„Re-start der Amateur-Blasmusikszene“: So nennt sich die Petition an den Landtag von Baden-Württemberg, die Dominik Merk, Dirigent des Musikvereins Hagnau, über die offene Internetplattform „openPetition“ gestartet hat. Er möchte damit auf die nach wie vor schwierigen Bedingungen hinweisen, unter denen Amateurmusiker seit Beginn der Corona-Pandemie zu leiden haben.

„Wir müssen uns doch mal wehren, wir sind so viele Blasmusiker in Baden-Württemberg“, sagt Merk. Viel Unterstützung hat der Hagnauer Musiker aber bisher nicht erfahren, lediglich 400 Menschen haben die Petition unterzeichnet, das sind zwei Prozent des erforderlichen Quorums. „Vielleicht müsste man die Petition offensiv bewerben“, mutmaßt Merk. Auch wenn das Quorum nicht erreicht werden sollte, will er die Petition einreichen.

Dominik Merk, Dirigent des Musikvereins Hagnau. Das Bild, das er zur Verfügung stellte, zeigt ihn im Jahr 2016.
Dominik Merk, Dirigent des Musikvereins Hagnau. Das Bild, das er zur Verfügung stellte, zeigt ihn im Jahr 2016. | Bild: Dominik Merk

„Schreiende Ungleichbehandlung“ gegenüber Sport und professionellem Kulturbetrieb

Merk ärgert sich, dass man inzwischen wieder proben und musizieren könne, „aber die Auflagen für Proben und Konzerte, speziell die einzuhaltenden Abstände, sorgen de facto weiterhin dafür, dass ein geregelter Betrieb unmöglich ist“. Er sieht hier eine „schreiende Ungleichbehandlung“ von Amateurmusik gegenüber dem Breiten- und Spitzensport sowie professionellem Kulturbetrieb. Während die einen unter Beachtung der Drei-G-Regel faktisch uneingeschränkt ihrem Hobby oder ihrem Tun nachgehen dürften, sei dies den Amateurmusikern nur mit zusätzlichen, praxisuntauglichen Abstandsregeln erlaubt. „Warum hat das bei der Fußball-Europameisterschaft funktioniert?“, fragt sich Merk.

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Österreich geht schon seit 1. Juli einen anderen Weg

In Österreich hätten die Vereine bereits seit 1. Juli einen anderen Weg eingeschlagen: Hier gibt es keine Obergrenze mehr, wie viele Musiker bei Proben und künstlerische Darbietungen zusammenkommen können. Auch die Maskenpflicht sei entfallen. Es sei in Österreich nicht zu einem Anstieg der Corona-Infektionen gekommen, trotz des viel diskutierten Ausstoßes von Aerosolen beim Musizieren mit Blasinstrumenten.

Zur Petition und zur Begründung

Musikvereine fürchten Mitgliederschwund durch mangelnde Perspektive

Dominik Merk fordert daher, die Regelungen für den Betrieb von professionellen Orchestern und den Sportbetrieb auf den Bereich der Amateurmusik zu übertragen. „Baden-Württemberg wird sonst sehr still werden, da die Existenz der Vereine massiv bedroht ist.“ Er nennt hier den Mitgliederschwund, weil den Musikern die Perspektive fehlt, sowie den Nachwuchsmangel.

Der Musikverein Nesselwangen hatte Ende Juli bei der Landesgartenschau in Überlingen seinen ersten öffentlichen Auftritt seit langem. Bild: Holger Kleinstück
Der Musikverein Nesselwangen hatte Ende Juli bei der Landesgartenschau in Überlingen seinen ersten öffentlichen Auftritt seit langem. Bild: Holger Kleinstück | Bild: Kleinstück, Holger

Der Dirigent macht darauf aufmerksam, dass er die Petition als Privatmann gestartet habe. Der Vorstand des Musikvereins Hagnau stehe aber hinter ihm und der Petition. Unterstützt wird Dominik Merk vom Blasmusikverband Bodenseekreis, wenngleich er auf diesen zurzeit nicht allzu gut zu sprechen ist: „Unser Verband ist in großen Teilen nicht handlungsfähig gegenüber der Politik.“

Blasmusikverband Bodenseekreis steht hinter der Petition

Walter Stegmaier, Präsident des Blasmusikverbands Bodenseekreis, bestätigt, dass der Verband hinter der Petition steht. „Wir halten diese Forderung nach Lockerungen, auch im Hinblick auf bereits praktizierte im Amateur, Breiten- und Spitzensport, für absolut berechtigt.“ Stegmaier führt aus, dass die Petition nach 18 Monaten Pandemie vor allem Ausdruck eines zunehmenden Unbehagens und Ungeduld der Musiker sei. Sie wollten nicht nur proben, sondern auch auftreten, was derzeit vor allem im Freien und in Maschinenhallen landwirtschaftlicher Betriebe geschehe. Abhängig von der Größe oder der Belegung, seien Proben in Dorfgemeinschaftshäusern der Städte und Gemeinden möglich.

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Sorge, dass im Herbst und Winter sinnvolle Proben nicht möglich sind

Das werde aber im Herbst und Winter so nicht mehr möglich sein. „Im Freien, in zugigen Hallen oder in überbelegten Dorfgemeinschaftshäusern ist eine sinnvolle Probentätigkeit nicht möglich.“ Walter Stegmaier spricht sich daher für alternative Lösungen unter Einhaltung der Hygienekonzepte und der Drei-G-Regeln aus.

Walter Stegmaier
Walter Stegmaier | Bild: Kleinstück, Holger
„Vor allem sehen wir die Problematik der derzeit gesperrten Probelokale und teilweise der Dorfgemeinschaftshäuser und weisen im Besonderen auf die unsinnigen Abstände zwischen Musikern hin. Im Profibereich sind diese längst überholt.“
Walter Stegmaier

Der Verbandspräsident gibt zu bedenken, dass tragfähige Verhaltensregeln nur über den Landes-Musikverband und den Blasmusikverband Baden-Württemberg im Zusammenwirken mit den politischen Entscheidungsträgern erarbeitet werden könnten. „Dazu bedarf es der Abstimmung in den entsprechenden Gremien“, so Stegmaier. „Diese liegen jedoch außerhalb unserer Entscheidungskompetenz.“ Der Blasmusikverband Bodenseekreis vertrete seine Bedürfnisse offensiv, unabhängig von der derzeitigen Situation. „Vor allem sehen wir die Problematik der derzeit gesperrten Probelokale und teilweise der Dorfgemeinschaftshäuser und weisen im Besonderen auf die unsinnigen Abstände zwischen Musikern hin. Im Profibereich sind diese längst überholt.“

Dominik Merk holte sich schon im Juli eine Abfuhr vom Ministerium

Dominik Merk hatte sein Anliegen bereits im Juni dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg vorgelegt. Die Antwort aus dem Ministerium Anfang Juli habe einmal mehr gezeigt, „dass das Ministerium keine Ahnung hat, was uns an der Basis bewegt“ und „völlig ungehemmt über unsere aus unserer Sicht berechtigten Einwände hinweg regiert“, ärgert sich Dominik Merk. So habe der Referent im Ministerium geantwortet, dass Merk nicht der einzige sei, der mit Anliegen zu ihm komme. Er halte es daher gar nicht für nötig, sich mit Merks Argumentation auseinanderzusetzen. „Die Antwort hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Sie habe ihm gezeigt, wie richtig seine Petition sei.