Die Lockerungen beim Infektionsschutz greifen schneller, als es ihren Urhebern lieb sein mag. Der Feiertag zeigte, wie schnell die Menschen ihre neuen Freiheiten zurückzuholen wissen. Als ob eine Last abgefallen wäre, eroberten sie einem Tsunami gleich die Innenstadt, die Promenade und die offenen Seezugänge.

„Fuck the virus!“ Mit ‚Stinkefinger‘ auf dem T-Shirt durch die Stadt.
„Fuck the virus!“ Mit ‚Stinkefinger‘ auf dem T-Shirt durch die Stadt. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

War da was? Ja, da waren sie wieder, die Staus in der Innenstadt, die Schlangen an den Eisdielen und die Radler im Sekundentakt. Autokolonnen und dröhnende Motorräder beherrschten nicht nur die Bundesstraße. Als ob es nie Ängste und Bedenken, als ob es nie Beschränkungen und Schutzvorkehrungen gegeben hätte. „Fuck Corona“ und einen Stinkefinger trägt ein Besucher stolz durch den Badgarten. Wer diese Bilder sieht, wundert sich, wenn er draußen in der Natur einem einsamen Radfahrer mit warnwestengelbem T-Shirt und dem Aufdruck begegnet „Corona: Grundrechte ade!“

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Ihre Grundrechte haben die Menschen ganz offensichtlich nicht aus den Augen verloren und reichlich in Anspruch genommen. So reichlich, dass auch ein Überlingen-Besucher aus Bayern, der Würzburger Oberbürgermeister Christian Schuchardt, in einer Warteschlange sich wunderte: „Mir scheinen die Leute teilweise sehr unvorsichtig. Das wäre bei uns noch nicht möglich!“

Schnell reagierten auch die Straßenkünstler und besuchten die Vatertagsbesucher an der Überlinger Promenade, wo Corona auf den ersten Blick schon vergessen schien. Nur die ausgedünnten Sitzplätze gaben einen Fingerzeig auf die Gefahr.
Schnell reagierten auch die Straßenkünstler und besuchten die Vatertagsbesucher an der Überlinger Promenade, wo Corona auf den ersten Blick schon vergessen schien. Nur die ausgedünnten Sitzplätze gaben einen Fingerzeig auf die Gefahr. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Indessen sah sich die Polizei nicht mit gravierenden Vorfällen konfrontiert. „Wir hatten nicht mehr Corona-Verstöße als sonst“, berichtet Andreas Riess, der stellvertretende Überlinger Revierleiter. Ein Anruf sei eingegangen wegen einer größeren Menschenansammlung. An anderer Stelle seien zwei Vorgänge angezeigt worden: „Wir sind an so einem Feiertag natürlich auch anderweitig gefordert.“

Dritte Kundgebung in Salem

Grund für Aufschreie ‚Freiheit statt Gesundheit‘ scheint es kaum mehr zu geben. Seit Mittwoch verkehren die Ausflugsschiffe und die Vatertagsaktivisten machten dem Virus eine lange Nase. Den 51. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai nimmt die Gruppe „Demokratischer Widerstand Überlingen“ dennoch zum Anlass für ihre dritte Kundgebung. Auch dieses Mal muss sie nach Salem ausweichen. Wahrscheinlich ließen die Besucher in Seeufernähe gar keinen Raum mehr für eine Demonstration. Zudem würde die Wirklichkeit die düsteren Befürchtungen weitgehend konterkarieren.

Tipps für Aktivisten

So werden die Demonstranten am Samstag, 23. Mai, ab 15.30 Uhr ihre Botschaft wieder beim Bildungszentrum Salem formulieren. Größter Respekt gebührt allen, die zu jeder Zeit die Grundrechte hoch halten. Doch vor dem beschriebenen Hintergrund wirken die Kundgebungen aus der Zeit gefallen. In Stuttgart ist der Organisator ausgestiegen. In der Region halten die Initiatoren noch durch und die Sorge vor Freiheits- und Grundrechteverlust wach. Geplant sind auch eine „Schweigeminute für alle, die an und mit Corona, sowie derer die an den überzogenen Corona-Maßnahmen verstorben sind, und für alle, die einsam ohne ihre Angehörigen sterben mussten“. Außerdem gibt es Informationen für Aktivisten: „Wie melde ich eine Kundgebung an?“