Gruppenbildungen, keine Sicherheitsabstände und abends sogar Partystimmung: Der Bereich am Überlinger Bahnhof hat sich seit dem zweiten Lockdown zu einem Treffpunkt für Jugendliche entwickelt. Nicht nur vor und nach der Schule halten sich viele dort auf. Auch nach Einbruch der Dunkelheit bleibt das Areal am ZOB ein beliebter Aufenthaltsort. Selten werden hier von Schülern und Jugendlichen auch die Corona-Regeln eingehalten – und genau das sorgt bei Überlingern im Lockdown für Verärgerung.

Vor der Bäckerei mit Kiosk oberhalb der Bahngleise hat sich die Lage laut Mitarbeiter Tobias Jegler besonders in den Abendstunden zugespitzt. „Zum Ende des Sommers hin und spätestens mit dem Start des zweiten Lockdowns haben die Jugendlichen begonnen, sich hier mehr zu treffen.“ In den Abendstunden ab 17:30 Uhr mische sich „das Volk“, wie er sagt, hier sehr und die Musik werde aufgedreht.

Ein gewohntes Bild am Überlinger Bahnhof in den Abendstunden: Partystimmung vor dem Kiosk oberhalb der Bahngleisen (Anmerkung der Redaktion: Die Jugendlichen, die im Folgenden für diesen Artikel interviewt wurden, gehören nicht zu den hier abgebildeten Personen).
Ein gewohntes Bild am Überlinger Bahnhof in den Abendstunden: Partystimmung vor dem Kiosk oberhalb der Bahngleisen (Anmerkung der Redaktion: Die Jugendlichen, die im Folgenden für diesen Artikel interviewt wurden, gehören nicht zu den hier abgebildeten Personen). | Bild: Cian Hartung

Tobias Jegler stellt klar: „Das kannte ich vorher so nicht. Das sind fast schon großstädtische Verhältnisse.“ Zwar gehörten die Jugendlichen auch zu den Kunden des Betriebs, doch in den vergangenen Wochen wurde dort zwei Mal eingebrochen. Verdächtigen möchte er pauschal niemanden, aber Sorgen mache ihm diese Entwicklung schon.

Idealer Treffpunkt zwischen Bus, Bahn und Supermärkten

Für Jugendliche ist der Bereich rund um den Bahnhof derzeit einer der wenigen Aufenthaltsorte, meint Diego Wirth, der die Wiestorschule besucht. Mit seinen Klassenkameraden verbringt er hier oft die Zeit nach dem Schulschluss, bevor er den Bus nach Hause nimmt. Partystimmung? „Ja, die gibt es hier manchmal. Aber eher bei den Älteren.“

Diego Wirth (16) von der Wiestorschule: „Wir Jugendliche können derzeit nirgendwo anders hin als in der Öffentlichkeit oder bei jemandem zu Hause zu sein.“
Diego Wirth (16) von der Wiestorschule: „Wir Jugendliche können derzeit nirgendwo anders hin als in der Öffentlichkeit oder bei jemandem zu Hause zu sein.“ | Bild: Cian Hartung

Wirth erklärt seine Situation und die seiner Altersgenossen: „Wir können derzeit nirgendwo anders hin als in der Öffentlichkeit oder bei jemandem zu Hause zu sein“, so der 16-Jährige. Sein Freund Jimmy Ly (14) stimmt zu und sagt: „Wenn Leute uns hier ermahnen, finde ich das übertrieben. Wir sitzen ohnehin den ganzen Tag in der selben Klasse aufeinander.“

Tomás Saenz (14) von der Wiestorschule: „Der Bahnhofsplatz ist ideal, da er zwischen Bushaltestellen, Bahnhof und den Supermärkten liegt.“
Tomás Saenz (14) von der Wiestorschule: „Der Bahnhofsplatz ist ideal, da er zwischen Bushaltestellen, Bahnhof und den Supermärkten liegt.“ | Bild: Cian Hartung

Schüler Tomás Saenz (14) erklärt die Bahnhofslage als günstigen Treffpunkt: „Der Bahnhofsplatz ist ideal, da er zwischen Bushaltestellen, Bahnhof und den Supermärkten liegt.“ Er stellt aber auch klar: „Eigentlich würden wir uns aber einen anderen Ort wünschen, wo wir uns aufhalten könnten. Auch für Silvester wäre es angenehmer, wenn man sich offiziell als Gruppe treffen dürfte.“ Wie oft sie die Polizei und Ordnungsamt hier sehen? „Häufig, sogar zu häufig“, sagt Wirth und lacht.

Jimmy Ly (14) von der Wiestorschule: „Wenn Leute uns hier ermahnen, finde ich das übertrieben. Wir sitzen ohnehin den ganzen Tag in der selben Klasse aufeinander.“
Jimmy Ly (14) von der Wiestorschule: „Wenn Leute uns hier ermahnen, finde ich das übertrieben. Wir sitzen ohnehin den ganzen Tag in der selben Klasse aufeinander.“ | Bild: Cian Hartung

Was tun Ordnungsamt und Polizei gegen die Ansammlungen am Bahnhof?

Laut der Pressestelle der Stadt Überlingen wird der Bahnhofsplatz regelmäßig „entsprechend der personellen Kapazitäten“ vom Gemeindevollzugsdienst kontrolliert. „Eine allgemeine personelle Aufstockung aufgrund des Lockdowns oder wegen der Corona-Pandemie gab es nicht und ist auch aktuell nicht geplant.“ Und weiter: „Eine dauerhafte Kontrolle aller öffentliche Bereiche der Stadt, die potentiell stärker frequentiert sein könnten, wird niemals möglich sein und ist auch nicht das Ziel.“ Vielmehr sollen stichpunktartige Kontrollen für Aufklärung und Sensibilisierung der Bürger sorgen. „Letztendlich ist auch das Ordnungsamt auf das Verständnis und die Mitmachbereitschaft der Bevölkerung angewiesen.“

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Größere Polizeikontrolle mit Corona-Verstößen und Anzeigen Ende November

Die Pressestelle des zuständigen Polizeipräsidiums Ravensburg bestätigt Kontrollen von Überlinger Polizeibeamten am Bahnhofsplatz in unregelmäßigen Abständen. „Eine größere Kontrollaktion ist am ZOB zuletzt Ende November aktenkundig, sogar mit Unterstützungskräften des Polizeipräsidiums Einsatz.“ Dort seien auch entsprechende Verstöße festgestellt und zur Anzeige gebracht worden, heißt es.

Dreh- und Angelpunkt des abendlichen Geschehens am Bahnhof: Die Bäckerei mit Kiosk oberhalb der Gleisen.
Dreh- und Angelpunkt des abendlichen Geschehens am Bahnhof: Die Bäckerei mit Kiosk oberhalb der Gleisen. | Bild: Cian Hartung

Die Pressestelle schreibt allerdings auch, dass eine dauerhafte Präsenz an sogenannten Brennpunkten personell nicht möglich und „aus rechtsstaatlicher Sicht wohl auch wenig wünschenswert“ sei. Zwar seien die Polizeireviere mit ausreichend personellen Ressourcen ausgestattet sind, dennoch sind in erster Linie die zuständigen Ordnungsämter für die Überwachung der Corona-Regeln zuständig, Polizeibeamte nur unterstützend. „Die Aufnahme und Verfolgung von Straftaten, Bearbeitung aktueller Verkehrsunfälle oder Schlichtung von Hausstreitigkeiten hat dabei zunächst Priorität“, heißt es seitens Polizeipräsidium Ravensburg.

Jugendtreff als Lösung für Jugendliche?

Nach zwei Einbrüchen in jüngster Zeit scheint Tobias Jegler von der Bahnhofsbäckerei ratlos, wie sich die abendliche Situation vor dem Betrieb ändern lässt. „Selbst rausgehen und ermahnen, da kannst du dich manchmal fusselig schwätzen, aber es ändert sich nichts“, meint er und fragt: „Aber gibt es hier denn keinen Jugendtreff, wo die Jugendlichen hinkönnen?“

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In Überlingen gibt es beispielsweise das Jugendzentrum Rampe in Nußdorf. Doch solange der Lockdown anhält, wird dieser Ort nicht von jungen Überlingern genutzt werden können. Wie die Stadtverwaltung mitteilt, ist das Zentrum aufgrund des Lockdowns vorübergehend geschlossen, „um Menschenansammlungen und eine Verbreitung des Virus„ zu verhindern. Und so wird den Jugendlichen vorerst nur der Bahnhofsplatz bleiben.