Auf dem Franz-Sales-Wocheler-Denkmal am Münster ist ein Spruch zu lesen: „Sei imer frohen Muthes“, steht darauf geschrieben. Über dem „m“ im Wort „imer“ ist eine Welle abgebildet, eine Tilde. Therese Olivier erklärt: Eine Tilde benutze man immer da, wo es eng werde, in diesem Fall sei kein Platz für ein zweites „m“ im Wort „immer“ gewesen. Die studierte Künstlerin und Designerin stand in der Corona-Zeit mehrfach vor diesem Denkmal bei ihren Spaziergängen durch die Stadt für ihr neues Projekt, das „Überlingen ABC“. Typografie war schon immer ein Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens, wie sie erzählt.

Seit vielen Jahren ist sie Buchstaben, Zahlen und Mosaiken auf der Spur

Therese Olivier, die neben ihrem Studium ein Jahr als Schriftsetzerin arbeitete, sieht genau hin und entdeckt Eigenheiten, an denen der ungeschulte Betrachter achtlos vorübergeht. „In Berlin habe ich den Mauerfall miterlebt und die Umgestaltung der Stadt durch Sanierung und Gentrifizierung. Viele alte Beschriftungen verschwanden nach und nach“, erinnert sich Olivier. Auch in Wien, Ahlbeck oder im spanischen Granada war die Designerin mit ihrer Kamera unterwegs, stets auf der Suche nach Buchstaben, Zahlen und Mosaiken. Typesetting und Signspotting sind die englischen Begriffe für Beobachtung und Dokumentation von Schrift im urbanen Raum.

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Instagram-Aktion für Künstler und Designer startete im März weltweit

Im Rahmen einer weltweiten Instagram-Aktion wurden im März Künstler und Designer aufgerufen, sich mit Schriften zu beschäftigen und daraus ein ABC zu gestalten. Die Aktion stand unter der Ausgangsfrage: „Was umgibt uns, was nehmen wir wahr?“ Daraus entstand das „Überlingen ABC“ der Überlinger Designerin. Täglich posteten internationale Künstler einen Buchstaben oder eine Zahl mit einer kleinen Erklärung dazu. Durch Therese Olivier war auch Überlingen bei dieser Aktion dabei. Sie schuf daraus ein kleines Büchlein, das ab Oktober in der Überlinger Buchhandlung „Odilia“ am Münsterplatz erhältlich sein wird.

Historisches und aktuelles Zeitgeschehen

Darin findet sich noch mehr Historisches, wie ein „A“ aus dem „Anno Denzi 1670“ über einer Tür in der Krummebergstraße. Für aktuelles Zeitgeschehen während der Corona-Pandemie steht die „Null in 2020“ aus einer Leuchtschrift der Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB), die so am Landungsplatz auf den Betriebsausfall während der Pandemie hinwiesen. „Mir hat es unheimlichen Halt gegeben, gerade in dieser Corona-Zeit, da sich alles überschlug, in der Stadt herumzugehen und Fotos zu machen und vor allem auch in Jahrhundertealtem Stabilität und Ruhe zu finden“, erklärt die Künstlerin.

Als Welle über dem „m“ im Wort „imer“ zeigt sich die Tilde: Sie wird immer dann verwendet, wenn nicht genug Platz für alle Buchstaben vorhanden ist. Hier steht sie für ein fehlendes „m“ am Franz-Sales-Wocheler-Denkmal auf dem Münsterplatz.
Als Welle über dem „m“ im Wort „imer“ zeigt sich die Tilde: Sie wird immer dann verwendet, wenn nicht genug Platz für alle Buchstaben vorhanden ist. Hier steht sie für ein fehlendes „m“ am Franz-Sales-Wocheler-Denkmal auf dem Münsterplatz. | Bild: Stef Manzini

Viele Spaziergänge während Corona-Zeit

Die Grafik-Designerin recherchierte für die Instagram-Aktion: Wo ist eine Inschrift zu finden? Wer hat sie beauftragt? An wen ist sie gerichtet? Aber auch persönliche Gefühle hätten eine große Rolle bei ihrer Arbeit gespielt: Was gefällt ihr? Was nicht? Was ist vertraut, was fremd? Der Spruch auf dem Wocheler-Denkmal, „Sei imer frohen Muthes“, habe ihr während der Pandemie besonders gutgetan, sagt die vierfache Mutter.

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Auch Gedenktafel zum KZ-Außenlager im Werk verewigt

Auch wählte sie für die Aktion das „Q“ aus dem Wort „Ausweichquartier“ in der Gedenktafel zum KZ-Außenlager Überlingen aus. Hier habe sie der distanzierte Text sehr erschüttert, sagt Therese Olivier. „Überlingen war Teil der Vernichtungsmaschinerie, auf deren Aufschüttungen nun die Landesgartenschau stattfindet. Wem ist bewusst, dass hier vor 75 Jahren 243 Menschen gestorben sind? Wo werden diese Menschen als einzelne Persönlichkeiten gewürdigt, nicht bloß als namenlose Zahl“, fragt die Künstlerin. Einen entsprechenden Text dazu postete sie bei der Instagram-Aktion. Man erfahre sehr viel über Stadtgeschichte und Stadtkultur, wenn man sich auf diese Weise den geschriebenen Buchstaben und Zahlen nähere, sagt Therese Olivier zu ihrem Projekt.

Therese Olivier bietet am Samstag, 10. Oktober einen Schriftspaziergang zu den 36 Orten mit Zahlen und Buchstaben. Treffpunkt ist um 11 Uhr an der Buchhandlung „Odilia“.