Vom lebenslangen Lernen, vom Nutzen der Risse in der Welt und von Gottvertrauen sprach die gelernte Theologin und Künstlerin quasi auf dem „zweiten Bildungsweg“, Gabriele Koenigs aus Bad Teinach, bei der Vernissage zu ihrer Ausstellung „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ in der evangelischen Auferstehungskirche.

Dabei spielte die Malerin aus dem Schwarzwald vor einem Auditorium, das größer in Corona-Zeiten nicht hätte sein können, bei den Erläuterungen zu vier ausgewählten Arbeiten ihre ganze assoziierende und interpretatorische Erfahrung als frühere Pfarrerin aus und wandte sie auf die neuartigen aktuellen Probleme an.

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Allein davon zeigten sich viele Zuhörer beeindruckt. „Vieles mussten wir in den letzten Monaten neu lernen“, sagte Koenigs, „zum Beispiel Nähe zu zeigen, ohne die Hand zu geben, oder die Bedeutung von Freundschaften zu erkennen und diese auf ganz neue Art zu bewahren.“

„Ich wollte etwas lernen, was ich noch nicht konnte“: Vor 15 Jahren begann die Theologin Gabriele Koenigs mit der Malerei und hat sich inzwischen vom Pfarramt beurlauben lassen.
„Ich wollte etwas lernen, was ich noch nicht konnte“: Vor 15 Jahren begann die Theologin Gabriele Koenigs mit der Malerei und hat sich inzwischen vom Pfarramt beurlauben lassen. | Bild: Hanspeter Walter

Die geplante Landesgartenschau sei ursprünglich der Anlass gewesen, dass Künstlerin Gabriele Koenigs mit ihrer Ausstellung habe in die Auferstehungskirche kommen wollen, erklärte Dekanin Regine Klusmann in ihrer Begrüßung.

Nun sei zwar die Landesgartenschau verschoben worden auf nächstes Jahr, doch Gabriele Koenigs sei mit ihren beeindruckenden Bildern dennoch gekommen, um sie unter Einhaltung der Hygienerichtlinien und mit dem erforderlichen Sicherheitsabstand vorzustellen. „Wenn es Ihnen heute nicht gelingt, alle Bilder mit der nötigen Distanz anzuschauen, dann kommen sie einfach morgen wieder“, sagte Klusmann.

Ausdrucksstark und ergreifend sind die Bilder von Menschen.
Ausdrucksstark und ergreifend sind die Bilder von Menschen. | Bild: Hanspeter Walter

Schließlich sei die Bilderschau insgesamt drei Wochen zu sehen und Gabriele Koenigs in diesem Zeitraum auch als Gesprächspartnerin persönlich anwesend. Vom steten Wunsch „ergriffen zu werden“ und vom notwendigen Mut etwas zu wagen, hatte Regine Klusmann in ihrem einleitenden Gedicht von Susanne Niemeyer gesprochen.

Im Kunstunterricht immer eine Fünf

Mut hatte Gabriele Koenigs bewiesen, als sie zu malen begann. „Kunst war mein schlechtestes Fach in der Schule“, erklärte Koenigs. „Ich hatte immer eine Fünf.“ Wem man so früh den Mut am Malen genommen hat, der tut sich später auch schwer, wenn er als Religionslehrer die Tafel bebildern soll.

Irgendwann – es war im Jahr 2005 – habe sie sich gesagt: „Ich will etwas tun, was ich noch nicht kann.“ Koenigs fasste sich Mut, nahm Pinsel und Stifte in die Hand und sagte sich: „Ich kann was.“ Den besten Beweisen tritt die Künstlerin mit ihrer Ausstellung in der Auferstehungskirche an.

Ausdrucksstarke Bilder von Menschen

Ausdrucksvolle Gesichter und Menschen mit Emotionen, aber auch einfach prachtvolle Blüten oder weitgehend abstrakte Kompositionen sprechen Bände. Das großformatige Werk am Altar passt in der warmen Farbkombination perfekt zu dem Kreuz im zentralen Kirchenfenster des Chores. An mehreren Beispielen nahm sie die Zuhörer mit auf ihre Gedankenreise.

Aufstehen, hinfallen, laufen lernen: Das Motiv lässt sich aus Sicht von Gabriele Koenigs auch auf viele andere Lernprozesse des Lebens anwenden. Ihr Mann Gerhard mit einem der Lieblingsmotive.
Aufstehen, hinfallen, laufen lernen: Das Motiv lässt sich aus Sicht von Gabriele Koenigs auch auf viele andere Lernprozesse des Lebens anwenden. Ihr Mann Gerhard mit einem der Lieblingsmotive. | Bild: Hanspeter Walter

Da ist das Bild mit dem kleinen Jungen, der gerade erst das Laufen lernt und von hinten in seinem Bemühen ganz lebendig eingefangen ist. „Eine Mutter hatte mich gebeten, dies für sie in einem Bild festzuhalten“, berichtet Gabriele Koenigs. Mit Erlaubnis der Auftraggeber habe sie das Motiv noch einmal kopiert, das für sie sehr viel Symbolkraft ausstrahlt.

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Laufen lernen heiße für ein Kind „hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen“. Noch bevor dies perfekt gelinge, beginne der Prozess des Sprechenlernens. Unzählige Lernprozesse dieser Art folgten, sagt die Künstlerin. Viele, die Gefahr und die Erfahrung des Scheiterns in sich tragen, und die das mutige und zuversichtliche Aufstehen erfordern.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ als Leitgedanke

Dazu gehört für Gabriele Koenigs auch ein Stück weit Vertrauen in sich selbst und in Gott. Ein Stück unerschütterliche Hoffnung, wie sie Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht – den Tod quasi vor Augen – zum letzten Weihnachten des Zweiten Weltkriegs zu Papier brachte. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ nahm Gabriele Koenigs als Leitgedanken für ihre Ausstellung. Indessen war das Publikum so realistisch, trotz des Vertrauens auf „die guten Mächte“ den eigenen Beitrag in Form eines Mundschutzes nicht ganz zu vernachlässigen.

Licht bedeutet nicht nur für Künstlerin Koenigs Hoffnung: Ein Lichtblitz scheint das Dunkel eines abstrakten Motivs zu durchdringen und Koenigs sieht auch hierin quasi eine Botschaft, die sie mit einem Zitat aus einem Song von Leonard Cohen illustrierte: „There is a crack in everything, that‘s how the light gets in.“ Soll im übertragenen Sinn heißen: Es braucht die Risse in der Welt, damit das Licht einen Eingang hat. Gabriele Koenigs heißt es mit ihren Bildern schon mal willkommen und sagt: „Ich male das Glück.“

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