Das Bügelbrett wird zur Ballettstange, das Wohnzimmer zum Tanzsaal umfunktioniert. Denn der Unterricht der Musicalschule Überlingen macht wegen Corona keine Pause – im Gegenteil. Jeannette Munére, die Leiterin der Musicalschule, ihr Team und die Schüler gehen kreativ mit der Krise um und konnten die verschiedenen Unterrichtsformen weitgehend auch von zu Hause am Laufen erhalten. Jeannette Munére auf SÜDKURIER-Fragen: „Zum Glück komme ich mit Katastrophen-Zuständen gut zurecht. Bei den großen Musical Revues passiert immer etwas Unerwartetes, worauf man schnell Lösungen benötigt.“ Bereits zwei Tage nach der Schließung habe man deshalb die ersten Videos gedreht, die Homepage erstellt und Programme installiert.

Neue digitale Wege

Jeannette Munére sagt: „Wir konnten alles auf unterschiedliche Onlineplattformen umstellen und sind froh, dass wir besonders in dieser Situation weiterhin für unsere Schüler da sein können. Der Gesangs- und Klavierunterricht findet per Skype zu den normalen Unterrichtszeiten statt.“ Dafür benötigen die Schüler und Lehrer bei sich zu Hause lediglich einen Laptop, eine gute Internetverbindung und eine Kamera. Sie selbst arbeite derzeit in der Musicalschule und profitiere von den gut ausgestatteten Unterrichtsräumen. „Ich kann die Schüler vom Laptop aus unterrichten oder groß über den Fernseher anschauen. Der Ton läuft über die Mischanlage zu den großen Boxen, so dass ich einen super Sound habe“, sagt Munére. Sie nahm bereits vor einigen Jahren an einem Skype Workshop teil. Dass sie dies tatsächlich mal so unterrichten würde, hätte sie damals nie geglaubt.

HipHop-Trainer Maurice Mark zeichnet seine Übungsvideos mit einer Kamera auf. Sie werden danach auf der Homepage für die Schüler veröffentlicht.
HipHop-Trainer Maurice Mark zeichnet seine Übungsvideos mit einer Kamera auf. Sie werden danach auf der Homepage für die Schüler veröffentlicht. | Bild: Musicalschule Bodensee

Der Tanzunterricht wird derzeit über Videos von der Homepage abgerufen. „Die Tanzlehrer investieren zum Teil das vierfache an Zeit, die Videos aufzunehmen, zu schneiden und zu konvertieren“, sagt die Inhaberin der Musicalschule. Wenn sie fertig gestellt seien, würden die Videos über eine Online Plattform an einen Grafiker gesendet. Dieser habe die Homepage neu programmiert und für jeden Kurs eine Plattform erstellt. Dafür erhielt jeder Schüler ein Passwort, so dass er sich dort einloggen könne, um mit allen Videos zu arbeiten. Natürlich habe man am Anfang auf Hochtouren gearbeitet, bis alles gut lief. So wurden anfangs die besten Videos falsch herum aufgenommen. „Ich bin aber froh, dass unser Lehrerteam hoch motiviert ist und wir uns so gegenseitig geholfen haben“, sagt Jeannette Munére.

Corona hat auch Positives

Sie versucht in Zeiten von Corona positive Seiten vom Onlineunterricht zu sehen. So ermögliche man beispielsweise den Schülern ihr Hobby, trotz Einschränkung sämtlicher Aktivitäten, weiter fort zu führen: „Die Bewegung mit Musik ist gut für die Seele und hebt die Stimmung, das ist gut als Ausgleich zum schulischen Stress. Außerdem dient es als Förderung der Kreativität, anstatt Computerspiele oder übermäßiger Fernsehkonsum.“ Außerdem würden Schüler selbstständiger werden, und man helfe ihnen dabei, den Tagesablauf zu strukturieren. Damit die Schüler für das Instrument, die Stimme, jeden Tag Zeit haben. Darüber hinaus tue man der Seele weiterhin etwas Gutes damit, besonders in der jetzigen Situation, die Gefühle ausdrücken zu können.

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Darüber hinaus habe der Wechsel des Gesangsunterrichts zu online noch rein pragmatische Verbesserungen. So müssten die Schüler plötzlich viel mehr a capella singen, was sehr gut für die Intonation sei. Außerdem müsse der Text über Skype noch viel besser ausgesprochen werden und es erfordere mehr Rhythmus- und Harmoniearbeit. „Darüber hinaus wird die eigene Wahrnehmung viel besser, da die Schüler den Lehrern mitteilen, wie sich was anfühlt“, sagt Jeannette Munére. Die Schüler, die aus Friedrichshafen, Tettnang, Engen und Sigmaringen kommen, freuen sich außerdem, dass sie jetzt keinen Anfahrtsweg haben.

Kreativität kennt keine Grenzen

Auch dem Tanz- und Schauspielunterricht auf Distanz könne man Vorteile abgewinnen. So üben die Schüler nun öfter, genauer und kontrollierter. Und es sei wichtig sich zu bewegen, das stärke das Immunsystem und mache den Kopf wieder frei. Beim Schauspielunterricht nehmen sich die Schüler selbst auf Video auf – und können so die Ängste vor der Kamera überwinden und das Selbstbewusstsein fördern. Außerdem verbessert sich die Konzentration, denn die Leistung muss ab dem Aufnahmemoment abgerufen werden können.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein Vater bringt sein Kind mit einer Fernbedienung dazu, als Roboter das Zimmer zu staubsaugen.
Zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein Vater bringt sein Kind mit einer Fernbedienung dazu, als Roboter das Zimmer zu staubsaugen. | Bild: Musicalschule Bodensee

Die Inhaberin der Musicalschule sagt: „Die Videobeiträge sind sehr kreativ, weil sich die Kinder Zeit dafür lassen und Spaß daran haben, ihren Beitrag zu zeigen. Für die Kleineren ist der Schauspielunterricht gleichzeitig eine aktive Familienzeit, da die Eltern oder Geschwister teilweise mit eingebunden werden.“ Außerdem müssten die Gesten bewusster eingesetzt werden und die Stimme besser kontrolliert werden. Dazu käme das technische Verständnis zum Medium Kamera: Welches Licht sieht gut aus oder welche Position der Kamera fördert den Gruppenzusammenhalt? „Ich bin vom Schauspielunterricht absolut begeistert“, sagt Jeannette Munére. „Die Lehrer geben den Schülern unabhängig vom Unterricht für den Alltag Input.“

So unterhielten sie sich bereits, bevor der Unterricht beginne, was die Schüler in ihrer Freizeit so machten. Die Lehrer gaben den Schülern Ideen und plötzlich hätten alle Kuchen gebacken, seien mehr raus gegangen und hätten verschiedenste andere Ideen in die Chats geworfen. „Daraus ist eine unglaubliche Energie entstanden, was mich persönlich sehr berührte“, so Munére. Für sie sei der Gesangsunterricht gerade viel mehr, als nur reiner Unterricht. „Diese Zeit macht etwas mit uns allen, und die beste Art dies zu verarbeiten, ist es, kreativ zu werden. Sei es Musik zu machen, zu tanzen, sich zu bewegen, Texte zu schreiben oder zu malen.“ Es sei auffallend, dass die Schüler jetzt besonders kreativ seien. So entstand schon der erste, selbst geschriebene Corona-Song. Jeannette Munére sagt: „Wie schön, wenn man dies begleiten kann und die Kinder dadurch weniger am Handy und Laptop spielen, sondern sich bewegen und die Freizeit sinnvoller nutzen.“

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