Rund 375.000 Euro investiert die Stadt Überlingen derzeit in die Sanierung der Notunterkünfte für Obdachlose an der Müllentsorgungsstation Füllenwaid. Die Bewohnerinnen – hier leben ganz überwiegend Frauen – freuen sich zwar über die Verbesserungen ihrer Wohnsituation, wie die neuen Sanitäranlagen, Elektro, Heizung und Belüftung. Andererseits fürchten sie angesichts der hohen Investition, dass die Gebäude an diesem Standort fern der Stadt auf Dauer zur Unterbringung Wohnsitzloser in Überlingen dienen sollen.

Stadt plant keine Umsiedlung der Obdachlosen in die Stadt

„Wir müssen wohl noch sehr lange oder für immer hier in den Baracken bleiben“, sagt dazu Birgit Stinner, eine der Frauen, die seit Jahren in der Unterkunft leben. Andrea Winkler, Pressesprecherin der Stadt Überlingen, sagt auf Anfrage, eine Umsiedlung der Obdachlosen in die Stadt sei derzeit nicht geplant. Auch komme die städtische Immobilie an der Gradebergstraße neben dem Museum, die lange leer stand und jetzt saniert wird, für die Unterbringung der rund 20 wohnsitzlosen Frauen nicht in Frage, beantwortet Winkler eine entsprechende Frage.

Bewohnerin Pia Boxer hat den SÜDKURIER in die Notunterkunft eingeladen. Hier in der Küche erklärt sie, es gebe immer wieder Streit unter den Bewohnerinnen, auch wegen der Verschmutzung der gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen.
Bewohnerin Pia Boxer hat den SÜDKURIER in die Notunterkunft eingeladen. Hier in der Küche erklärt sie, es gebe immer wieder Streit unter den Bewohnerinnen, auch wegen der Verschmutzung der gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen. | Bild: Stef Manzini

Noch keine psychosoziale Betreuung der Frauen vor Ort

Während sich die Wohnsituation in den Gebäuden durch die Sanierung verbessert, gibt es weiterhin keine psychosoziale Betreuung für die Frauen in der Unterkunft. Bewohnerin Pia Boxler, die den SÜDKURIER jetzt in die Unterkunft eingeladen hatte, erklärt, Konflikte, Streit und auch Handgreiflichkeiten seien an der Tagesordnung. Das bestätigt Birgit Stinner.

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Gespräche über Betreuung laufen seit 2019

Gemeinsame Gespräche zwischen Stadtverwaltung und dem Landratsamt Bodenseekreis zu einer solchen psychosozialen Betreuung führten bislang offenbar zu keiner Lösung. Der SÜDKURIER griff dieses Thema seit Oktober 2019 mehrfach auf. Am Runden Tisch, an dem Stadtverwaltung und Landratsamt vertreten sind, gehe es inhaltlich hauptsächlich um die Kostenübernahme der psychologischen Betreuung für die meist psychisch kranken Frauen. Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts Bodenseekreis, sah im Oktober 2019 die Kostenlast für die Unterbringung und die Sozialarbeit klar bei der Stadt Überlingen.

In den Räumen der Notunterkunft an der Überlinger Füllenwaid gehen die Arbeiten voran. Die zumeist weiblichen Bewohner wurden deshalb vorübergehend in den bereits fertiggestellten Westteil umgesiedelt.
In den Räumen der Notunterkunft an der Überlinger Füllenwaid gehen die Arbeiten voran. Die zumeist weiblichen Bewohner wurden deshalb vorübergehend in den bereits fertiggestellten Westteil umgesiedelt. | Bild: Stef Manzini

Stadtverwaltung hofft auf „positives Ergebnis“ in Kürze

Die beiden Überlinger Stadträtinnen Bettina Dreiseitl-Wanschura (Bündnis 90/Die Grünen) und Kristin Müller-Hausser (BÜB+), die sich um die Interessen der Frauen in der Unterkunft kümmerten, blieben bei diesen Gesprächen am Runden Tisch außen vor. Die Stadt Überlingen teilt dazu mit: „Die Stadträtinnen, Frau Müller-Hausser und Frau Dreiseitl-Wanschura, sind nicht in die Gespräche involviert, da diese derzeit auf Verwaltungsebene zwischen dem Landratsamt und der Stadtverwaltung geführt werden.“ Die Stadtverwaltung hoffe, „in Kürze ein positives Ergebnis im Sinne der hilfsbedürftigen Personen bekannt geben zu können“.

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Kristin Müller-Hausser: „Schandfleck für Überlingen“

Kristin Müller-Hausser begrüßt die Bereitstellung der finanziellen Mittel für die „nötigsten Renovierungsarbeiten“, wie sie sagt, beklagt aber: „Leider fehlt es auch weiterhin an der so dringend notwendigen psychischen Betreuung der Bewohnerinnen.“ Es reiche nicht aus, Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. „Die Zuständigkeit wird seit Langem zwischen Überlingen und Friedrichshafen hin- und hergeschoben. Trotz meiner Bitte im Ausschuss für Soziales konnte bisher keine gemeinsame Aussprache mit den Verwaltungen erreicht werden.“ Die Stadträtin bezeichnet die Notunterkunft an der Ottomühle als „Schandfleck für Überlingen“. Dort würden die Menschen nicht mehr wahrgenommen und nicht betreut.

Ein Blick in die neu renovierten Wohnräume. Jede Bewohnerin hat ein eigenes Zimmer, sanitäre Anlagen und Küche werden gemeinschaftlich genutzt.
Ein Blick in die neu renovierten Wohnräume. Jede Bewohnerin hat ein eigenes Zimmer, sanitäre Anlagen und Küche werden gemeinschaftlich genutzt. | Bild: Stef Manzini

Gespräche in großer Runde durch Corona nicht möglich

Die Stadtverwaltung verweist hinsichtlich der noch ungeklärten Frage der psychosozialen Betreuung auf die Corona-Pandemie. Gespräche in großer Runde seien aus diesem Grund nicht möglich gewesen. Planmäßig hätten diese Gespräche bereits Ende 2020 stattfinden sollen, teilt Pressesprecherin Andrea Winkler mit.

Auch die Sanitäranlagen der Notunterkunft wurden saniert.
Auch die Sanitäranlagen der Notunterkunft wurden saniert. | Bild: Stef Manzini

Sozialarbeiter beobachtet Anstieg tätlicher und verbaler Gewalt

Thomas Buneta betreut als Sozialarbeiter in einer Einzelfallhilfe Frauen, die in der Notunterkunft leben. Er fordert seit Jahren ein tragfähiges Konzept für die Betreuung sowie sofortige Maßnahmen. Alles laufe bisher ins Leere, beklagt Buneta. Die Bewohnerinnen Pia Boxler und Birgit Stinner berichten, immer wieder hätten Frauen Streit untereinander, Männerbesuche und Partys in den Zimmern führten zu Stress und manchmal auch zu Gewalttätigkeiten. Dies bestätigt auch der Sozialarbeiter.

Die Situation in der Notunterkunft, in der viele der Frauen seit Jahren und Jahrzehnten leben, sei signifikant prekärer geworden, stellt Thomas Buneta fest. Er selbst beobachte eine Zunahme der Gewalt, tätlich wie verbal. Die Zahl der Polizeieinsätze sei gestiegen. Stadträtin Kristin Müller-Hausser ist überzeugt, dass nur eine direkte Betreuung der teilweise schwer psychisch kranken Bewohnerinnen vor Ort sowie ein Ansprechpartner, der zu festen Zeiten im Haus sei, diese Probleme lösen könnte. Dazu müsse in den Unterkünften ein Büro eingerichtet werden.

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