Letztes Jahr habe ich im Paradies gewohnt. Sogar im „Paradies Premium“. Es liegt unweit der großen Mauer, die die kleine Stadt Bethlehem durchzieht und in einen israelischen und in einen palästinensischen Teil trennt. Wachtürme und Freiheitsparolen als bunte Graffiti Seite an Seite. So wie damals in Berlin nur eben heute. Vom Paradies keine Spur.

Oder doch? Schließlich erzählt die Weihnachtsgeschichte davon, dass hier vor 2000 Jahren etwas Entscheidendes geschehen sein soll. Etwas, das heute noch die Menschen berührt und in ihnen eine Saite zum Schwingen bringt, die oft genug das ganze Jahr tonlos bleibt.

Da ist etwas, das kaum jemanden kalt lässt: Der Zauber der Weihnacht. Eine Ahnung, wie es sein könnte oder sein sollte auf dieser Welt. Ein Vorgeschmack auf das, was die Bibel Frieden nennt. Nicht jenen Frieden, wenn die Waffen schweigen, sondern der Frieden, der in unsere Herzen einziehen will, damit wir Frieden finden in uns und in dieser Welt. Trotz allem.

Bethlehem der getrennten Menschen überall zu finden

Wie schwierig das ist, konnte ich aus meinem Fenster im Paradies sehen. Menschen stehen sich mit angelegter Waffe gegenüber, getrennt durch Stacheldraht. Ist das alles weit weg? Dieses Bethlehem der getrennten Menschen, so denke ich, ist überall zu finden. Selbst vor unserer Haustüre. Streit und Spaltung in der Gesellschaft, unversöhnliche Fronten zwischen Linken und Rechten, zwischen Corona-Leugnern und Hygienekonzeptbefürwortern, zwischen Vertretern einer offenen Gesellschaft und Menschen, die vor einer befürchteten Überfremdung Angst haben.

Es gibt Platz in der Herberge – Appell an der Mauer von Bethlehem, die den israelisch-palästinensischen Konflikt widerspiegelt und im Vorjahr zu Weihnachten auch von Bansky thematisiert wurde.
Es gibt Platz in der Herberge – Appell an der Mauer von Bethlehem, die den israelisch-palästinensischen Konflikt widerspiegelt und im Vorjahr zu Weihnachten auch von Bansky thematisiert wurde. | Bild: Hanspeter Walter
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Nichts gegen eine gesunde Streitkultur, wenn sie zu konstruktiven Lösungen führt. Aber Streit, der nur die Gräben tiefer aushebt, führt nicht zum Heil dieser Welt, sondern allein zum Unheil. Das gilt fürs Große, wie fürs Kleine: auch für unsere Ehen und Partnerschaften, für unsere Beziehungen zu unseren Kindern oder Eltern, unseren Arbeitskollegen und anvertrauten Menschen.

Botschaft von der Geburt Jesu setzt Kontrapunkt

Von den Ereignissen in Bethlehem, die uns in der Weihnachtsgeschichte erzählt werden, können wir lernen, dass es zur Spirale der Gewalt, zur Spaltung und zum Unheil eine „Not-wendende“ Alternative gibt. Gegen alle Radikalen, die für ihre Ideen über Leichen gehen, gegen alle Diktatoren dieser Welt, gegen die Zerstörung unserer Umwelt und gegen die Raffsucht, die nur ihren eigenen Vorteil kennt, setzt die Botschaft von der Geburt in Bethlehem einen Kontrapunkt.

Ein Motiv aus der Geburtskirche in Bethlehem.
Ein Motiv aus der Geburtskirche in Bethlehem. | Bild: Hanspeter Walter

Sie setzt all diesen Systemen der Angst, der Angst vor Bedeutungsverlust, vor Machtlosigkeit, vor Freiheit und Vielfalt, vor Zuwenig, vor dem Tod, entgegen: „Fürchtet euch nicht!“ In Bethlehem ist euch ein Kind geboren. Freut euch! Das Leben siegt. Selbst in der tiefsten Not leuchtet ein kleines Licht, dass die Dunkelheit der Angst durchbricht. Auch deiner Angst, im Großen wie im Kleinen. Damit Frieden werde in dieser Welt.

Lernen, was uns gemeinsam gut und in Frieden leben lässt

Schade eigentlich, dass an den meisten Schulen mit Blick auf das Homeschooling jetzt im Lockdown, wie schon im Frühjahr, der Religionsunterricht als entbehrlich gilt. Man hatte sich auf die „Kernfächer“ konzentriert, freute sich der Kultusminister in Bayern über den guten Abischnitt 2020. Ich selbst glaube dagegen, dass das Wesentliche, was diese Welt braucht, nicht im Bereich besserer Rechtschreibung und Berechnungen liegt, sondern in dem, was uns als Menschen gemeinsam gut und in Frieden leben lässt.

Was diese Welt braucht, ist mehr Liebe und mehr Hoffnung. Und wir dürfen als Hoffende und Liebende das unsere dazu beitragen. Das ist die einfache aber bahnbrechende Botschaft von Jesus Christus. Und wer weiß, vielleicht braucht diese Welt ja auch nur ein wenig mehr Glaube.

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