Bereits vor drei Jahren hatte Bernd Wiese die Kündigung für die Räume seines Antiquariats in der Turmgasse auf dem Tisch. Damals hieß es, seine Bücher würden teilweise gefährlich gelagert. Wiese wehrte sich, bekam zwischenzeitlich einen neuen Mietvertrag angeboten, den er nach eigenen Aussagen allerdings nie unterzeichnet habe.

Zum 31. Dezember muss der 72-Jährige mit seinen Büchern raus

Doch jetzt scheint die Duldung des Antiquars durch die Vermieterin ein Ende zu haben. „Ich bin zwangsweise entschlossen worden aufzuhören“, umschreibt Bernd Wiese etwas verquer, dass ihm am 30. Juni erneut eine fristgerechte Kündigung zum 31. Dezember 2021 ins Haus geflattert sei. Die Eigentümerin wolle wohl umbauen und der inzwischen 72-Jährige ist des Widerstands müde.

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Einlagern sieht Wiese als einzige Möglichkeit, den Bestand zu retten

Die meisten Kunden in seinem Laden schüttelten nur den Kopf, wenn er von der notwendigen Suche nach einem Lager für seine rund 70.000 Bände berichte. Die Vorstellung, den ganzen Bestand irgendwo einlagern zu müssen, schmerzt Bernd Wiese hörbar. Doch darin sieht er die einzige Chance, seinen Bücherschatz zu retten. „Ich würde hier zwar gern noch weitermachen“, räumt der 72-Jährige ein. Doch wolle er sich weder gegen die Kündigung wehren noch wolle er für viel Geld einen anderen Laden anmieten.

Am liebsten würde er alles einem begeisterten Nachfolger übergeben. Doch den zu entdecken, glaubt Wiese nicht ernsthaft. Umso wichtiger wäre es ihm, wenigstens Räume als Lager zu finden, die trocken und beheizbar sind.

Viele Kunden und Interessenten, die die übervollen Regale durchstöberten, schätzen das Angebot sehr. Von Außenstehenden bekomme er nur begeisterte Reaktionen, sagt Wiese. Ein überraschtes „Wow“ höre er immer wieder und manch einer würde sich nach Wieses Aussagen am liebsten in den Räumen „über Nacht einschließen“.

Raritäten gibt es zwar auch, sie stehen bei dem Antiquar allerdings nicht im Fokus. Dazu gehörte auch ein dünnes Bändchen aus dem Jahr 1549 vom Theologen Matthias Flacius (1520-1575), einem Schüler von Luther und Melanchthon. Es trägt den Titel „Confutatio catechismi“ (rechts). Ein anderes altes Stück ist ein dünner Aristoteles auf Griechisch aus dem Jahr 1560 (links).
Raritäten gibt es zwar auch, sie stehen bei dem Antiquar allerdings nicht im Fokus. Dazu gehörte auch ein dünnes Bändchen aus dem Jahr 1549 vom Theologen Matthias Flacius (1520-1575), einem Schüler von Luther und Melanchthon. Es trägt den Titel „Confutatio catechismi“ (rechts). Ein anderes altes Stück ist ein dünner Aristoteles auf Griechisch aus dem Jahr 1560 (links). | Bild: Archiv Hanspeter Walter

Auch er habe dem Lockdown Tribut zollen müssen, betont Bernd Wiese. Doch inzwischen sei die Nachfrage nach seinen Büchern wie in der Zeit vor Corona. Manchmal seien es nicht einmal eine Handvoll Kunden am Tag, manchmal mehr als ein Dutzend. „Das ist ganz unterschiedlich.“ Auch die Landesgartenschau habe ihm manchen neugierigen Passanten in den Laden gespült.

Die meisten Anfragen kommen online oder per E-Mail

Die meisten Anfragen bekomme er allerdings online oder per E-Mail, erklärt der Antiquar, ohne die Interessenten kategorisieren zu können. Manche seien Hobbysammler, andere auf ein inhaltliches Thema spezialisiert, wieder andere suchten Quellen für eine besondere Arbeit. Insbesondere für Anthroposophen bilde seine riesige Sammlung aus diesem Bereich eine wahre Fundgrube. Er sei davon überzeugt, dass er über den größten Bestand anthroposophischer Werke aller Antiquariate in Deutschland verfüge, sagt Bernd Wiese. Zudem kenne er sich auf dem Terrain noch sehr gut aus.

„Ich muss mich regelrecht zwingen aufzuhören.“
Bernd Wiese

Ansonsten fühle er sich als „eierlegende Wollmilchsau“, von der die Kunden Kenntnisse auf allen Gebieten erwarteten. Daher hätte er im Grunde Lust weiterzumachen, zumal er mit seinen Buchbeständen nach eigenen Worten zehn Läden bestücken könnte. „Ich muss mich regelrecht zwingen aufzuhören“, betont Bernd Wiese mit Blick auf die Kündigung. „Doch ich suche händeringend nach geeigneten Räumen, um die Bücher wenigstens zu retten.“ Jetzt setzt er seine Hoffnung auch auf SÜDKURIER-Leser, die ihm bei der Suche selbst oder mit Hinweisen weiterhelfen könnten.