„Der Lockdown war offiziell zunächst nur bis zum 31. März verkündet, aber ich traute dem nicht. Vermutlich würde es wesentlich länger dauern“, sagt Niclas Hinderberger rückblickend im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Schon in den Tagen vorher habe er erlebt, wie die Behörden die Einheimischen aus dem Hostel gedrängt hätten. „Mir schwante nichts Gutes, da habe ich zugesehen, ein Flugticket nach Deutschland zu bekommen.“

Flug wird plötzlich verschoben

Diese auf die Schnelle geplante Rückreise sollte dem 35-Jährigen stahlharte Nerven abverlangen. Zwar fand er am kommenden Tag ein Flugticket, das ihn und sein Fahrrad am 24. März zu einem angemessenen Preis über Kuala Lumpur und Doha nach München bringen sollte. Doch dann gab es ein böses Erwachen: „Am Abend des 20. März wurde mein Inlandsflug von Penang nach Kuala Lumpur auf den 26. März verschoben. Da wäre mein Flieger nach Doha weg gewesen.“

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Fahrt zum Flughafen verlangt starke Nerven

Nun war guter Rat teuer. Im Hostel wurde dem Deutschen mitgeteilt, dass keine Busse oder Züge mehr nach Kuala Lumpur fahren. Doch Niclas Hinderberger war nicht zwei Jahre lang um die halbe Welt geradelt, um so schnell die Flinte ins Korn zu werfen. „Ich bin selber zum Busbahnhof geradelt und hab mich kundig gemacht.“ Er hatte Glück. Am 24. März fuhr ein Bus nach Kuala Lumpur. Allerdings sollte er für die rund 400 Kilometer lange Strecke anstelle des 55-Minuten-Fluges rund sieben Stunden benötigen. Vom Busbahnhof waren es noch einmal 60 Kilometer bis zum Flughafen. Nur mit Glück sollte er noch rechtzeitg vor der Schließung des Gates dort ankommen.

Behörden kontrollieren alle Fahrzeuge

Der 35-Jährige setzte alles auf eine Karte, was blieb ihm auch anderes übrig. Doch schon am Stadtausgang von Penang saß der Bus fest. Die Behörden überprüften dort jedes Fahrzeug, schildert er. Eine Stunde verging durch Warten. Der 35-Jährige saß auf heißen Kohlen. Als er schließlich in Kuala Lumpur eintraf, musste er für die letzten 60 Kilometer ein Taxi nehmen, sonst hätte er das Flugzeug verpasst.

Als letzter Passagier steigt er in das Flugzeug

Er packte sein Fahrrad auf den Dachgepäckträger und erreichte kurz vor Schließung des Gates den Flughafen. Bis Niclas Hinderberger schließlich sein Fahrrad auseinandergeschraubt und so verpackt hatte, dass die Airline sich bereit erklärte, sein Rad mitzunehmen – war er schweißgebadet, wie er erzählt. Als letzter Passagier der Maschine nahm er schließlich im Flugzeug Platz.

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Ehemaliger Schulfreund inspirierte ihn zu der Reise

Vor knapp zwei Jahren war der heute 35-Jährige von Berlin aus nach Osten geradelt. „Ein ehemaliger Schulfreund von der Waldorfschule, den ich in Südamerika getroffen hatte, hat mich angesteckt“, erzählt er. Sein Kumpel war damals seit sieben Jahren mit dem Rad unterwegs. „Ich habe mich gefragt, ob ich das auch kann, ob ich das physisch und psychisch packe“, sagt er. Der gelernte Elektriker hatte durch jahrelanges Arbeiten auf Montage so viel Geld angespart, dass er sich auf längere Zeit aus dem Leben als Erwerbstätiger verabschieden konnte.

Das gab den Ausschlag. Er löste seine Wohnung auf und fuhr zunächst nach Tschechien, dann nach Polen, durchstreifte die Länder des Balkan und kam schließlich über Griechenland in die Türkei. „Erst hier hatte ich den Eindruck, wirklich in eine andere Kultur einzutauchen“, sagt er heute rückblickend. Er fuhr weiter nach Georgien, Armenien und von dort aus in den Iran.

Das Alleinsein machte dem 35-Jährigen nicht viel aus. In der Regel übernachtete Niclas Hinderbeger in einem kleinen Zelt. Hier in einer verfallenen Stadt im Iran.
Das Alleinsein machte dem 35-Jährigen nicht viel aus. In der Regel übernachtete Niclas Hinderbeger in einem kleinen Zelt. Hier in einer verfallenen Stadt im Iran. | Bild: Niclas Hinderberger

Fünf Monate sollte er – mit einer Unterbrechung in den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman – im Iran bleiben. „Das Land ist groß und faszinierend“, sagt Niclas Hinderberger. Erst mit der Zeit habe er erlebt, dass die Menschen im Iran sehr unterschiedlich über ihre Regierung denken und welche bedeutende Rolle die Religion im Land spiele.

Niclas Hinderberger wartet in Bandar Abbas (Iran) auf die Fähre nach Dubai.
Niclas Hinderberger wartet in Bandar Abbas (Iran) auf die Fähre nach Dubai. | Bild: privat

Als er weiterzog durch Turkmenistan und Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan, um schließlich durch Kasachstan nach China einzureisen, war er nach Japan oder Taiwan stets der Maxime gefolgt: „Ich fahre immer weiter und entscheide mich spontan. Erst wenn das Geld zu Ende geht oder ich nicht mehr mit Fahrrad, Bus, Zug oder Schiff weiterkomme, denke ich an die Heimreise.“ So war es auch in China.

Der Überlinger mit einer Familie in Turkmenistan.
Der Überlinger mit einer Familie in Turkmenistan. | Bild: privat

Eines Morgens fragte sich der 35-Jährige: Wohin fahre ich jetzt? Nach Osten oder nach Süden? Im Süden warteten Vietnam, Kambodscha und Thailand. Das reizte den Weltenbummler, so zog er in diese Richtung weiter. Unterwegs wohnte Niclas Hinderberger in seinem kleinen Zelt oder in Jugendherbergen. Er kochte meistens für sich selbst. „Ich war in der Regel autark“, sagt er. Auf seiner Reise ging es ihm wie vielen Weltenbummlern: „Die Menschen waren überall freundlich, entgegenkommend und neugierig“, sagt er. Nein, er habe in den 22 Monaten nie eine brenzlige Situation erlebt.

Wenn er nach den bedeutendsten Erlebnissen gefragt wird, sagt er: „Der Pamir Highway in Tadschikistan. Ich liebe Landschaften. Das war einfach großartig. Und Oman hat mich überrascht. Auch die Moscheen im Iran.“

Freunde können sich nicht persönlich sehen

Während all der Zeit stand Niclas Hinderberger regelmäßig mit seinen Eltern in Meßkirch in Verbindung und mit seinem Überlinger Schulfreund Jacob Schreck. „Wir haben in der Regel über WhatsApp telefoniert“, erzählt der 35-Jährige. Auch seit Niclas Hinderbergers Rückkehr nach Deutschland konnten sich die Freunde nicht treffen. Corona macht es unmöglich.

Zwei Jahre lang haben sich Niclas Hinderberger und Jacob Schreck (rechts) nur per Skype oder WhatsApp sehen und hören können, während der 35-Jährige gelernte Elektriker durch die Welt radelte. Daran hat sich wegen der Corona-Pandemie nichts geändert: Noch immer telefonieren die beiden lediglich, obwohl Niclas seit 25. März wieder in Deutschland ist.
Zwei Jahre lang haben sich Niclas Hinderberger und Jacob Schreck (rechts) nur per Skype oder WhatsApp sehen und hören können, während der 35-Jährige gelernte Elektriker durch die Welt radelte. Daran hat sich wegen der Corona-Pandemie nichts geändert: Noch immer telefonieren die beiden lediglich, obwohl Niclas seit 25. März wieder in Deutschland ist. | Bild: privat

Der 35-Jährige hat sich freiwillig in 14-tägige Isolation begeben. „Ich war mit so vielen Leuten im Bus und im Flugzeug eng zusammen, da ist es besser, erst einmal Abstand zu halten.“ So telefonieren die beiden Freunde gegenwärtig weiter per Skype oder WhatsApp. Eigentlich hatte Jacob Schreck seinen Freund Ende März für eine Woche in Malaysia besuche wollen. „Das Ticket war schon gekauft“, erzählt er, „doch dann kam die Nachricht von Niclas, dass er zurückkommen würde.“

Auch zu Hause unternimmt er täglich Touren mit dem Rad

Gegenwärtig fährt Niclas Hinderberger jeden Tag mehrere Stunden Fahrrad, wohnt im Haus seiner Großeltern, die vor Kurzem ins Altenheim gezogen sind, und telefoniert weiterhin regelmäßig mit seinen Eltern. „Die sind froh, dass ich wieder da bin, aber natürlich fänden sie es schön, mich mal wieder in den Arm nehmen zu können. Aber das muss halt warten“, sagt er. Fühlt er sich eingesperrt? „Nein, überhaupt nicht, so lange das Wetter gut ist und ich Fahrrad fahren kann, geht es mir gut.“

Bei all dem Reichtum an Eindrücken und Begegnungen in den vergangenen zwei Jahren habe er auch gelernt, bescheiden zu werden. „Uns geht es hier so gut, wir sind so reich. Das habe ich schätzen gelernt.“

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