Für den Überlinger Markus Schwer ist dieser Samstag ein ganz besonderer Tag: „Die Box-Fans der ganzen Welt werden auf ihren Bildschirmen nach München schauen. Es ist eine unglaubliche Show, mehr geht nicht“, sagt der Mann, der beim Finale der Ali Trophy, der weltweit höchstdotierten Box-Serie, hautnah dabei sein wird. Hautnah ist dabei wörtlich zu verstehen. In drei der vier Kämpfe, die am Samstagabend wegen Corona ohne Zuschauer stattfinden werden, steht er als Cutman am Boxring.

Schwer hat einen Handwerksbetrieb in Überlingen

Cutman zu sein, ist alles andere als eine einfache Aufgabe, wie der 53-Jährige, der hauptberuflich als Stuckateur seit mehr als zwei Jahrzehnten einen Handwerksbetrieb in Überlingen betreibt, erklärt: „Ich habe in der Pause 55 Sekunden Zeit, um die Sportler wieder fit zu kriegen“, sagt Schwer.

Ganz nah am Ring und an den Boxern: Cutman Markus Schwer (rechts).
Ganz nah am Ring und an den Boxern: Cutman Markus Schwer (rechts). | Bild: Jäckle, Reiner

„Ein Cut muss geschlossen werden, damit der Kampf weitergehen kann. Man muss hochkonzentriert sein.“ Für die Versorgung der Boxer dürfe er ausschließlich Eiswürfel, „große“ Wattestäbchen, Vaseline und weitere kleine Utensilien verwenden. „Wir machen quasi die Notfallversorgung“, sagt Schwer.

Schwellungen, Nasenbluten und Platzwunden

An erster Stelle stehen Muskellockerungen für die schnelle Regeneration, er kümmert sich aber auch um Schwellungen, Nasenbluten und Platzwunden. Es gebe aber auch klare Grenzen, was ein Cutman nicht machen darf. „Wir sind keine Ärzte, dürfen nicht nähen, klammern, einrenken oder Knochen richten.“

Das, was in 55 Sekunden möglich und erlaubt ist, nehme man als Cutman allerdings immer in Angriff. Denn klar ist für den Überlinger, dass die Boxer selbst den Kampf nie abbrechen würden: „Die natürlichen Feinde eines Cutmans sind die Ringrichter und -ärzte“, sagt Schwer, der schon als Kind eine Affinität fürs Boxen hatte und mit seinem Vater Kämpfe von Muhammad Ali und Co. geschaut hat.

Sportler spüren während des Kampfes gar nichts

„Im Kampf stehen sie so unter Adrenalin, da spüren sie bei der Behandlung gar nichts.“ Erst eine halbe Stunde nach dem Kampf kämen die Schmerzen. Und dann „pfeifen sie machmal wie ein Meerschweinchen und wollen sofort eine Spritze“.

55 Sekunden Zeit hat ein Cutman in der Pause, um den Sportler wieder fit zu kriegen – nervös darf man da nicht sein, wie Markus Schwer (links) erklärt.
55 Sekunden Zeit hat ein Cutman in der Pause, um den Sportler wieder fit zu kriegen – nervös darf man da nicht sein, wie Markus Schwer (links) erklärt. | Bild: Jäckle, Reiner

In den 500 Kämpfen, bei denen er in den vergangenen Jahren als Cutman fungierte, sei es nur ein einziges Mal vorgekommen, dass er selbst den Kampf eines Schützlings, in diesem Fall Ramon Kübler, abgebrochen hat: „Nach dem sechsten Cut habe ich gesagt, jetzt reicht es, das kann ich nicht mehr flicken.“ Ansonsten gehe es darum, alles zu versuchen, was gesundheitlich vertretbar sei: „Aufgeben ist nicht in meiner Natur.“

Wenn Blut ins Auge geht, ist der Kampf vorbei

„Das Ziel des Cutman ist es, den Boxer so lange wie möglich im Spiel zu lassen“, sagt Schwer und ergänzt: „Mit einem herausgeschlagenen Zahn kann man weiterboxen.“ Anders sei das aber zum Beispiel, wenn der Athlet Blut ins Auge bekommt: „Das ist das Schlimmste, was dem Boxer passieren kann.“ Der Kampfrichter würde sofort abbrechen.

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Der gebürtige Überlinger weiß ganz genau, auf was es ankommt. Es dürfe einem als Cutman nichts ausmachen, Blut sehen zu müssen. „Wenn es richtig blutet, werden viele nervös“, sagt er. Dies werde dann noch verstärkt, wenn etliche Kamerateams um einen herumschwirren. Wichtig sei also vor allem, dass man als Cutman kein nervöser Mensch ist. „Ich bin als Cutman der Ruhepol. Das ist die wichtigste Eigenschaft“, sagt er.

Über viele Jahre hinweg habe er sich extrem viel angelesen, erzählt Markus Schwer. Zudem habe er sich immer wieder mit Ärzten, Physiotherapeuten und Cutmen auf der ganzen Welt unterhalten. „Da muss man einen guten Draht haben, um die Chance zu haben, sich weiterbilden zu können.“

Nie erwartet, dass der Weg so weit geht

Denn eine Ausbildung zum Cutman habe es 2011 nicht gegeben. Damals sei er durch seine Tochter Kristin Schwer zum Thaiboxen gekommen. Weil ihn die Hygieneverhältnisse damals gestört hatten, entschloss er sich für das Engagement: „Wie da mit benutzten Handtüchern hantiert und Bepanthen herum gefuhrwerkt wurde, konnte ich mir nicht ansehen.“

Immerhin stand seine eigene Tochter als Thaiboxerin im Ring. Nichtsahnend, dass er in Zukunft bei großen Events am Boxring stehen wird, betätigte er sich also lieber selbst als Cutman. „Ich hätte nie gedacht, dass der Weg so weit geht.“

Fester Bestandteil des Teams Sauerland

Seit Jahren betreut er nun Profiboxer, ist Bestandteil des Teams Sauerland. „Als Cutman kannst du einem Boxer entscheidend dabei helfen, einen Kampf zu gewinnen“, sagt der 53-Jährige. 2015 wurde er in die International Cutman Organsiation aufgenommen, mittlerweile ist er Gründungsmitglied der World Cutman Association, bei der er seit 2019 sogar als Präsident agiert. Zwei Ziele habe er als Cutman noch vor Augen: „Wembley oder der Madison Square Garden, das würde mich reizen.“

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Markus Schwer schätzt an seiner Aufgabe, dass er ganz nah an den Profis ist: „Es gibt einen Spruch, der in meinen Augen perfekt passt: Der Boxer braucht einen Trainer, einen Mundschutz und einen Cutman.“

Schwer ist voller Vorfreude auf Samstag

In drei der vier stattfindenden Kämpfen wird es am Samstagabend im Plazamedia, einem Fernsehstudio in München, das zu einer Box-Arena umgebaut wurde, also auch auf den Überlinger ankommen. Auch wenn die Bedingungen durch Corona nicht ideal seien, blickt er voller Vorfreude nach vorn: „Wir sind alle froh, dass wieder geboxt werden kann.“

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Wenn es in einem Kampf brisant wird, sei er der Boss, schließt Schwer seine Schilderungen: „Ich vertraue dem Boxer und er vertraut mir. Das ist extrem wichtig, man ist zusammen unterwegs“ – eine Stunde vor dem Kampf. Bis zur Glocke, die den Kampf beendet.

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