Die Corona-Krise sorgt dafür, dass weniger Autos auf deutschen Straßen unterwegs sind. Viele Menschen arbeiten von zuhause aus oder sind in Kurzarbeit. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) an 134 deutsche Städte einen Antrag auf die kurzfristige Errichtung von Fahrradstraßen und Tempo-30-Zonen gestellt.

Auch die Stadtverwaltung Überlingen erhielt einen solchen Antrag. Kurzfristig Fahrradstraßen ausweisen will die Stadt allerdings nicht. Ihre Begründung: Es werde schon seit Jahren viel für die Verbesserung der Verkehrssituation für Radfahrer und eine verbesserte Luftqualität getan.

Wo war der Antrag bereits erfolgreich?

Andere Städte sehen das anders. Vor allem die Bundeshauptstand Berlin tue sich, laut DUH, als Leuchtturm hervor. Dort seien bereits mehr als 10 Kilometer neue Radwege geschaffen worden. Mindestens vier weitere Bezirke hätten die zeitnahe Umsetzung weiterer Maßnahmen versprochen.

Aber auch Frankfurt, Köln oder Dresden würden sich aufgrund der Anträge der DUH mit der Umwidmung von Verkehrsflächen zu kurzfristigen Fahrradstraßen befassen. Auch im Hauptausschuss der Stadt Leverkusen soll der Antrag behandelt werden. Dennoch würden andere Länder, wie beispielsweise Irland, Belgien, Österreich oder Großbritannien, mehr bewegen, so DUH.

Was genau wird in dem Antrag gefordert?

Die Deutsche Umwelthilfe spricht von einer „autoarmen Zeit“, in der ihrer Überzeugung nach kurzfristig baulich von einer Autostraße abgetrennte Fahrradstraßen ebenso wie Tempo-30-Zonen im innerstädtischen Bereich möglich wären. Der Grund: So sollen Fahrradunfälle vermieden werden. Denn gerade jetzt sei es wichtig, Krankenkenhauskapazitäten für mögliche Corona-Patienten freizuhalten. Des Weiteren sei es ebenso wichtig, durch einen Umstieg auf das Fahrrad die Luftqualität zu verbessern und so Lungenkrankheiten vorzubeugen. Dafür seien eingerichtete Fahrradstraßen ein großer Anreiz.

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Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe und selbst Überlinger, sagt: „Das Corona-Virus führt uns allen vor Augen, dass saubere Luft ein unverzichtbares Gut ist. Gerade jetzt ist es notwendig, dass die Fortbewegung für Fahrradfahrer ganz kurzfristig sicherer wird. Das trägt zur Verbesserung der Luftqualität bei, erlaubt Bewegung an frischer Luft mit sicherem Abstand voneinander und verhindert unnötige Unfälle.“ Resch fordert, die Infrastruktur in Deutschlands Städten kurzfristig an die aktuelle Situation anzupassen.

Die Umwelthilfe beruft sich dabei auf Daten einer Unfallstatistik aus dem Jahr 2019: 15.000 schwerverletzte Fahrradfahrer habe es in diesem Jahr gegeben, wovon die meisten in innerstädtischen Gebieten verunfallten, so geht es aus dem Antrag hervor. Und derlei Unfälle gelte es zu vermeiden.

Was sagt die Stadtverwaltung dazu?

Die Stadt Überlingen möchte von solchen kurzfristigen Maßnahmen jedoch absehen. Auch ohne den Antrag der DUH sei die Stadt aktiv daran, die Luftqualität in der Innenstadt zu verbessern sowie die Verkehrssituation für Radfahrer zu optimieren.

Konkret sei bereits vor Jahren in der Altstadt ein verkehrsberuhigter Bereich mit einer 20-km/h-Zone errichtet worden. Zudem gebe es in nahezu allen Innenstadtwohngebieten Tempo-30-Zonen. Überall dort, wo noch eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde erlaubt sei, habe die Stadt Radwege oder zumindest Radschutzstreifen errichtet. Als Beispiele nennt die Stadt die Lippertsreuter Straße und die Wiestorstraße.

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Außerdem seien weitere Radschutzstreifen geplant, beispielsweise in der Bahnhofstraße. Daneben soll die Hafenstraße zu einer Fahrradstraße umgebaut werden, so die Pressestelle der Stadt. Diese Maßnahmen bedürfen jedoch noch der Zustimmung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Erst dann können weitere Schritte eingeleitet werden.

Die Stadt verweist überdies auf weitere geplante Maßnahmen: Sobald die B 31 neu endgültig fertiggestellt sei, gebe es auch schon Pläne für die B 31 alt. „Auch hier werden wir ein besonderes Augenmerk darauf legen, den Straßenverkehr insbesondere für Fußgänger und Radfahrer noch sicherer und klimafreundlicher zu machen“, so die Stadt. Was dort konkret geplant ist, geht daraus jedoch nicht hervor.

Wie sieht das Jürgen Resch?

Dass die Stadt Überlingen genug für die Sicherheit von Radfahrern im Straßenverkehr mache, sieht Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, nicht. „Überlingen ist eine Autostadt und es wird immer noch viel zu wenig für Fahrradfahrer getan“, so Resch bestimmt.

Als ein Beispiel nennt er die Jakob-Kessenring-Straße. Dort würden große Lastwagen entlang fahren, die nur mit Mühe in die abknickende Marktstraße einfahren könnten. Gleichzeitig wird diese Straße auch von Fahrradfahrern genutzt, die sich die Fahrbahn dann ohne Abtrennung mit 40-Tonnern teilen müssten.

Auch im Bereich der Weststadt sieht er Potenzial für Verbesserungen. An Beispielen wie Bogotá, wo innerhalb von nur wenigen Tagen eine 120 Kilometer lange Hauptstraße in eine Fahrradstraße umgewandelt worden sei, könne man sehen, dass solche kurzfristigen Maßnahmen auch für Überlingen möglich sein müssen.

Konkret würde er sich von der Stadt wünschen, zumindest temporär zusätzliche Fahrradstraßen zu errichten. Auch wenn diese bisher keinen Grund sieht, die Straßensituation anzupassen.