Jürgen Baltes

Die meisten Überlinger dürften schon mal Kunden des Wertstoffhofs in der Obertorstraße gewesen sein – um hier etwa Rasenschnitt, Glas, Altpapier oder ein kaputtes Fahrrad abzugeben. Vor allem am Samstagvormittag herrscht hier reges Treiben.

„Dann treffen sich manchmal Leute, die sich wochenlang nicht gesehen haben“, weiß Mitarbeiter Heinz Nadig – „obwohl sie in derselben Straße wohnen.“ Manch‘ netten Plausch muss er dann allerdings stören. Denn sonst stauten sich die Autos schnell bis in die Obertorstraße.

Er feiert 20 Jahre auf dem Wertstoffhof

Doch wer sind eigentlich die Männer, die sich um unseren Müll kümmern und deren Gesichter fast jeder kennt? „Dieses Jahr habe ich mein 20-jähriges Jubiläum“, sagt Heinz Nadig, Mitarbeiter der ersten Stunde.

Heinz Nadig, Mitarbeiter vom Wertstoffhof.
Heinz Nadig, Mitarbeiter vom Wertstoffhof. | Bild: Jürgen Baltes

Der mittlerweile 68-jährige gelernte Maler war früher beim Bauhof beschäftigt, hat jahrelang Fahrbahnen markiert, Verkehrsschilder montiert, Baustellen- und Promenadenfestabsperrungen aufgebaut und schließlich auch den neuen Wertstoffhof betreut. „Ich habe immer viel allein gearbeitet“, sagt Nadig. Da sei der Wertstoffhof „eine schöne Abwechslung“.

Von Hertie über MTU an die Obertorstraße

Seit das Landratsamt die Abfallentsorgung von der Stadt übernommen hat, sind die insgesamt fünf Mitarbeiter beim Bodenseekreis beschäftigt. Vier von ihnen – so wie Rentner Nadig – auf Minijobbasis. Regulär angestellt ist lediglich Ronny Hirrle, der „auch schon fast 14 Jahre dabei“ ist, wie er sagt. Eigentlich habe er ja mal Einzelhandelskaufmann gelernt, erzählt Hirrle, in der Spielzeugabteilung von Hertie. Doch das Leben hat ihn hierhin und dorthin geführt.

Ronny Hirrle
Ronny Hirrle | Bild: Jürgen Baltes

Er hat Motoren bei MTU montiert, nachts Bregenzer-Busse gewaschen, im Uhldinger Lager Schöller-Eis verpackt oder eine nicht unerhebliche Zahl von Leitplanken an die Autobahn nach Stuttgart geschraubt. Auf dem Wertstoffhof trifft man den gemütlichen und stets gut gelaunten Hirrle fast immer. „Jetzt hab ich dir ja mein halbes Leben erzählt“, sagt er zum Abschied.

Neu im Team: ein ehemaliger Fahrlehrer

Ein weiterer im Bunde ist Siegfried Geng. Der ehemalige Versuchsleiter der Kramer-Werke ist längst in Rente und muss eigentlich nicht mehr arbeiten. Doch „ich schaffe gern“, sagt er. Und „es tut mir wirklich gut, einmal die Woche raus zu kommen.“

Auch die anderen, immer wieder wechselnden Mitarbeiter sind meist im Rentenalter und genießen die Abwechslung. Neu im Team: ein ehemaliger Überlinger Fahrlehrer.

Immer hilfsbereit: Ronny Hirrle übernimmt für eine Frau die Papierentsorgung.
Immer hilfsbereit: Ronny Hirrle übernimmt für eine Frau die Papierentsorgung. | Bild: Jürgen Baltes

Wie sie Reinhard Weigelts Handy retteten

Ab und an gebe es schon mal Diskussionen, sagt Nadig, etwa wenn jemand partout nicht einsehen wolle, dass er nur Verpackungen, aber keinen sonstigen Plastikmüll loswerden könne. Oder auch Highlights. Etwa als dem ehemaligen Stadtrat Reinhard Weigelt das Handy in die Papierpresse fiel. „Da bin ich dann reingeklettert, habe den halben Container ausgeräumt, während er sein Handy mit meinem angerufen hat“, sagt Nadig mit einem Schmunzeln unter seiner Schirmmütze.

Interesse an Müll auch nach Feierabend

Das Thema Müll interessiert Heinz Nadig offenbar auch persönlich. Nicht nur, dass jeder Kunde, der dies möchte, eine kleine Führung durch die Container-Welt erhält: hier Elektroschrott, da Verpackung, Batterien, CDs, Energiesparlampen.

Einmal ist er sogar privat zur Abfallmesse IFAT nach München gefahren, um sich live anzuschauen, wie etwa ein alter PC in eine Maschine einfährt und hinten Plastik, Metall und Edelmetalle separat herauskommen. „Der Hammer“, schwärmt Nadig.

Das könnte Sie auch interessieren

Am Bahnhof für Ordnung gesorgt

Und als das Thema zufällig auf alte Fahrräder kommt, hat der ehemalige Bauhof-Mann auch dazu Interessantes zu berichten: Denn hier hatte er einst als Mitarbeiter der Stadt höchstpersönlich für Ordnung gesorgt – auch am Bahnhof Mitte. „Ich bin da regelmäßig durchgegangen und habe Schrotträder mit Kreide markiert. Wenn die nach ein paar Wochen immer noch so dastanden, hab ich sie mit der Akku-Flex vom Ständer geschnitten.“ Doch seit er in Rente ist, „macht das offenbar keiner mehr“.

Aber sagte die Stadt auf SÜDKURIER-Anfrage nicht erst kürzlich, sie sei dafür gar nicht zuständig? Laut Nadig ist die Sache ganz einfach: „Am Bahnhof Mitte liegt alles, was überirdisch ist, in der Verantwortung der Stadt, alles im Tunnel in der Verantwortung der Bahn.“ Aber das muss ihn nicht mehr kümmern. Jetzt schließt er nur noch montags und mittwochs um 17 Uhr die Container ab und hat Feierabend.