossenheit ein, die einsässige Bevölkerung war für die Praktiken des Regimes zu wenig tatkräftig.“ / Erich Kuby (1910 bis 2005), Journalist und Publizist in „Die Opfer eines Paradieses“
„Selbst der Nationalsozialismus büßte am See an Entschlossenheit ein, die einsässige Bevölkerung war für die Praktiken des Regimes zu wenig tatkräftig.“ / Erich Kuby (1910 bis 2005), Journalist und Publizist in „Die Opfer eines Paradieses“ | Bild: dpa

Liebl nennt als eine ihrer „großen Überraschungen“ Carl Haensels „Der Kampf ums Matterhorn“, der später erfolgreich von Luis Trenker verfilmt wurde. Der Text enthalte die größte Dramatik und habe sie gepackt, auch, weil sie selbst die Berge liebe, so Liebl. Nun liegt das Matterhorn nicht direkt bei Überlingen, aber hier hatte Haensel bereits in den 1920er Jahren ein Grundstück erworben und lebte später auch gelegentlich in der Stadt.

„In den kleinen Ansiedlungen am See und auch in Konstanz wohnten eine Menge Künstler und Schriftsteller…‘Nehmen Sie sich vor der Bodenseefaulheit in acht und machen Sie sich rechtzeitig davon‘, warnten sie Morten, aber sie selbst vermochten sich von der Gegend nicht fortreißen, die sowohl durch ihr Klima als auch ihre Bewohner dazu aufforderte, fünf gerade sein zu lassen. Die einzige Form von Energie, die hierunten zu gedeihen schien, war die erotische.“ / Der dänische Arbeiterschriftsteller Martin Andersen Nexö (1869 bis 1954) in seinem Aufsatz „Von der Bodenseefaulheit“
„In den kleinen Ansiedlungen am See und auch in Konstanz wohnten eine Menge Künstler und Schriftsteller…‘Nehmen Sie sich vor der Bodenseefaulheit in acht und machen Sie sich rechtzeitig davon‘, warnten sie Morten, aber sie selbst vermochten sich von der Gegend nicht fortreißen, die sowohl durch ihr Klima als auch ihre Bewohner dazu aufforderte, fünf gerade sein zu lassen. Die einzige Form von Energie, die hierunten zu gedeihen schien, war die erotische.“ / Der dänische Arbeiterschriftsteller Martin Andersen Nexö (1869 bis 1954) in seinem Aufsatz „Von der Bodenseefaulheit“ | Bild: dpa

Autoren suchten den Kontakt untereinander

Während Überlingen im Buch natürlich die Hauptrolle spielt, halten sich Liebl und Kopitzki aber nicht sklavisch an die Stadtgrenzen – genauso wenig, wie es „ihre“ Autoren tun und taten. Diese hätten auch immer im Austausch zueinander gestanden. Liebl beeindruckt, wie Leute, die von irgendwo her nach Überlingen und Umgebung gespült worden seien, untereinander Kontakt gesucht hätten. „Es gab immer wieder kleine Zirkel auch in Kriegsjahren, wo man auf so vieles verzichten musste.“ Unter widrigsten Bedingungen hätten diese Leute literarische Beziehungen entwickelt und aufrechterhalten, „und wenn man in einer windigen Bude gelesen hat.“ Das berühre sie zutiefst. „In der Literatur haben sie eine neue Heimat gefunden.“

Buch ist „ein einziges Heimatlob“

Tatsächlich spiegelt der Band nicht nur viele Kapitel Literatur- sondern auch Zeitgeschichte wider. Zu Letzterer zählt etwa die Künstlerkolonie auf der Rehmenhalde mit dem sprechenden Spitznamen „Hungerhügel“ oder der „Dichterkrieg am Bodensee“, den 1957 Hermann Kesten auf dem „Zweiten deutschsprachigen Internationalen Schriftstellerkongress“ entfesselte, als er die Haltung von im Land gebliebenen Autoren zum Nationalsozialismus geißelte. Das Brüderpaar Ernst und Georg Jünger, von denen Ersterer einige Jahre und Letzterer dauerhaft in Überlingen lebte, waren dem Kongress bewusst ferngeblieben.

19. April 1922, Überlingen, Bodensee, Badhotel / „Hier sind wir, draußen lädt der Schnee zum Wintersport, wir lehnen ab. Sonst ist es ganz hübsch. Wir begrüßen Euch herzlich. Auf Wiedersehn! Heinrich und Mimi“. / Postkarte des Schriftstellers Heinrich Mann (1871 bis 1950) und seiner ersten Frau Maria Kanová, genannt Mimi.
19. April 1922, Überlingen, Bodensee, Badhotel / „Hier sind wir, draußen lädt der Schnee zum Wintersport, wir lehnen ab. Sonst ist es ganz hübsch. Wir begrüßen Euch herzlich. Auf Wiedersehn! Heinrich und Mimi“. / Postkarte des Schriftstellers Heinrich Mann (1871 bis 1950) und seiner ersten Frau Maria Kanová, genannt Mimi. | Bild: dpa

Liebl und Kopitzki betonen aber, ihr Lesebuch „kann eine Literaturgeschichte der Stadt nicht ersetzen.“ Diese müsse erst noch geschrieben werden. Manfred Bosch und Oswald Burger hätten dafür bereits „großartige Vorarbeit“ geleistet und auch ihre Arbeit unterstützt.

„ÜBER DEM SEE / OBEN DIE AUSSICHT / ÜBER DEN SEE / ÜBER LINGEN / UNTEN DER SEE“ / Aus „Überlingen“ von Zsuzsanna Gahse, sie hat das Gedicht eigens für die Anthologie verfasst. Die 1946 in Budapest geborene Schriftstellerin und Übersetzerin erhielt 2004 den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen, wo sie auch in den 1990-er Jahren gelebt hatte, heute hat sie ihren Lebensmittelpunkt im Kanton Thurgau in der Schweiz.
„ÜBER DEM SEE / OBEN DIE AUSSICHT / ÜBER DEN SEE / ÜBER LINGEN / UNTEN DER SEE“ / Aus „Überlingen“ von Zsuzsanna Gahse, sie hat das Gedicht eigens für die Anthologie verfasst. Die 1946 in Budapest geborene Schriftstellerin und Übersetzerin erhielt 2004 den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen, wo sie auch in den 1990-er Jahren gelebt hatte, heute hat sie ihren Lebensmittelpunkt im Kanton Thurgau in der Schweiz. | Bild: Hanspeter Walter

Bewusst kein „Bodensee-Bilderbuch“

Liebl und Kopitzki wollten aber auch kein herkömmliches „Bodensee-Bilderbuch“ herausgeben. Die einzigen Illustrationen im Buch sind eine Reihe von Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Künstlerin Andrea Zaumseil. Die gebürtige Überlingerin schuf unter anderem die Gedenkstätte „Die zerrissene Perlenkette“, die an die Flugzeugkollision von 2004 erinnert. Ihre beigefügten „Notizen über das Zeichnen“ sind hochliterarisch, wodurch sich der Kreis zwischen bildender Kunst und Literatur schließt. Dennoch räumen Liebl und Kopitzki, in Anspielung an Martin Walsers gleichnamiges Buch, ein: „Natürlich ist ‚Überlingen literarisch ein einziges Heimatlob“ – auch wenn es durchaus kritische Stimmen zur Stadt enthalte.

Und das Lob des großen Martin Walsers

Apropos „Heimatlob“: Martin Walser schrieb Liebl und Kopitzki, ihr Buch sei „so reich wie schön. Wenn ich Bürgermeister von Überlingen wäre, würde ich euch zwei zu Ehrenbürgern machen.“

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